800 Jahre Worpswede

„Fest der Bürgerbeteiligung“

In der Wahrnehmung überlagere die Künstlerkolonie weite Teile der Worpsweder Geschichte, sagt die Kulturbeauftragte Klaudia Krohn. Diese wieder frei zu legen, sei auch ein Anspruch der 800-Jahr-Feier.
15.07.2018, 18:45
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer
„Fest der Bürgerbeteiligung“

Bei Klaudia Krohn, Kulturbeauftragte der Gemeinde Worpswede, laufen die Fäden für die Organisation der 800-Jahr-Feier zusammen.

Christian Kosak

Wie bereitet man sich eigentlich auf einen 800. Geburtstag vor?

Klaudia Krohn : Angefangen hat es damit, dass mich unser Ortsarchivar Hans-Hermann Hubert vor drei Jahren darauf angesprochen hat, dass 2018 der 800. Geburtstag Worpswede anstehe und er sich mit dem Gedanken trage, eine Ortschronik zu schreiben. Damit sind wir in erste Überlegungen und Gespräche gegangen, um zu gucken, was wir überhaupt dazu auf die Beine stellen können. Ich habe dann noch Narciss Göbbel angesprochen, und so haben wir uns zu dritt an die Planungen gemacht.

Wie sahen die konkret aus?

Es war schnell klar, dass wir keine Veranstaltungsreihe über einen längeren Zeitraum stemmen können. Wir haben uns dann entscheiden, einen Geburtstag zu feiern und dafür das Datum der ersten urkundlichen Erwähnung vom 21. Juli 1218 zugrunde zu legen – glücklicherweise fällt das Jubiläum so auf einen Sonnabend. Auf der anderen Seite wurde immer wieder die Frage an uns herangetragen, warum wir mit dieser Feier mitten in die Ferien gehen.

Das hat man 1228 wohl nicht bedacht...

Letztendlich ist es egal, wann man etwas macht oder ob drinnen oder draußen. Entweder geht man ein Risiko ein oder nicht. Wir hatten viele Gespräche mit den Museen, den Vereinen und anderen Akteuren und haben dann das Konzept, das sich herauskristallisierte, in öffentlichen Veranstaltungen vorgestellt. Wir wollten ein Fest der Bürgerbeteiligung, die 800-Jahr-Feier soll auch eine Plattform sein – beispielsweise für Vereine, um sich darzustellen.

Wie ist es dann zu der inhaltlichen Ausrichtung gekommen?

Es geht uns darum, mit diesem Konzept die Geschichte Worpswedes zu vermitteln. Viele Reaktionen gingen in die Richtung, dass sich die Worpsweder wünschten, dass bei so einem Anlass der Ort selber mehr im Mittelpunkt stehe und es nicht immer nur um die Künstler gehe. Von den 800 Jahren sind ja nur 129 Jahre Künstlerkolonie. Unser Ansatz ist, Bürgern und Besuchern etwas an die Hand zu geben, um sich vielleicht auch mal näher mit dem Ort selber zu beschäftigen. Über die Künstlerkolonie ist sehr viel veröffentlicht worden, über den Rest aber nicht.

Manifestiert sich daran noch immer ein Konflikt zwischen Bauern und Künstlern, den man ja als Worpsweder Leitmotiv zumindest für die letzten 129 Jahre sehen kann?

Das ist zumindest ein Grund für diese Diskrepanz zwischen dem Künstlerort und der Bevölkerung. Auffällig ist, dass eigentlich alle Orte um Worpswede herum schon lange Heimatvereine oder etwas ähnliches haben, Worpswede aber nicht. Es gibt hier viele andere Organisationen, aber keine beschäftigt sich vorrangig mit der Ortsgeschichte. Es gab immer nur Hans-Hermann Hubert, der das Material dazu gesammelt hat und damit in den 90er-Jahren irgendwann auch im Rathaus unterkam. Das war dann der Beginn des Ortsarchivs, auf ehrenamtlicher Basis.

Gab es eine Art Arbeitshypothese?

