FC Worpswede

Der ewige Super-Mario

Seit 15 Jahren ist er das Gesicht des FC Worpswede: Mario Bolduan hat das Spiel des Künstlerdorf-Klubs geprägt wie kein Zweiter. Dabei hatte er höherklassige Angebote zuhauf. Gewechselt ist er dennoch nie.
09.11.2020, 09:05
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Der ewige Super-Mario
Von Tobias Dohr
Der ewige Super-Mario

Der Ball ist noch immer sein Freund: Worpswedes Edeltechniker Mario Bolduan im September 2020 auf dem Weyerberg.

Guido Specht

Worpswede. Ob er sich noch an sein erstes Spiel erinnern kann? Das erste Mal im grün-weißen Dress des FC Worpswede? „Nein“, sagt Mario Bolduan. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht mal mehr genau, in welchem Jahr ich nach Worpswede gewechselt bin.“ Der Grund liegt auf der Hand: Es ist schlichtweg zu lange her. Seit sage und schreibe 14 Jahren ist Mario Bolduan für den Klub aus dem Künstlerdorf aktiv – oder sind es doch bereits 15 Jahre?

„Ich glaube, es war 2006“, versucht sich Bolduan an einer Schätzung – nur um dann später doch feststellen zu müssen: Es war bereits 2005. Im Frühjahr vor 15 Jahren saß Bolduan, damals zarte 19 Jahre alt, bei Malte Jaskosch im Wohnzimmer und redete mit dem damaligen Trainer des FC Worpswede über seine fußballerische Zukunft. Die sah eigentlich einen Verbleib beim VSK Osterholz-Scharmbeck vor, wo er seit der C-Jugend aktiv war und zu den vielversprechendsten Talenten gehörte, die der damalige Niedersachsenligist überhaupt zu bieten hatte. Die ersten Herren schickten sich gerade an, unter VSK-Trainer Günter Hermann in die vierte Liga aufzusteigen, was in der Saison 2005/2006 dann auch tatsächlich gelang.

„Das war vermutlich die stärkste Mannschaft, die der VSK je gehabt hat“, erinnert sich Mario Bolduan. Er selbst kam aus der A-Jugend und durfte in seinem ersten Herrenjahr immer mal wieder bei der Hermann-Truppe mittrainieren. „Mutalip Bucuka, Frank Ordenewitz, Peer Jaekel, Dennis Meyer. Das waren alles unfassbar gute Kicker und für mich war das eine tolle Erfahrung, dort mitmachen zu dürfen“, sagt Bolduan. Gleichwohl war für den damals 19-Järhigen klar, dass es ein harter Weg in die erste Mannschaft werden würde. Und keineswegs ein schneller. Also kam die Anfrage aus Worpswede gar nicht mal ungelegen, obwohl Bolduan noch genau weiß: „Eigentlich habe ich mich beim VSK gesehen, wollte da im Prinzip gar nicht weg.“

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Doch Bolduans guter Kumpel Dennis Grube stand ebenfalls auf der Wunschliste von Malte Jaskosch. Und als dessen Transfer zum FC feststand, wurde ein Wechsel plötzlich auch für Bolduan interessanter. So saß er schließlich bei Jaskosch im Wohnzimmer und führte das entscheidende Gespräch: „Und wenn Malte einem die Tür geöffnet hat, dann ging man da in der Regel nicht ohne Zusage wieder raus“, erinnert sich Bolduan an die Überzeugungskünste seines damaligen Trainers, der den hoch talentierten Mittelfeldakteur schnell zum zentralen Spielgestalter im Worpsweder Spiel aufbaute.

Die Form seines Lebens

„Das war vor allem menschlich eine überragende Truppe mit Spielern wie Norman Thies, Frank Zeugner, Kevin Taube oder Patrick Kück. Da wurde es mir sehr leicht gemacht, schnell Fuß zu fassen“, sagt Bolduan heute über seine ersten Erfahrungen auf dem Weyerberg. Und der sportliche Erfolg kam dann noch dazu. Die Worpsweder, nach der Ligareform gerade erst von der Bezirksklasse in die Bezirksliga befördert, wurden im ersten Jahr mit Bolduan auf Anhieb Siebter und stiegen im Jahr darauf als Meister sogar in die Landesliga auf. Aus heutiger Sicht waren es die besten Worpsweder Jahre – mit einem Mario Bolduan in Bestform: „Das war damals definitiv meine stärkste Zeit, da war ich sicher in der Form meines Lebens.“ Und so kam, was kommen musste.

Die Angebote flatterten herein. Höherklassige, überaus interessante Angebote. Aus Bornreihe, aus Uphusen, von Spitzenteams aus der Bremen-Liga. „Es gab wirklich nicht ein einziges Jahr, indem es nicht mindestens zwei, manchmal sogar drei oder vier Anfragen gab“, erinnert sich Bolduan. Auch aus dem Landkreis Osterholz wagten die anderen Bezirksligisten immer mal wieder einen Vorstoß: „Ohne despektierlich klingen zu wollen, aber am Ende war da, glaube ich, jeder Verein mindestens einmal dabei“, sagt Bolduan. Doch gewechselt ist er nie.

