Joint aus der Rabatte Hortensienklau bei Vollmond

Unbekannte Diebe haben es in Worpsweder Vorgärten auf Hortensienknospen abgesehen. Geraucht sollen diese angeblich berauschen, eine Wirkung, die jedoch nicht nachgewiesen ist.
02.01.2020, 17:57
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Von Undine Mader

Worpswede. Sie kommen bei Vollmond und machen sich an Hortensien zu schaffen. Vorzugsweise stehen diese an langen Einfahrten oder Hauswegen, das erhöht die Ausbeute. Abgesehen haben es die Unbekannten auf die Knospentriebe für den nächsten Sommer, fein säuberlich herausgeschnitten aus der Mitte der Pflanzen. Es gibt Worpsweder, denen dieses Phänomen seit Jahren in ihren Gärten widerfährt. Für Sabine Oberer-Cetto und Klaus Oberer brachte die zurückliegende Vollmondnacht erstmals diese Erfahrung und warf bei dem Paar natürlich die Frage nach dem „Warum“ auf. Sie recherchierten im Internet und lasen dort über einen möglichen Drogenrausch aus dem Garten. In die Kategorie Drogendelikte fällt der Knospenklau trotzdem nicht, heißt es von der Polizeiinspektion Verden/Osterholz.

Bestimmt zehn Hortensien säumen den Weg von der Straße bis zum Haus der Oberers. In jener besagten Vollmondnacht saßen sie in ihrem Wohnzimmer und wunderten sich, warum der Hund anschlug. Was sie nicht wussten: Kaum zehn Meter von ihnen entfernt war der Täter am Werk. Später, als Klaus Oberer mit dem Hund rausging, habe er eine Gestalt mit Taschenlampe die Einfahrt hinauf flüchten sehen. "Das muss wohl ein Jugendlicher gewesen sein", so seine Vermutung. Bei Tageslicht zeigt Oberer die verstümmelten Pflanzen. "Die hatten alle grüne Knospen, nun ist alles weg.

Sie seien kein Einzelfall in Worpswede, erzählt Sabine Oberer-Cetto. In Schlußdorf seien Grundstücke seit einigen Jahren betroffen und eine Familie aus dem Schluh teilt ihre Lieblingsblumen ebenfalls schon einige Jahre mit den nächtlichen Besuchern. Dass die in einer Winternacht bei Vollmond anrücken, hält diese Worpswederin weniger für einen esoterischen Aspekt, sondern: „Das ist praktisch, weil es hell ist und die keine Taschenlampe brauchen.“ Für nächstes Jahr habe sie sich diese Wintervollmondnacht schon in den Kalender eingetragen, dann werde nach den Dieben Ausschau halten.

Sabine Oberer-Cetto vermutet, dass es sich bei den Tätern um junge Leute handelt, „die kein Geld für Cannabis haben“. Ein mulmiges Gefühl hinterlässt das Erlebnis trotzdem, wenn jemand des nächtens dem Haus so nah kommt. Zu nahe. Dann wischt sie den Gedanken weg, schließlich knipse der nächtliche ungebetene Besuch lediglich ihre Hortensien ab. Das sei keine große Sache. Sie grinst: „Das ist absurd.“

Ob der Hortensienklau außer beim nächtlichem Herumschleichen in fremden Gärten berauscht, das sei dahin gestellt. Tobias Trillmich von der Niedersächsischen Landesstelle für Suchtfragen sagt auf Nachfrage: „Es ist unseres Wissens nach keine berauschende Wirkung der Hortensie bekannt.“ Da es diese nicht gebe, könne sich auch keine Abhängigkeit entwickeln. Was allerdings nicht bedeute, dass insbesondere Jugendliche nicht versuchen, die Pflanze zu rauchen. Auf einschlägigen Internetseiten tauche demnach die Gartenhortensie – Hydrangea macrophylla – auf und geraucht solle sie eine ähnliche Wirkungen hervorrufen wie Marihuana. Das schreibt die Deutsche Apotheker Zeitung, worauf die Landesstelle für Suchtfragen verweist. Aber, so Trillmich: „In den gängigen Substanzlexika wird die Hortensie im Gegensatz zu anderen Pflanzen nicht geführt.“

Was übrig bleibt von der Bio-Droge aus der Rabatte, ist wohl eher Legende. Eine Gefährliche obendrein. Beim Rauchen der Knospen wird Blausäure freigesetzt, warnt die Lilienthaler Apothekerin Christiane Stehn potenzielle Blumen-Kiffer. Und: „Das ist ein Atemgift.“ Was den Körper schädige, wenn es über die Atemwege aufgenommen werde. Andere Inhaltsstoffe der Hortensienknospen sorgten für Übelkeit.

Der Polizeiinspektion Verden/Osterholz sei das Phänomen des Hortensienklaus grundsätzlich bekannt, sagt Sprecherin Imke Burhop auf Nachfrage. Zwar wisse die Polizei, was daraus hergestellt werden könne. Aber ein Drogendelikt sei der Knospenklau dennoch nicht. „Das ist ein Diebstahl von Hortensien“, so Burhop. Aller paar Jahre tauche das Phänomen in der Region an verschiedenen Orten auf. Zur Anzeige sei 2019 kein Fall gekommen und Burhop sagt daher: „Wir haben keine Taten.“ Was aber nicht heiße, dass es nicht passiere. Die Polizeisprecherin wirbt, den Hortensienklau anzuzeigen. Dann könne die Polizei tätig werden. Und wenn jemand auf frischer Tat ertappt werde, könne nach dem Hintergrund dieser Tat geschaut werden.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+