Grüne Perspektiven für Worpswede

„Es bleibt viel Potenzial auf der Strecke“

Zu viel Bedenkenträgerei und gegenseitige Blockade - dagegen wollen die Grünen in Worpswede angehen. Der frisch gegründete Ortsverband tritt 2021 erstmals im Künstlerdorf zu einer Kommunalwahl an.
08.01.2021, 05:10
Lesedauer: 5 Min
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Von Lars Fischer

Welche Erfahrungen nehmen die Worpsweder Grünen aus den schwierigen Bedingungen ihrer Gründung 2020 mit ins neue Jahr?

Almut Helvogt: Die Umstände haben uns natürlich den geplanten Auftakt verhagelt. Wir haben uns Anfang März gegründet, bevor wir irgendwelche Termine organisieren konnten, war der erste Lockdown da. So drohte uns die Energie aus diesem Gründungstreff flöten zu gehen, das haben wir dann aber ganz gut abgefangen, besonders als im Sommer mit Vorsichtsmaßnahmen wieder Treffen möglich waren. Wir sind in die Themenarbeit gekommen und haben eine Bestandsaufnahme gemacht, was wir als Grüner Ortsverband in Worpswede überhaupt wollen.

Welche Themen haben sich da für die zukünftige Arbeit herauskristallisiert?

Wir haben Foren zu den einzelnen Bereichen gegründet. Wichtig ist das Thema Mobilität, das wird uns weiter bewegen. Landschafts- und Naturschutz, gerade in dieser Gegend auch Moorschutz, gehören dazu. Der Klimaschutz steht quasi bei allen Themen darüber. Im Bereich Soziales ist die Zukunft der Jugendarbeit in Worpswede ein wichtiger Aspekt: Wie wird es in der Scheune weitergehen, die ja gerade renoviert wird und auch sehr unter der Corona-Pandemie zu leiden hat? Bauen, Leben und Wohnen ist ein wichtiges Forum, weil es dort darum geht, wie man eine Linie in die Bauentwicklung in der Gemeinde bekommen kann.

Wie sieht da Ihre Idealvorstellung aus?

Worpswede soll seinen Charakter behalten und ein Ort bleiben, in dem sich die Leute wohlfühlen. Aber wir dürfen nicht nur gut situierte Ältere dabei im Auge haben, sondern auch junge Familien und Alleinstehende, die bezahlbaren Wohnraum brauchen. Das ist ein großes Problem!

Wie soll sich Worpswede wirtschaftlich entwickeln?

Wir haben in diesem Arbeitsfeld eine Online-Veranstaltung zum Gemeinwohl gemacht. Wir schauen, wie wir Wirtschaftsbetriebe im Ort dabei unterstützen können, dass sie nicht nur nach Profit schauen – was sie natürlich auch müssen und sollen –, sondern dabei auch so arbeiten, dass sie der Gesellschaft und der Natur nicht schaden, sondern nützen. Genauso treibt uns um, dass es mehrere Wirtschaftsvereinigungen gibt, die zum Teil konkurrieren, und dass auch von der Gemeinde selbst wenig zur Wirtschaftsförderung und zur Neuansiedlung von Gewerbe passiert.

Welcher Art könnte das sein?

Natürlich hat der Ort keine großen Flächen für Industrie, aber dann muss man sich um andere Gewerbe kümmern: Firmen, die vielleicht nur ein schönes, bezahlbares Büro mit einer vernünftigen Internet-Anbindung brauchen. In diesem Zusammenhang muss das Projekt aus dem Gemeindeentwicklungsprozess, die freien Räume der Schule unter anderem als Co-Working-Space zu nutzen, mal von der Stelle kommen. Das funktioniert schon seit zwei Jahren nicht, weil dort ein Stromanschluss nicht in Ordnung ist. Das hat sicherlich auch etwas mit der Setzung von Prioritäten zu tun.

Was wollen Sie ändern?

Die Verwaltung ist da offenbar nicht besonders motiviert, sondern hängt sich ewig an rechtlichen Fragen auf. Man betont immer, was nicht geht, anstatt mal die Sachen, die gehen, voranzubringen. Auch im Gemeinderat selbst ist immer sehr viel Bedenkenträgerei und gegenseitige Blockade an der Tagesordnung. Mir fehlt, dass man gemeinsam in die Zukunft schaut und guckt, was möglich ist.

Wie schätzen Sie den Gemeindeentwicklungsprozess ein?

