Worpsweder Buchhandlung Netzel

Eine Schatzkammer

Ein Blick in die Worpsweder Buchhandlung Netzel ist wie eine Reise in die Geschichte. Hinterm Tresen des 140 Jahre alten Ladens öffnen sich Türen in längst vergangene Zeiten.
30.11.2019, 12:41
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Von Carmen Jaspersen (Fotos) und Lars Fischer (Text)
Eine Schatzkammer

Ein Blick in die Worpsweder Buchhandlung Netzel ist wie eine Reise in die Geschichte. Hinterm Tresen des 140 Jahre alten Ladens öffnen sich Türen in längst vergangene Zeiten.

CARMEN JASPERSEN

Es gibt Orte, die gibt es eigentlich gar nicht mehr. Die Zeit hat die alten Dorfläden, die irgendwie alles haben, was man so braucht, hinweggefegt. Inmitten der modernen Geschäftswelt öffnen sich kaum noch Türen in eine Vergangenheit. Wenn man die Worpsweder Buchhandlung Netzel betritt, dann beginnt allerdings eine solch seltene Zeitreise. Nicht, dass im Laden die Zeit still stehen würde: Die Bücher und das Angebot an Schreibwaren sind aktuell, und wie jedes andere Geschäft kommt auch dieses nicht ohne einen Computer aus. Aber schon die Einrichtung mit dem schweren, dunklen Holztresen, der wie ein lang gezogenes U den kleinen, prall gefüllten Verkaufsraum dominiert, erinnert an eine andere Ära. Würde einem aus dem Nebenzimmer ein Herr mit Zylinder oder eine Dame im Gründerzeit-Kleid – beide dem Ehepaar Vogeler nicht ganz unähnlich – entgegentreten, niemand wäre verwundert.

140 Jahre Buchhandlung Friedrich Netzel

Das Gebäude an der Findorffstraße 29 ist bis heute Firmensitz geblieben. 1905 wurde es erweitert.

Foto: CARMEN JASPERSEN

Tatsächlich sind die Worpsweder Künstler bei Netzel ein- und ausgegangen. Sie alle haben ihre Seiten in den fünf dicken, akribisch geführten Anschreibebüchern, die bis ins Jahr 1892 zurückreichen. Diese Bücher sind ebenso erhalten geblieben wie unzählige andere Stücke aus den vergangenen 140 Jahren. 1879 kam ein Friedrich Netzel aus Lilienthal nach Worpswede und gründete das Geschäft. Heute führt es seine Urenkelin Silke Schroeter, die die Historie des Hauses und ihrer Familie nach und nach aufarbeitet und die schier erschlagende Sammlung von Erinnerungsstücken ordnet. Der Rucksack von Udo Peters oder das Tintenfass und der Wohnzimmertisch von Rainer Maria Rilke sind darunter, eine Postkarte von Paula Modersohn-Becker, natürlich aus Paris, oder ein Gästebuch mit einer Eintragung von Heinrich Mann. Das Haus ist Worpswedes unentdecktes Museum.

Schon die Kunden vor dem Tresen spüren mehr als nur einen Hauch von Geschichte, aber dahinter beginnt eine Schatzkammer, die der Öffentlichkeit verborgen bleibt. Schroeter lässt Forschende und Suchende nach Absprache immer mal darin eintauchen, aber selbst sie ist immer wieder überrascht, was dieses Haus alles zu bieten hat. Manchmal fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Vor allem beim Familienstammbaum wird es schwierig, hießen doch alle vier „Stammhalter“ in Folge Friedrich Netzel. Johann Georg Friedrich, Friedrich Ludwig Johannes, Friedrich Karl Martin oder einfach nur Friedrich – Silke Schroeter jongliert souverän mit den Namen, und dem Zuhörer wird ein wenig schwindelig.

140 Jahre Buchhandlung Friedrich Netzel

Silke Schroeter führt das Geschäft in vierter Generation und ordnet die Familiengeschichte.

Foto: CARMEN JASPERSEN

Netzel war schon immer mehr als nur eine Buchbinderei und später Buchhandlung. Nachdem das Haus 1905 erweitert wurde, gab es Gästezimmer und einen Ausstellungsraum, der Anfang der Worpsweder Kunsthalle, die 1925 in die Bergstraße umzog. Man verkaufte Malerutensilien, die oft mangels Bargeld gegen Kunstwerke getauscht wurden, Worpsweder Möbel und allerlei Haushaltsartikel von der Seife bis zur Schokolade.

Zigarren gehörten zum Sortiment und Kurzwaren. Auf der Rückseite des Tresens sind immer noch die Schilder an Dutzenden von Schubfächern. Darin schlummern mehr als 100 Sorten Stahlfedern und Tinte, Knöpfe, Garn oder Korsettstangen. Sie alle haben wie in einem Kokon die Wirrungen eines ganzen Jahrhunderts und mehr überstanden. Neulich suchte ein Kunde Transparentpapier, ausgerechnet in Braun. In der untersten Schublade wurde Schroeter fündig. Darunter fand sie einen „Kontor-Kalender“, wie eben hineingelegt und nahezu neuwertig, Jahrgang 1941.

140 Jahre Buchhandlung Friedrich Netzel

Rilkes Feder und Tintenfass neben dem Anschreibebuch von 1899 mit Paulas Einkäufen.

Foto: CARMEN JASPERSEN

Mit einer Lesung wollen Silke Schroeter und der Schauspieler Jochen Strodthoff ( " Fuck ju Göhte "), ein Ururenkel des Firmengründers, Schlaglichter auf die netzel sche Geschichte werfen. Sie laden für Sonnabend, 30. November, ab 20 Uhr ins Worpsweder Rathaus ein. Der Eintritt ist frei. Motto des Abends : "Oh, Ihr treuen Netzel-Mädchen ".

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