Heinrich-Vogeler-Gesellschaft Gesellschaft plant 150. Geburtstag Heinrich Vogelers

Die Heinrich-Vogeler-Gesellschaft kümmert sich um den Barkenhoff in Worpswede und den Nachlass des Künstlers. 2022 will sie den 150. Geburtstags Vogelers feiern.
26.01.2020, 21:52
Lesedauer: 5 Min
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Von Johannes Kessels und Lars Fischer

Worpswede. 1972 stand der Barkenhoff, der Familiensitz von Heinrich Vogeler in glücklicheren Zeiten, kurz vor dem Einsturz. Die Bestrebungen, ihn zu retten, führten drei Jahre später zur Gründung eines Vereins, der seit 1986 unter dem Namen „Heinrich-Vogeler-Gesellschaft – Verein Barkenhoff Worpswede“ firmiert. Jetzt wurde er von seinem Vorsitzenden Burckhard Rehage im Worpsweder Ausschuss für touristische Entwicklung, Kunst und Kultur vorgestellt.

2010 löste Burckhard Rehage Ernstheinrich Meyer-Stiens als Vorsitzenden ab. Der Barkenhoff, der schon lange nicht mehr den Nachfahren Heinrich Vogelers gehörte, befand sich 1972 in einem katastrophalen Zustand, wie Rehage sagte; es habe sogar Pläne gegeben, ihn abzureißen und auf dem Gelände eine Wohnsiedlung zu errichten. Mit Hilfe der Stiftung Worpswede habe ihn die Gemeinde für 410 000 D-Mark kaufen können, danach gab es verschiedene Ideen, was aus ihm werden könne – eine Lehrerfortbildungseinrichtung, eine Ost-West-Begegnungsstätte oder eine norddeutsche Form der Villa Massimo, der deutschen Stipendiatenunterkunft für Künstler in Rom. „Das war alles nicht ganz realistisch“, sagt Burckhard Rehage.

Im Jahr 1895 hatte Heinrich Vogeler das damals bereits rund 60 Jahre alte Bauernhaus am Fuße des Weyerbergs gekauft. Er baute die kleine, strohgedeckte Kate in mehreren Schritten aus, Teile der originalen Bausubstanz blieben dabei bis heute erhalten. Vogeler konzipierte das Ensemble als Gesamtkunstwerk, setzte vor das eher unscheinbare Haus die markante Fassade und legte die Gartenanlage mit Freitreppe, Laube und Teich an. „Vogeler verwandelte das verwilderte Gelände in ein durchgestaltetes System von Wegen und Beeten, dessen mit Blumenrondellen akzentuierte Hauptachse in einer erhöhten Laube endete“, berichtet Beate Arnold, die künstlerische Leiterin des Hauses. „Angrenzend an das Wohnhaus wurden Nebengebäude errichtet, die als Wagenremise, Werkstatt und Waschhaus dienten. 1907 vergrößerte sich das Barkenhoff-Areal durch den Ankauf von umliegendem Gelände um ein Vielfaches. Ein neuer turmartiger Gebäudeteil mit achteckigem Grundriss entstand 1908 als letzte bedeutende Erweiterung der Wohnfläche.“

Der Barkenhoff wurde zu einem der bedeutendsten Künstlertreffpunkte Deutschlands, neben den Worpsweder Malern wie Otto Modersohn und Paula Becker waren Literaten wie Thomas Mann, Carl und Gerhart Hauptmann, Erich Mühsam oder Rainer Maria Rilke zu Gast. Für Vogeler war er gleichzeitig Lebens- und Arbeitsmittelpunkt, den er bis ins Detail durchgestaltete. In den Mittelpunkt stellte er dabei seine Ehefrau Martha.

Die vom Jugendstil geprägte Idylle begann zu zerfallen, als Heinrich Vogeler 1918 aus dem Ersten Weltkrieg nach Worpswede zurückkehrte. Die Kriegserlebnisse hatten den Künstler, der sich freiwillig gemeldet hatte, verwandelt. Er politisierte sich mehr und mehr und machte aus dem märchenhaften Hof eine Kommune. Eine Volksküche und eine Arbeitsschule entstanden, aus den Rosenbeeten wurden Kartoffelacker, statt Künstler waren nun politisch Verfolgte zu Gast. Vogeler erprobte soziale Utopien und versuchte, nachdem die Revolution in Deutschland im Großen gescheitert war, sie im Kleinen zu leben.