Wir wollten auf irgendeine Art Geschichte vermitteln; wie, war uns am Anfang gar nicht klar. Das hat sich erst im Laufe des Prozesses entwickelt. Durch die Anfänge 1218 ergab sich der Schwerpunkt Mittelalter. Wir sind einfach herumgefahren und haben uns einige Mittelaltermärkte angeguckt. Aber wir haben dabei eigentlich wenig gesehen, von dem wir dachten, dass es zu diesem Ort passen könnte. Ich bin dann auf die Projekte von Michael Tegge aufmerksam gemacht worden, die inhaltlicher und historischer ausgerichtet sind. Er setzt mit seinem "Living History Event" genau 1218 an. Das ist wie eine Zeitreise: Er versetzt uns an diesem Ort zurück ins Mittelalter, nicht in irgendeine Hansestadt, sondern in einen ganz kleinen Ort mit seinen acht Höfen.

Was waren die nächsten Schritte?

Wir haben dann auf die ganzen 800 Jahre geguckt und uns überlegt, wie man diese Fäden weiter spinnen kann. Wir haben das zunächst als Epochen betrachtet, aber geschichtlich gesehen wäre das nicht korrekt. Es sind Meilensteine, Zäsuren, Einschnitte in der Geschichte – wesentliche Punkte, an denen sich etwas verändert hat. Die erste Hoffnung war, das auch über den Ort darstellen zu können, das hätte aber jegliches Budget gesprengt. Wir sind auf mehreren Ebenen in die Geschichte eingedrungen, und so haben wir uns überlegt, dass wir das in einer Freiluftausstellung vermitteln wollen. Ähnlich wie im Museum, wo es einen kurzen Text zu jedem Bild gibt, haben wir Banner konzipiert. Neben den Meilensteinen erzählen wir so auch die Geschichte der acht Höfe, zu denen es auf den Bannern historische Aufnahmen gibt. Die werden dann so platziert, dass man gleichzeitig auch auf die heutigen Höfe gucken kann.

Man bekommt so in etwa eine Perspektive auf den Ort, wie sie auch die ersten Künstler hatten. Kann man die Frage beantworten, ob das Worpswede vor den Künstlern ein Dorf wie jedes andere war oder auch schon – allein wegen seiner exponierten Lage – ein besonderes?

Auffällig ist: Hier ist Jahrhunderte lang in der Tat gar nicht viel passiert. Selbst der Dreißigjährige Krieg ist hier nicht besonders spürbar gewesen, die Pest war kein Thema. Worpswede ist über lange Zeit unberührt geblieben.

Die ursprüngliche Idee der Chronik ist aufgegeben worden, es erscheint jetzt stattdessen ein Lesebuch. Dafür hat sich ein Heimatverein gebildet. Ist das das Entscheidende, das auch nach dem Fest bleibt?

Das ist zum einen die Organisationsform, um das Ganze zu tragen. Zum anderen hat es hier immer Leute gegeben, die sich mit Geschichte beschäftigt haben und die nun gemeinsam Aufgaben und Ziele erarbeiten können. Hans-Hermann Hubert steht dadurch nicht mehr alleine vor der Aufgabe, die Geschichte Worpswedes aufzuarbeiten. Das Ortsarchiv kommuniziert mit dem Kreis- und dem Landesarchiv in Osterholz-Scharmbeck und Stade und professionalisiert sich. Die Geschichtsarbeit im Ort, die über dieses Festwochenende hinausgehen muss, hat mit diesem Heimatverein ein verlässliches Gerüst.

Das Gespräch führte Lars Fischer.

Info

Zur Person

Klaudia Krohn (55) ist seit 1990 Kulturbeauftragte der Gemeinde Worpswede. Sie ist gemeinsam mit dem Haimatverein für das Programm zur Worpsweder 800-Jahr-Feier am 21. und 22. Juli verantwortlich. Die Kulturwissenschaftlerin stammt aus Osterholz-Scharmbeck und lebt mit ihrer Familie in Scharmbeckstotel.

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