Textkünstlerin Angelika Sinn aus Worpswede Kreativ im Umgang mit dem Wort

Die Autorin und Textkünstlerin Angelika Sinn hat an der Worpsweder Mühle ihren Wohn- und Arbeitsplatz. Ihre Kunst vermittelt sie auch in Seminaren und Workshops.
27.01.2021, 13:00
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Von Donata Holz

Worpswede. Vor dem Fenster mit dem Blick in die freie Natur steht der Schreibtisch mit dem Laptop. Mehr braucht Angelika Sinn nicht für ihre Arbeit. Es ist der Umgang mit dem Wort und der Sprache, der sie immer wieder herausfordert und reizt. Texte, Geschichten, Gedichte und Wortkunst machen die Vielfalt ihres Werkes aus. Unterhalb der Worpsweder Mühle, in dem kleinen, von Grün umgebenem Haus, das einst zum Hof des Müllers gehörte, befindet sich der Wohn- und Arbeitsplatz der Autorin und Textkünstlerin.

Erst jüngst machte sie mit einem Gedicht am Baugerüst der Worpsweder Zionskirche auf sich aufmerksam. Dieses Projekt mit dem Titel „Ein Wort nur“ hatte auch zum Ziel, andere zum Schreiben anzuregen. Angefangen hat Angelika Sinn, die Pädagogik sowie Literatur- und Kulturwissenschaften studierte, mit journalistischem Schreiben im Kultur-Ressort des WESER-KURIER. Ab 1998 folgten verschiedene Veröffentlichungen sowie Tätigkeiten als Kulturpädagogin. Seit 2005 arbeitet sie auch als Textkünstlerin. Als sie 2006 die Geschäftsleitung des Bremer Literaturkontors übernahm, musste sie einen Teil der freien Arbeiten aufgeben. Dennoch gelang es ihr, ein viel beachtetes Buch zu schreiben. Unter dem Titel „Himmelssüchtig. Mit Paula Modersohn Becker in Paris“ begab sie sich auf die Spuren der Malerin und tauchte tief in deren Tagebuchaufzeichnungen ein. Genauso wie die Malerin damals im Jahr 1899 nahm sie den Zug. „Es ging darum, dem Lebensgefühl von Paula nachzuspüren“, so die Autorin, die alle Orte aufsuchte, an denen die Künstlern damals war. „Das war sehr spannend“, erinnert sich Angelika Sinn. „In manche Hinterhöfe mussten wir uns einschleichen.“

Dabei ist kein klassischer Erzählband entstanden, es sind vielmehr Miniaturen zu Orten und Erlebnissen, in denen die Autorin sich in die Malerin einfühlt und dabei auch ihre eigenen Empfindungen zum Ausdruck bringt.

Im Jahre 2005 entwickelte Angelika Sinn mit der Textkunst erstmals eine andere Art des Umgangs mit dem Wort. Aus einer lyrischen Einführung in eine Ausstellung der Künstlerin Barbara Rosengarth entstand ein Künstlerbuch mit dem Titel „Zeit-Muster“. Während Angelika Sinn eine Ballade Buchstabe für Buchstabe mit dem Stempel auf einzelne Seiten druckte, wurden diese von der Künstlerin so unterschiedlich gefaltet, dass der zusammenhängende Text nicht mehr lesbar, sondern nur assoziativ wahrzunehmen ist.

Im Laufe der Jahre wurde für Angelika Sinn ihre eigene freie Arbeit immer wichtiger. „Doch neben der Arbeit im Literaturkontor blieb mir nicht genug Zeit.“ Und so wagte sie den Schritt, die sichere Stelle aufzugeben. Gleichzeitig verkaufte sie ihr Haus in Bremen, reduzierte sich auf wenige wichtige Dinge und bezog die kleine Atelierwohnung in Worpswede. Dort hat sie alles, was sie braucht und vor allem Zeit und Ruhe für ihre Textarbeit, aus der sie seit einigen Jahren auch Sound-Installationen entwickelt. Sie gibt eine kleine Kostprobe, aus einem Projekt, das sie für den Bunker Vallentin entwickelte: „Herz schlag, schlag rau, schlag nackt, schlag kalt, Herz schlag, Herz schlag...“ Rhythmisch, eindringlich flüsternd ist die Stimme der Künstlerin zu hören. Stellt man sich diese in verschieden Ecken der massigen Wände des Bunkers vor, so sorgt der Klang für Gänsehaut.

Ein ähnliches Gefühl stellt sich ein, wenn Angelika Sinn die Ballade von „Gavrilo“ spricht. Der 19-jährige Gavrilo Princip hat am 28. Juni 1914 in Sarajevo den Mordanschlag auf den österreichisch-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand und dessen Ehefrau Sophie verübt, was später zum Ersten Weltkrieg führte. Die Wortkünstlerin hat sich intensiv mit ihm beschäftigt, sich in ihn und sein Leben eingefühlt und auch Mitleid mit dem Jungen empfunden, der nicht nur ein Mörder, sondern auch ein Kind und Jugendlicher war: „Gavrilo, der Mutter beim Backen zusehen, ...durch die Wälder streifen, Berggeister fangen, ein Stück vom Mond finden...“

Angelika Sinn schreibt nicht nur, sondern vermittelt diese Fähigkeit auch in Seminaren und Workshops, unter anderem an der Universität Bremen. Auch in Worpswede bietet sie einen Kursus an, in dem sie in die „Techniken des kreativen Schreibens“ einführt, wenn es die Corona-Krise wieder zulässt.

In ihrem eigenen Schreiben bleibt Angelika Sinn weiterhin sehr vielfältig. Gerade hat sie ein literarisches Reisejournal über Kirgisien abgeschlossen. Ein weiteres über Myanmar ist in Arbeit. Gleichzeitig wagt sie sich an ihren ersten Roman, in dem es um Zerfall und Wandel gehen soll. Ein umfangreiches Pensum gibt sich die Autorin und Textkünstlerin auf. Dazu bedarf es einer klaren Arbeitsstruktur: „Gleich morgens mit dem ersten Kaffee sitze ich am Schreibtisch.“

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