DLRG-Präsident Haag kommt nach Worpswede „Eine Geschichte mit Happy End“

DLRG-Präsident Achim Haag kommt am 25. September nach Worpswede, weil der dortigen Ortsgruppe eine ganz besondere Rettungsaktion in eigener Sache gelungen ist.
17.09.2020, 10:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer

Herr Haag, Sie sind seit 2017 Präsident der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG), ihre Tätigkeit als Bürgermeister von Altenahr haben Sie aber aufgegeben. Warum?

Achim Haag: Meine Amtszeit endete im vergangenen Jahr und da ich, wie jeder Mensch, das Privileg habe zu altern, konnte ich in den Ruhestand gehen. Nach meiner Ansicht ist jede Spitzenposition so verschleißend, dass man nach zwei, spätestens drei Wahlperioden gehen sollte. Dann kommt wieder etwas Neues, und das ist gut. Vieles wird einem zur Routine, was ja auch Vorteile hat, aber für mich war es nach drei Amtszeiten und 24 Jahren dann genug. Ich bin mit 64 Jahren ausgeschieden, hätte ich weitergemacht, wäre ich mit 72 immer noch Bürgermeister gewesen. Ich halte es da mit dem Heiligen Augustinus, der gesagt hat: Du musst dann gehen, wenn du gefragt wirst, zu bleiben.

Eine Zeit lang haben Sie aber diese Doppelfunktion ausgeübt?

Ja, ich war vorher schon Vizepräsident der DLRG und leider ist mein Vorgänger Hans-Hubert Hatje im Februar 2017 nach langer Krankheit gestorben. Ich hatte schon zuvor Teile seiner Aufgaben übernommen und das dann weitergeführt. Das ging nur, weil ich sowohl bei der DLRG als auch in meiner Verwaltung hervorragende Teams an meiner Seite hatte.

Einen Verband mit mehr als einer halben Million Mitglieder und einem Jahresumsatz von rund 24 Millionen Euro führt man nicht mal so eben nebenbei.

Das stimmt, es ist mit sehr, sehr viel Arbeit verbunden. Ich habe das Amt auch nur übernommen, weil ich wusste, dass ich in meinem Hauptberuf nicht mehr weitermachen werde. Das ist nicht nur zeitintensiv, was repräsentative Aufgaben angeht. Wir haben ja auch beispielsweise unsere Petition „Rettet die Bäder“ bis in den Bundestagsausschuss gebracht. Das Innenministerium hat schon einmal prophylaktisch 80 Millionen Euro für Sanierung und Neubau von Schwimmbädern eingesetzt. Ich denke, da sind wir auch auf einen guten Weg, aber da liegt noch viel Arbeit vor uns.

Warum ist das so wichtig?

Ich sage mal so: Fußballspielen kann man auch zur Not auch auf einem Garagenplatz lernen. Das weiß ich noch aus eigener, guter Erfahrung. Das stört zwar die Nachbarn, aber man kann spielen. Schwimmen können Sie aber nur in einem Hallenbad gut lernen. Es gibt natürlich auch die Freigewässer, aber dort ist für Anfänger die Gefährdung viel zu groß. Aber wenn eine Grundschule 90 Minuten An- und Abfahrt zum nächsten Schwimmbad hat, dann bleibt keine Zeit mehr für Schwimmunterricht. Deswegen sind wir so intensiv an diesem Thema dran!

Sind Sie da schon am Ziel?

Nein, damit sind wir noch lange nicht fertig. Wir haben ja zudem das Problem, dass im Moment durch Corona alle Haushalte extrem belastet sind. Dafür haben wir natürlich auch Verständnis, aber unser Anliegen darf nicht in Vergessenheit geraten, denn sonst würden wir zu einem Land der Nichtschwimmer. Mit unseren rund 575 000 Mitgliedern und 1,1 Millionen Unterstützern sind wir schon eine Macht. Dass wir mit der ruhigen Art, wie wir so etwas vorantreiben, weiter kommen, als wenn wir auf Krawall gebürstet wären, ist allerdings auch klar.

