Meret Becker im Interview „Ein Held ist schnell erzählt“

Als Schauspielerin ist sie vor allem als Tatort-Kommissarin bekannt, aber auch als Musikerin weiß Meret Becker zu überzeugen. Im Interview spricht sie über Ihre Lieder und die Freude am Abseitigen.
30.05.2019, 09:37
Lesedauer: 5 Min
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Von Lars Fischer

Es ist Freitagvormittag. Wären Sie noch schulpflichtig, wo wären Sie jetzt?

Meret Becker: Definitiv auf der Demonstration! Mein Plan war tatsächlich, in dieser Woche auf die Fridays-For-Future-Kundgebung zu gehen, aber ich muss gerade eine Tour vorbereiten – und bin ein bisschen überfordert. Ansonsten wäre ich dabei. Es ist zwar toll, dass ein Kind das alles organisiert, aber es geht ja uns alle an. Meine Tochter geht zwar auch nicht mehr zu Schule, aber ich würde das auch bei ihr gutheißen, und mir wäre egal, wenn die Lehrer sagen, sie schwänzt.

Lange vor Ihrer Schulzeit haben sie in der Region gelebt, Sie sind gebürtige Bremerin?

Das stimmt, ich war vier Jahre alt, als ich nach Berlin kam – und ich rede normalerweise wie ein Berliner Bauarbeiter! Ich kann mich aber noch an ein paar Dinge erinnern, und es gibt noch eine Tante, einen Onkel und Cousinen.

Ihr aktuelles Programm „Le Grande Ordinaire“, mit dem Sie nach Worpswede kommen, gibt es nur auf der Bühne. Ist das gewollt oder ist es Ihrer zeitlichen Belastung geschuldet, dass es keine Platte dazu gibt?

Beides. Das ist ein Projekt, das darauf fußt, dass ich im Varieté angefangen habe zu singen. Mein Werdegang führte dann zu sehr düsterer und skurriler Musik, das hat sich so aus meinen künstlerischen Bedürfnissen heraus ergeben. Aber irgendwann habe ich gedacht, ich kann doch auch Entertainment. Ich wollte gerne so ein Varieté-Zirkus-Programm machen, ganz nach meinen eigenen Vorstellungen. Das war am Anfang so ein ganz kleines Programm und hat sich dann immer weiter entwickelt, fast schon zu einem Theaterstück, mit jedem Schritt wurde es aufwendiger, aber es kam nie zustande. Jetzt ist es ein Fragment dessen, quasi nur der Soundtrack dazu. Aber auch der ist noch nicht fertig. Ich habe mich damit abgefunden, dass mich dieser Prozess noch länger verfolgen wird. Es ist mir noch nicht klar genug, um das aufzunehmen, aber das wird kommen!

Wie funktioniert das live? Wird das Fehlende mit alten oder Coversongs aufgefüllt?

Es gibt schon ganz viele neue Songs von mir, und die Musiker aus meiner Band haben auch noch welche mitgebracht. Zum Beispiel hat Ben Jäger ein Stück geschrieben namens „Blumen in Phasen“, das habe ich mehrfach verarbeitet, wie ein wiederkehrendes Element mit verschiedenen Texten, mal gesungen, mal gesprochen. Es passieren verschiedenste Sachen. Und ich hoffe, dass dabei Bilder im Kopf entstehen, weil Zirkus sowieso so eine Sache ist, die in der Fantasie aufblüht. Ich glaube, den Zirkus, so wie wir ihn im Kopf haben, den gab es vielleicht niemals. Da hat jeder eigene Bilder, die man vielleicht aufleben lassen kann.

Das Foto, das es dazu von Ihnen gibt, sah eher nach einer Fetisch-SM-Show aus?

Das ist auch nicht so weit weg davon! Zirkus hat schon mit Schmerz zu tun. Dieser Widerspruch, das Tragisch-Komische und auch das Brutale, das es in sich birgt, interessieren mich sehr. Das schöne Bild von der Frau auf dem Trapez ist das eine, aber die Schwerstarbeit dahinter und was alles schief gehen kann, das gehört auch dazu, es hat viele Facetten. Man steht in jeder Lebenslage auf der Bühne, komme was wolle. Und man wird da hineingeboren, es gibt keine Wahl, und trotzdem ist es auch der Traum vom Weglaufen, es hat etwas von Anarchie, die im Zirkus gelebt wird; alles ein bisschen anders zu machen. Trotzdem: Der Zauberer macht Tricks, aber das Publikum zaubert. Die Magie passiert in den Köpfen der Leute. Das alles finde ich faszinierend.

Sind Sie gerne Trickserin?

