Anna Loos im Interview „Ich bin keine Prinzessin“

Schauspielerin Anna Loos ist auch als Sängerin aktiv. In unserem Interview erzählt sie von ihrer Band Silly, ihrem Solodebüt, ihrem Mann Jan Josef Liefers und warum sie eine melancholische Rebellin ist.
20.03.2019, 18:02
Lesedauer: 5 Min
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Von Olaf Neumann

Frau Loos, wie sind Sie an Ihr Solodebüt herangegangen?

Anna Loos: Die Arbeit am Album habe ich mir mit dem Produzenten Mic Schroeder geteilt. Wenn man für Silly schreibt, versucht man, die Themen immer anzugleichen, damit sie für vier Leute passen. Diesmal wollte ich wirklich so schreiben, wie mir der Schnabel gewachsen ist, meine ganz persönlichen Themen erarbeiten und schauen, wo es mich musikalisch so hinführt.

„Ich bin wer ich bin, ich gehör' da nicht hin/Da, wo ihr hinrennt, macht für mich keinen Sinn.“ Was wollen Sie mit diesen Zeilen sagen?

Damit will ich sagen, dass man sich nicht nach dem Tempo und Gerede der anderen richten, sondern lieber auf sich selbst hören soll. Man muss einfach sein Ding machen, auch wenn es manchmal nicht leicht ist. Damit meine ich nicht, dass man nicht auf seine Mitmenschen Acht geben soll. Aber ich möchte gern jeden motivieren, der sich fragt, ob sein Tempo das richtige, seine Idee stark genug ist, oder ob er mal gegen den Strom schwimmen soll. Die größten Dinge waren einmal belächelte Schnapsideen. Wir sollten aufhören, nach links und rechts zu schauen, wenn wir uns fragen, wo wir hin sollten.

Wie geht es mit Silly weiter? In der Boulevardpresse war von einem Streit die Rede.

Nein, das ist Quatsch! Die Jungs wollten live alte Alben spielen, ich wollte etwas Neues machen. Eine kreative Pause kann nur gut für uns sein. Die Band war an einem Punkt, wo keiner wusste, wie ein nächste Silly-Album klingen sollte, und hatte auch nicht den Drang, daran zu arbeiten. Für mich war die Zeit reif, dieses Album zu schreiben, und jetzt freue ich mich, dass es da ist.

Welche Hindernisse mussten Sie aus dem Weg räumen, um überhaupt ein Soloalbum machen zu können?

Eigentlich keine. Das Album hat sich irgendwann verselbstständigt wie ein rollender Schneeball. Ich wollte einfach mal ausprobieren, einen eigenen Weg zu finden, ohne zu wissen, ob es klappt. Das hat mir großen Spaß gemacht, weil ich viele Themen habe. Ich bin eine 48-jährige Frau, die einiges erlebt hat. Ich hab eine Reise durch mein Leben gemacht und besonders emotionale Momente extrahiert und konserviert. Auch wenn unsere Leben verschieden sind, so sind unsere Gefühle doch ein großer gemeinsamer Nenner.

Sind Künstler darauf ausgelegt, perfekt zu sein und immer zu funktionieren?

Man erlebt immer wieder Situationen, in denen einem alles zu viel wird oder Dinge schief gehen. Und dazu kommt vielleicht noch ein kranker Papa oder ein krankes Kind. Und man sitzt in der Stadt und kommt da nicht weg, weil ein Konzert gespielt oder ein Film gedreht werden muss. Man fährt dann durch die Nacht und schläft nicht. In dem Song „Kaputt“ stelle ich am Ende die Frage: „Muss ich denn funktionieren?“ Meine Antwort darauf ist: Nein, muss man nicht!

Was tun Sie in solch einer Situation?

Ich habe Mechanismen entwickelt, mich aus dunklen oder leeren Momenten wieder rauszuholen. Das kann niemand sonst erledigen, sondern nur ich. Ich fange dann an, die Probleme zu strukturieren oder zu verteilen. Man muss erst einmal herausfiltern, warum es einem schlecht geht, um das korrigieren zu können. Ich sehe die Welt gerne positiv. Ich war schon als Mädchen ein Sonnenschein. Es würde mich sehr anstrengen, ein misanthropisches Arschloch zu sein.

Müssen Sie Ihren Mann manchmal aufbauen?

Jani ist ein sehr positiver Mensch, aber er hat natürlich auch müde Phasen.

Jan Josef Liefers und Sie sind viel beschäftigte Künstler. Müssen Sie sich da gezielt verabreden, wenn Sie mal etwas zusammen unternehmen wollen?