Als die DLRG 1913 gegründet wurde, konnten in Deutschland ganze drei Prozent der Menschen schwimmen, heute sind es knapp 50 Prozent. Wie groß ist die Gefahr, dass dieser Wert, der auch schon mal deutlich höher lag, weiter sinkt?

Früher waren es nur die Wohlhabenden, die schwimmen lernen durften. Die anderen hatten dafür gar keine Zeit, so etwas wie Freizeit gab es halt für die Mehrheit der Bevölkerung nicht. Wenn wir nicht weiterhin in der Grundschule – oder am besten schon im Kindergarten – anfangen mit der Wassergewöhnung, dann ist diese Entwicklung programmiert.

Kommen wir auf die Entwicklung in Worpswede zu sprechen: Dort litt die Ortsgruppe unter ständigem Mitgliederschwund, vor zehn Jahren hatte sie gerade noch 70 Aktive. Inzwischen sind es wieder rund 300. Was ist da passiert?

Da ist tatsächlich eine ganz besondere Rettungsaktion gelungen, weswegen ich auch gerne dorthin kommen will. Der Ortsgruppe stand ja im wahrsten Sinne des Wortes das Wasser bis zum Hals. Dann gab es zwar keine Heldentaten, aber diejenigen, die noch da waren, sind über sich hinaus gewachsen. Eine Geschichte, die ein Happy End genommen hat, aber noch lange nicht zu Ende ist. Die DLRG ist dort in der Schwimmausbildung für Kinder und in der Wasserrettung auf der Hamme aktiv, und was funktioniert, ist eben die Gemeinschaft. Und auch die Unterstützung durch die Gemeinde ist vorbildlich.

Wie typisch ist eine solche Entwicklung?

Die DLRG ist auch gesellschaftlichen Schwankungen unterworfen, keine Frage. Aber die Idee hinter unserer Organisation ist so stark, dass sie sich auch an den eigenen Haaren wieder aus dem Sumpf ziehen kann. Man braucht dafür aber immer Motoren, Menschen, die einfach motivieren und etwas ausprobieren. Es gibt immer viele Bedenken, oft ja auch zu recht, aber man muss den Mut haben, etwas zu verändern. In Worpswede hat das geklappt, das passiert natürlich nicht überall und immer so. Der Wille ist ja immer da im Ehrenamt, und eine Rettungsorganisation mit dem Ziel der Hilfe für andere ist schon etwas Besonderes. Wenn wir es nicht machen, macht es keiner. Die Gesellschaft sind wir. Die Begeisterung dafür am Leben zu halten, auch wenn es mal schwierig wird, das sehe ich als meine Hauptaufgabe an.

Sie sind selber seit 1974 DLRG-Mitglied und haben als Funktionär zahlreiche Posten ausgeübt. Haben Sie selber mal jemanden das Leben gerettet?

Nein, so direkt wurde ich zum Glück nie gefordert, obwohl ich als Bootsführer dafür ausgebildet wäre. Sicher habe ich immer mal Hilfestellung geleistet. Und ich übernehme immer noch regelmäßig Wachdienste, das habe ich auch als Bürgermeister so getan: Eine Woche meines Urlaubs verbringe ich jedes Jahr auf der Wachstation am Laacher See in der Eifel.

Das Interview führte Lars Fischer.

Info

Zur Person

Achim Haag (65)

ist seit 2017 Präsident der DLRG. Der gelernte Jurist war bis zum vergangenen Jahr Bürgermeister der Verbandsgemeinde Altenahr in Rheinland-Pfalz. Haag ist seit 1974 DLRG-Mitglied und hat zahlreiche Führungsfunktionen in dem Verband übernommen. 2018 bekam er für sein ehrenamtliches Engagement das Bundesverdienstkreuz am Bande. Am 25. September kommt er nach Worpswede, um sich über die Arbeit beim dortigen DLRG-Ortsverband zu informieren.

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