In den Jahren 2007 bis 2009, als die Worpsweder zwei Jahre in der Landesliga spielten und Bolduan sein bestes Niveau hatte, da schien ein Wechsel nur noch reine Formsache. „Eigentlich war ich da schon weg, es ging nur noch darum, wohin ich wechsel“, sagt Bolduan. Doch aus irgendeinem Grund zerschlugen sich auch diese Optionen immer wieder in letzter Sekunde. Warum, weiß er heute auch nicht mehr so ganz genau. Am Ende war es wohl die Liebe zum FCW. „In der Summe war es in Worpswede einfach immer die richtige Wohlfühl-Atmosphäre. Die Mitspieler, die Trainer, aber vor allem auch die Menschen drumherum, das alles wollte ich irgendwie nicht hergeben“, sagt Bolduan.

Tiefpunkt Kreisliga-Abstieg

Also blieb er. Er blieb, als der FC auch das zweite Mal aus der Landesliga abstieg. Er blieb, als klar war, dass der Verein nach zahlreichen Abgängen in der Bezirksliga nur noch einer unter vielen Vereinen sein würde. Er blieb sogar, als nach zwei ganz schlechten Jahren schließlich der Abstieg in die Kreisliga feststand. „Vom Bordstein zur Sykline und wieder zurück“, nennt es Bolduan etwas flapsig. Gleichwohl habe ihm vor allem der Abstieg in die Kreisliga im Sommer 2018 enorm zugesetzt. „Das war sportlich irgendwie nicht mehr das Worpswede, was ich damals kennengelernt hatte und was ich natürlich auch so geliebt habe.“ Und trotzdem: Bolduan, zu diesem Zeitpunkt immerhin schon 33 Jahre alt, blieb erneut. „Mit diesem Abstieg konnte ich einfach nicht abtreten.“

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Nach zwei Jahren glückte nun die Rückkehr auf Bezirksebene – und da möchte Bolduan gerne noch ein oder zwei weitere Spielzeiten mit seinem FCW über die Plätze tingeln. Denn in guter Verfassung ist er ja immer noch. „Keine Knieprobleme, keine schweren Verletzungen, ich fühle mich wirklich topfit“, sagt er. Vielleicht sei das der beste Aspekt seiner sportlichen Vita. Denn die aufreibenden Zweikämpfe auf allerhöchstem Niveau habe er nie über einen längeren Zeitpunkt gehabt. „Das kommt mir heute sicherlich entgegen“, sagt Bolduan, der diesbezüglich nämlich auch ein mahnendes Gegenbeispiel hautnah miterlebt hat.

„Tino Brünjes kam im Prinzip immer mit zwei Taschen zum Training. Eine mit den Trainingsklamotten, und eine mit Pillen und Tabletten gegen die Schmerzen“, erinnert sich Bolduan schmunzelnd an seinen früheren Teamkollegen, der viele Jahre mit Borneihe in höchsten Gefilden unterwegs war. „Wenn es bei mir so weit ist, werde ich auf jeden Fall aufhören mit dem Fußball“, sagt Bolduan. Aber noch sei es eben nicht soweit. Bleibt am Ende die Frage aller Fragen: Was wäre gewesen, wenn ...? Wenn Mario Bolduan damals doch versucht hätte, sich beim VSK durchzubeißen? Wenn er eben doch als 23-Jähriger nach Uphusen oder Bornreihe gewechselt wäre?

Selbst Werder klopfte früh an

„Natürlich frage ich mich das auch manchmal“, gibt Bolduan zu. Für ihn setzt diese Was-Wäre-Wenn-Frage aber noch deutlich früher an. Denn bereits in der C-Jugend hatte er zweimal eine konkrete Anfrage des SV Werder Bremen – und sagte zweimal ab. „Das zieht sich irgendwie durch meine gesamte Laufbahn, diese interessanten Anfragen, die ich am Ende aber immer wieder abgelehnt habe.“ Und rein sportlich war der Filigrantechniker definitiv zu höherem Berufen gewesen, wie auch Ex-Coach Malte Jaskosch eindrucksvoll betont.

„Er war in all meinen Trainerjahren vermutlich der Spieler mit dem größten Potenzial nach oben.“ Mindestens zwei Ligen höher, vielleicht sogar drei, hätte Jaskosch seinem damaligen Schützling in besten Zeiten zugetraut. Das wäre nach heutigem Maßstab die Regionalliga. „Ich weiß noch, wie oft ich da im Training stand und gedacht habe: Meine Güte, was ist das für ein begnadeter Fußballer“, erinnert sich Jaskosch. „Vor allem war er aber ein klasse Typ für die Mannschaft, ein Spaßvogel, der irgendwann auch gelernt hat, die richtigen Prioritäten zu setzen“, so Jaskosch weiter.

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Und so ist er seit mittlerweile 15 Jahren das Gesicht des FC Worpswede. „Mir ist durchaus klar, dass da in fünf Jahren trotzdem keine Bolduan-Statue am Worpsweder Ortseingang stehen wird“, fasst es der 35-Jährige schmunzelnd zusammen. Auf der anderen Seite weiß Bolduan ganz genau, dass es nicht mehr viele von seiner Sorte gibt. Spieler, die ihre ganze Herren-Laufbahn in einem Verein zugebracht haben.

Und das werden sie natürlich auch beim FC Worpswede ganz genau wissen. Vermutlich reicht es am Ende nicht zu einer Statue am Ortseingang, aber der Abschied dürfte eines Tages ziemlich intensiv und emotional werden. Aber noch liegt dieser Tag in der Zukunft. Noch hat Super-Mario nicht genug von seinem FC Worpswede.

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