Stipendium am Canal Grande

Ein Worpsweder in Venedig

Sein Nachbar für drei Monate ist Commissario Brunetti - zumindest im Film liegt dessen Dachterrasse direkt neben dem Atelier, in dem Jost Wischnewski in Venedig arbeitet. Möglich macht das ein Stipendium.
28.09.2019, 10:14
Lesedauer: 3 Min
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Von Lars Fischer
Ein Worpsweder in Venedig

Venedigs Bahnhof Santa Lucia.

JOST WISCHNEWSKI

Worpswede/Venedig. Der Start war alles andere als optimal. Jost Wischnewski wusste, als er im Sommer nach Venedig aufbrach, dass es für ihn im Gegensatz zu den Hunderttausenden Touristen kein Spaziergang, sondern eine intensive Arbeitsphase in der legendären Lagunenstadt werden würde. Er hatte ein Stipendium des Deutschen Studienzentrums in Venedig in der Tasche, drei Monate würde er dort arbeiten können. Also erweiterte er die Italienreise um ein paar Urlaubstage in der Toskana. Die endeten allerdings damit, dass etwa zwei Drittel seiner Kameraausrüstung gestohlen wurde. So standen vor Ort vor den künstlerischen zunächst logistische Herausforderungen, um überhaupt arbeitsfähig zu sein.

Vor Ort, das ist die höchste Etage des Palazzo Barbarigo della Terrazza, hoch über der Stadt und direkt am Canal Grande. Gegenüber liegt die Dachterrasse von Commissario Brunetti, schenkt man den Büchern von Donna Leon Glauben. Wischnewskis Interesse gilt aber nicht dem alten Venedig; auf die Idee, dessen Schönheit, die ständig dem Untergang geweiht scheint, zu fotografieren, käme der Künstler mit Düsseldorfer Wurzeln nie. Ihn interessieren hier wie dort die anderen Seiten der Städte: nicht die Paläste aus dem 13. bis 18. Jahrhundert, nicht der Prunk und Pathos der einstigen Handelsmacht, sondern der Hafen von Mestre, die Industrieanlagen von Marghera, der Bahnhof Santa Lucia oder das gigantische Projekt Mose, mit dem der Wasserstand in der Lagune gesteuert werden soll.

Zuletzt hat Jost Wischnewski unter anderem über den Elbe-Weser-Port bei Wilhelmshaven gearbeitet; und wenn er aus dem historischen Zentrum Venedigs über die Brücke Richtung Festland fährt, dann sehe das dort nicht grundsätzlich anders aus, berichtet er. Düster und schlickig sei es da zwischen Kraftwerken, Ölraffinerien und Werften. Gerne würde er diese Industrieansiedlungen auch von innen fotografieren, bisher habe er aber dazu keine Genehmigung erhalten. Anders bei den milliardenschweren Mose-Bauwerken, die sich über die drei Lagunenzufahrten verteilen. Das Ensemble aus Sperrwerken besteht insgesamt aus 78 beweglichen Fluttoren, die mithilfe von Druckluft aufsteigen sollen, bevor der Wasserstand in der Lagune die kritische Marke von 1,10 Meter erreicht. Ab dieser Höhe spricht der Venezianer von Aqua alta (Hochwasser), baut Stege durch die Stadt, verkauft Gummistiefel und pumpt mit erstaunlicher Gelassenheit regelmäßig volllaufende Gebäude wieder trocken. Durch den Anstieg des Meeresspiegels und des gleichzeitigen Absinkens der Stadt unter ihrem eigenen Gewicht häufen sich diese Ereignisse. Außerdem setzen die zahlreichen Kreuzfahrtschiffe mit ihrem enormen Wellenschlag den auf Stelzen gegründeten Gebäuden massiv zu.

Mose, dessen Bau seit den 80er-Jahren vorangetrieben wird, war von Beginn an umstritten und von Verzögerungen, Skandalen und Korruption begleitet. Nicht nur dieser Hintergrund, sondern auch die optischen Dimensionen des Bauwerks faszinieren Jost Wischnewski. „Sehr futuristisch, fast wie auf einem anderen Stern“ habe es ausgesehen im Innenleben von Mose, dessen biblische Dimension – das Teilen des Meeres – im Namen durchaus mitgedacht ist, das aber im Ursprung für Modulo sperimentale elettromeccanico steht. Die einzelnen Tore sind bis zu 30 Meter lang und wiegen 250 Tonnen. Und sie sind bei Weitem nicht der erste Versuch, die Macht des Wassers unter Kontrolle zu bekommen. Bereits ab 1744 baute man in der Lagune Mauern gegen das Hochwasser: Die Murazzi von Pellestrina und Lido sind vermutlich die ältesten Bauwerke, die Wischnewski fotografierte.

Schon sie sind ein herber Kontrast zu der so kunstbeflissenen Stadt. „Nirgendwo sonst ist das Angebot an Kultur so reich wie hier, außer vielleicht noch in Worpswede“, meint Wischnewski schmunzelnd. Tatsächlich gibt es einige, wenn auch vage Verbindungen. Heinrich Vogeler und Rainer Maria Rilke sind sich möglicherweise dort das erste Mal begegnet um 1889, vielleicht aber auch in Florenz. Und mit Richard Oelze, der in der Peggy Guggenheim Collection im Palazzo Venier dei Leoni dauerausgestellt ist, hat zumindest ein, in der Heimat eher unterbewerteter, Worpsweder Künstler einen Pflock in die Lagune gerammt. Wischnewski aber forscht weniger an der Kultur als an der Infrastruktur, die Leben und Kunst an diesem Ort überhaupt erst möglich machen, und an dem Beton, den es braucht, damit das Wasser die Stadt nicht frisst.

Neben dem Fotografieren dreht der Künstler, der unter andrem auch als Maler und Bildhauer aktiv ist, auch Videos. Das meiste Material ist noch im Rohzustand, er will es später in Worpswede bearbeiten. Einen Film unter dem Titel „Wartezeit“ hat er aber bereits vollendet. Er läuft als Beitrag zum aktuellen Kunstfestival „Lebe Dein Ändern“ im Alten Rathaus Worpswede. In seinem Fotoblog berichtet Jost Wischnewski zudem über sein aktuelles Schaffen: www.jost-wischnewski.de.

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