Ja, und die Leute zaubern. Das ist so mein heimlicher Plan. Menschen sollen ja immer funktionieren – da bin ich dagegen. Erinnerungen interessieren mich auch immer, dieses Vage, Verschwommene, das zieht sich durch alle meine Platten.

Ist auch Spaß am Abseitigen, am Düsteren, an dem, wo man eigentlich gar nicht so gerne hinschauen möchte, dabei?

Absolut! Menschliche Fehler finde ich beispielsweise etwas Wunderbares. Fehler sind paradox, so wie die Zeit: Man will nicht, dass sie wegläuft, und doch nervt sie, weil sie da ist und so präsent ist. Man hat immer zu wenig. Fehler will man ja vermeiden, die will man nicht haben, aber ohne sie würden wir ja niemals etwas entdecken. Humor gebe es ohne Fehler nicht. Fehler sind gleichzusetzen mit Überraschung. Das wäre total traurig. In Fehlern steckt auch immer eine Sehnsucht. Menschen, die scheitern, haben immer die Hoffnung, dass sie es doch schaffen. Sonst würden sie ja aufhören. Das berührt mich zutiefst und ich weiß nicht, ob ich lachen oder heulen soll. Das finde ich auch in Filmen immer den spannenderen Teil: Ein Held ist schnell erzählt, aber derjenige, der ringt, der interessiert uns doch viel mehr!

Wie ist es bei Ihnen mit der Musik und dem Film? Was war zuerst da?

Die Musik war eigentlich schon immer da. Ich habe als ganz kleines Kind schon vor mich hin gesungen und irgendwann hat mir dann mal jemand „Alle meine Entchen“ auf dem Klavier beigebracht. Ich hatte dann mit acht Jahren Klavierunterricht und mit zwölf Saxofon, da war dann aber auch schon klar, dass ich Schauspielerin werden wollte.

Sie spielen auch Singende Säge, hatten sie mal Sägenunterricht?

Ja, man muss das einmal gezeigt bekommen, sonst kann man das nicht lernen. Man muss das System verstehen, der Rest ist Üben. Das war tatsächlich für einen Film: Ich sollte bei „Kleine Haie“ eigentlich Cello spielen, das hat ja so etwas Breitbeiniges, Burschikoses. Ich habe dann Sönke Wortmann, der Regie führte, vorgeschlagen, dass ich stattdessen Säge spiele. Und dann musste es der Clown bei uns im Varieté, der es sonst immer keinem zeigen wollte, weil er Angst hatte, dass ihm jemand die Nummer klaut, mir beibringen. Eigentlich sollte er es noch synchronisieren, aber ich habe so viel geübt, dass ich dann live spielen konnte. Am Ende der Dreharbeiten musste ich die Säge wieder abgeben. Das war ein wunderschönes Stück mit einer Gravur „Weihnachten 1937“. Meine Mutter fand das so schade, dass sie die irgendwie besorgt hat. An meinem nächsten Geburtstag stand dann diese Säge auf meinem Gabentisch – und seitdem spiele ich sie.

Wie wichtig war bei Ihrer ersten Solo-Platte „Nachtmahr“ (1998) die Zusammenarbeit mit ihrem damalige Ehemann Alexander Hacke von den Einstürzenden Neubauten?

Sehr wichtig. Ich hatte angefangen, Texte zu schreiben, und ich hatte lauter musikalische Fragmente. Ich komponiere wahnsinnig simpel und ich hatte auch keine Ahnung, wie ich das aufnehmen sollte. Alexander Hacke hat damals zu mir gesagt: „Gehe jetzt in ein Studio, sonst wirst du nicht glücklich.“ Das habe ich dann gemacht, und es hat sechs Jahre gedauert. Das war meine Lehre, ich habe dabei die Angst vor Technik verloren. Seitdem kann ich meine eigene Musik produzieren.

Das Interview führte Lars Fischer.

Info

Zur Person

Meret Becker (50)

wurde in Bremen geboren, wuchs aber in Berlin auf. Als Schauspielerin verkörpert sie unter anderem Tatort-Kommissarin Nina Rubin. Als Sängerin wurde sie mit dem Duett „Stella Maris“ mit Blixa Bargeld (Einstürzende Neubauten) bekannt und veröffentlichte sechs Alben.

Info

Zur Sache

Konzert in der Music Hall

Meret Becker und ihre Band The Tiny Teeth sind am Sonntag, 2. Juni, ab 20 Uhr in der Worpsweder Music Hall zu sehen. Das Konzert beginnt gegen 20 Uhr, Eintrittskarten zum Preis von 30 Euro sind noch erhältlich.

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