Nein. Natürlich müssen wir unseren Urlaub planen, aber das muss ja jeder machen. Wir sind auch viel zu Hause. Ich drehe gar nicht mehr so viel, seit die Musik wieder in mein Leben gekommen ist. Ich will sie nicht mehr missen. Wir haben bei uns im Keller ein kleines Demostudio eingerichtet. Ich liebe es, zu Hause zu arbeiten, weil ich gern bei den Kindern bin.

Im Video zu „Werkzeugkasten“ sind Sie mit Ihrer zehnjährigen Tocher Lola Marie Josefine zu sehen. Wie kam es dazu?

Ich hab in den vergangenen zwölf Jahren oft erlebt, wie Musikvideos bei der Herstellung viel von der eigentlichen Idee eingebüßt haben und hatte einfach mal Lust, das selbst zu machen. Ich wollte dafür sorgen, dass die Ideen auch umgesetzt werden. „Werkzeugkasten“ ist ein Lovesong, aber es wäre mir zu einfach, eine Liebesgeschichte zwischen Mann und Frau zu erzählen. Dann hatte ich die Idee, dass die Erwachsene und das Kind eine Person sind. Am Ende ist der Boden für jede Liebe doch die Selbstliebe.

Hatten Sie als Teenager oft Liebeskummer?

Wenn man Liebeskummer hat, legt man traurige Lieder auf und heult alles raus, anstatt rauszugehen, sich den Wind um die Ohren wehen zu lassen und zu gucken, warum die Beziehung überhaupt kaputt gegangen ist. Ich war eher der Typ, der dachte: „Vielleicht auch gut, dass es vorbei ist!“ Neulich unterhielt ich mich mit einer Frau, die ihr Kind vor vielen Jahren durch eine Gewalttat unter Drogeneinfluss verloren hat. Sie erzählte mir von den verschiedenen Stufen der Trauerarbeit, die sie durchlaufen hat. Dagegen ist Liebeskummer eine Lappalie.

Warum klingen Ihre Songs so melancholisch?

Weil ich eine Melancholikerin bin. Ich bin ein großer Fan von Kurt Cobain. Ich mag das Unperfekte und Marode. Manchmal, wenn etwas ganz Tolles passiert, werde ich komischerweise melancholisch.

In dem Liebeslied „Werkzeugkasten“ singen Sie die drastische Zeile „Verpiss dich, du Arschloch!“ Haben Sie dergleichen schon einmal zu jemandem gesagt?

Ja, zu einem Mann, der mich sehr geärgert hatte und den ich nicht wiedersehen wollte. Ich bin keine Prinzessin, ich bin mit vielen Jungs befreundet und kann auch derbe in meiner Sprache werden, wenn es sein muss.

Was bringt Sie auf die Palme?

Vor allen Dingen Dummheit. Das ist für mich die schlimmste Strafe, die man mich erleiden lassen kann. Diese Leute habe ich aus meinem Leben aussortiert. Ich bin oft ausgenutzt worden. Wenn mir das heute passiert, bin ich sofort weg.

Sind Sie eine Rebellin?

Ja, ich glaube schon. Ich bin jemand, der keine Erwartungen erfüllen möchte. Ich mache es oft anders als man denkt. Das möchte ich mir bewahren. Ich bin jetzt 48 und mir geht es relativ gut. Ich will etwas erschaffen, das anders ist und sich neu definiert, etwas, das bleibt. Ein paar verrückte Ideen werde ich in den nächsten Jahren schon noch umsetzen.

Das Interview führte Olaf Neumann.

Info

Zur Person

Anna Loos

wurde am 18. November 1970 in Brandenburg an der Havel geboren. Nach Abschluss einer Schauspielausbildung an der "Hamburg Stage School Of Music, Dance And Drama“ im Jahr 1992 wirkte sie in Musicals wie "Grease" und "Cabaret" mit. Bis heute hat Loos zudem in über 60 Filmen mitgespielt. 2004 heiratete sie ihren Kollegen Jan Josef Liefers. Von 2006 bis 2018 war sie Sängerin der in der DDR gegründeten Band Silly als Nachfolgerin von Tamara Danz. Ihr erstes Soloalbum "Werkzeugkasten" erschien Anfang März. Am Freitag, 22. März, präsentiert sie es ab 20 Uhr in der Worpsweder Music Hall, im Vorprogramm tritt Dianne Weigmann auf. Das Konzert ist bereits ausverkauft.

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