Martha Vogeler zog 1920 mit den drei gemeinsamen Töchtern aus und gründete das Haus im Schluh. Heinrich Vogeler überließ ihr große Teile der Barkenhoff-Einrichtung, die sie mit in ihr neues Domizil nahm. Drei Jahre später überschrieb er das Haus der Roten Hilfe, die ein Kinderheim daraus machte. Das wiederum schloss 1932 und eine Gartenbau- und Siedlerschule folgte. Ab 1939 wurde das Anwesen nur noch privat genutzt und immer wieder umgebaut, seitdem verfiel es mehr und mehr.

1981 gründete sich dann die „Barkenhoff-Stiftung Worpswede“, an der die Bundesländer Niedersachsen und Bremen, die Gemeinde Worpswede, die Stiftung Worpswede, das Worpsweder Archiv, der 1975 im "Café Verrückt“ gegründete Barkenhoff-Verein und die Erbengemeinschaft Martha Vogeler beteiligt waren. Fünf Jahre später wurde dem Namen „Heinrich-Vogeler-Gesellschaft“ vorangestellt. Zweck der Gesellschaft ist die Pflege des Gesamtwerks Vogelers durch Förderung des Verständnisses bei allen Bevölkerungs- und Altersgruppen, sagt Burckhard Rehage, außerdem die Unterstützung beim Erhalt der Gebäude. Veranstaltet wurden Ausstellungen und – wenn auch nur bis 1981 – Symposien, Vorträge und Seminare sowie Exkursionen und Bildungsreisen.

Die Barkenhoff-Stiftung übernahm den Nachlass Heinrich Vogelers sowie die Pflege des Worpsweder Archivs. „Stiftungszweck war darüber hinaus die Förderung der Kunst und die Entwicklung des Barkenhoff zu einem kulturellen Zentrum“, so Arnold. „Nach einer ersten Sanierung wurden im Haus Ausstellungs- und Archivräume eingerichtet und im Oktober 1981 eröffnet. Vier angegliederte Ateliers boten Künstlern eine Wohn- und Arbeitsmöglichkeit. Im Zusammenschluss mit dem Atelierhausverein, der bereits seit 1971 Ateliers in Worpswede zur Verfügung stellte, entwickelte sich der Barkenhoff zur größten Stipendiatenstätte in Niedersachsen. Über 400 internationale Künstler waren in den Künstlerhäusern Worpswede zu Gast, bevor das Land Niedersachsen das von ihm finanzierte Programm 2010 an einen Standort mit universitärer Anbindung verlagerte.“

Groß ist die Heinrich-Vogeler-Gesellschaft nicht, ihr gehören 150 Mitglieder an – während der Ausschusssitzung wurde es eines mehr, da auf den Tischen Faltblätter mit Aufnahmeanträgen auslagen. Nur ein Drittel der Mitglieder wohnt in Worpswede, der Rest über ganz Deutschland verteilt. Sie wählen einen fünfköpfigen Vorstand, wobei die wissenschaftliche Leitung des Barkenhoffs automatisch Mitglied ist. Für sich und ihre Veranstaltungen wirbt die Gesellschaft mit Faltblättern, von denen pro Jahr 7000 bis 8000 Stück gedruckt und in Geschäften, Gaststätten und Hotels ausgelegt werden. „Die sind ratzfatz weg“, so Rehages Erfahrungen.

In Zukunft soll die Zusammenarbeit mit anderen Vereinen verstärkt werden, ansonsten will man Begleitprogramme zu Ausstellungen entwickeln, sagte der Vorsitzende. In zwei Jahren steht der 150. Geburtstag Vogelers an. Dazu soll nach längerer Pause wieder ein Symposium stattfinden, außerdem ein Exlibris-Wettbewerb für die kleinen, künstlerisch gestalteten Einklebezettel, die den Besitzer eines Buches nennen. Sogar an die Ausgabe einer Sonderbriefmarke ist gedacht – mit dem Bundesministerium für Finanzen werde bereits verhandelt, berichtete Burckhard Rehage nun.

Ein wenig schade sei es, dass man keine Kontakte mehr nach Kasachstan habe, wo Heinrich Vogeler seine letzten Lebensjahre verbringen musste, meinte Rehage, und anscheinend bestehe dort auch kein Interesse mehr an Vogeler. Thomas Conrad (FDP) hat einen anderen Eindruck: In Kornejewka, Vogelers letztem Wohnort, sei sogar eine Schule nach ihm benannt. Er selbst habe 1986 bei der Umbenennung als Vertreter Worpswedes das blaue Band durchgeschnitten. Nach dem Kenntnisstand von Burckhard Rehage trägt diese Schule aber inzwischen einen anderen Namen; er werde versuchen, Näheres in Erfahrung zu bringen.

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