Der ist sehr gut angelaufen, mit vielen Motivierten, die sich da eingesetzt haben. Es kamen gute Idee, die liegen aus allen Bereichen auf dem Tisch. Aber dann ist es ja leider immer so, dass die Umsetzung am Rat und an der Verwaltung oder am Landkreis hängt. Themen werden tot diskutiert und zig mal wieder zurückverwiesen. Das ist für die Beteiligten sehr frustrierend, und das merkt man ihnen in Gesprächen auch an. Corona hat dann auch noch mal den Stecker gezogen, aber es gibt ja auch kein Bemühen, so etwas beispielsweise online fortzuführen. Da bleibt viel Potenzial auf der Strecke.

Wird die Transformation in virtuelle Formate ein wichtiges Thema bleiben?

Ich weiß aus unserer Erfahrung, dass die Beteiligung natürlich nicht dieselbe wie bei Offline-Veranstaltungen ist, aber die Bereitschaft dafür nimmt ständig zu. Das ist auf jeden Fall ein wichtiger Prozess für die Zukunft. Für viele ist das vielleicht erst mal eine Hürde, aber für andere wird es dadurch auch einfacher. Ich brauche dann eben keinen Babysitter: Wenn das Kind im Bett liegt und schläft, kann ich teilnehmen. Und wenn es aufwacht, dann klinke ich mich eben aus. Eigentlich ist das viel niedrigschwelliger, wenn man es einmal ausprobiert hat.

Muss Worpswede bürgernäher werden? Und mit Initiativen, wenn etwa Anwohner Bebauung verhindern wollen, anders umgehen?

Auf jeden Fall. Da ist ein großes Engagement von Bürgern, das einfach abgewürgt wird. Das geht gar nicht. Wir haben die Gemeinde aufgefordert, den Anwohnern das Grundstück zu verkaufen statt es meistbietend zu versteigern.

2021 ist Wahlkampf. Die Grünen werden sich auch gegen die Unabhängige Wählergemeinschaft (UWG) behaupten müssen. Wird es auch Kooperationen mit der UWG geben?

Ich schätze das sehr optimistisch ein. Ich verstehe, dass es für viele nicht ganz einsichtig ist, warum es jetzt beides im Ort gibt. Die Grünen sind da mit der Bundespartei im Rücken eben noch mal ganz anders aufgestellt, als die UWG das als lokale Wählervereinigung sein kann. Aber grundsätzlich ist da vieles an Zusammenarbeit möglich. Ich war ja auch UWG-Mitglied und habe mich dann schweren Herzens entscheiden müssen. Ich bin ohne Groll gegangen. Letztendlich wird es darum gehen, für unsere Themen Mehrheiten zu gewinnen, und da ist die UWG sicher Partner und nicht Gegner.

Wird es eine gemeinsame Liste geben zur Kommunalwahl?

Nein, voraussichtlich nicht.

Sind die Grünen im Herbst nach dann eineinhalb Jahren als Ortsverband schon reif für Verantwortung?

Als Mitglieder im Gemeinderat? Ganz sicher. Nur weil man noch nicht selber dort gesessen hat, heißt das nicht, dass man nicht konstruktiv und verantwortlich handeln könnte. Da sind wir personell gut aufgestellt.

Manche träumen schon von einer Grünen als Bürgermeisterin für Worpswede. Wie steht es um Ihre Ambitionen?

Diese Frage können und wollen wir jetzt noch nicht beantworten. Ich habe einen schönen Beruf, der mir Spaß macht und mit dem ich meine Familie versorgen kann. Ich habe keinen Anlass, das zu ändern. Ob wir überhaupt jemanden aufstellen und wenn ja, wer das sein würde, steht noch in den Sternen.

Das ist jetzt aber schon eine sehr diplomatische Politikerinnen-Antwort!

Ja, aber wir wissen auch, welchen Einfluss die Anzahl der Kandidaten bei einer Bürgermeisterwahl hat. Da muss man auch strategisch denken, und das werden die anderen Parteien sicherlich auch so sehen. Wen wir dann unterstützen, werden am Ende unsere Mitglieder entscheiden.

Das Interview führte Lars Fischer.

Info

Zur Person

Almut Helvogt (43)

ist eine von zwei Sprechern des im März 2020 gegründeten Grünen-Ortsverbands Worpswede. Die promovierte Radiologin lebt zusammen mit ihrem Ehemann und der gemeinsamen Tochter in Wörpedahl.

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