Künstliche Intelligenz „Ich bin mir der Verantwortung bewusst“

Der Informatik-Professor Rolf Drechsler benennt im Interview die Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz.
29.09.2019, 18:36
Lesedauer: 5 Min
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Von Irene Niehaus

Herr Drechsler, für viele Menschen ist der Begriff Künstliche Intelligenz zu abstrakt. Was macht eine Maschine eigentlich intelligent?

Rolf Drechsler: Es gibt keine allgemein anerkannte formale Definition des Begriffes Intelligenz – und daher auch nicht der künstlichen Intelligenz. Grundlegend bei modernen Künstliche-Intelligenz-Systemen ist der Aspekt des Lernens. Die Systeme können sich über die Zeit verbessern, was auf Basis von Beispielszenarien geschehen kann oder im Rahmen der Konfrontation mit neuen Szenarien.

Sind denn Staubsauger-Roboter oder der Rasenmäher-Roboter auch schon intelligent?

Sie können schon frei navigieren, allerdings nur in einem sehr klar begrenzten Umfeld. Wenn ich den Rasenmäher-Roboter in eine Sandkiste stelle, ist er hilflos. Das ist auch charakteristisch für heutige Systeme: Sie können eine spezialisierte Aufgabe sehr gut lösen, aber von unserem Intelligenz-Begriff ist das weit entfernt.

Geben Sie uns doch ein paar Beispiele dafür, was Künstliche Intelligenz besser kann als der Mensch.

Sehr populär wurden Künstliche-Intelligenz-Methoden eingesetzt im Bereich von Strategiespielen, wie Schach oder das im asiatischen Raum sehr populäre Spiel Go. Hier gelang es, die besten Spieler der Welt zu schlagen. Auch im Bereich der Bilderkennung sind Maschinen inzwischen sehr gut. So können oftmals Krebszellen besser diagnostiziert werden. Ein Vorteil ist natürlich, dass die Maschine auch nach vielen Stunden Einsatz nicht ermüdet oder einfach mal einen schlechten Tag hat.

Was für Menschen natürlich normal ist. Es gibt ja die Befürchtung, dass Künstliche Intelligenz Arbeitsplätze gefährdet...

Durch neue Technologien kommt es immer wieder dazu, dass Arbeitsplätze wegfallen, aber im Gegenzug entstehen auch neue. Das ist keine spezifische Sache der Künstlichen Intelligenz. Durch das Internet sind zum Beispiel manche Versandhäuser vom Markt verschwunden, dafür kamen ganz neue Berufe wie die des Web-Designers hinzu.

Was werden Roboter uns denn niemals abnehmen können?

Roboter und Künstliche Intelligenz sind nicht das Gleiche. Bis wir Roboter in unserer täglichen Umgebung erleben, wird noch viel Zeit vergehen. Bis auf jene für Staubsaugen und Rasenmähen gibt es bisher kaum Roboter im Alltag. Generell gilt aber, dass Künstliche Intelligenz uns Dinge abnehmen kann, denen regelhafte Aufgaben zugrunde liegen. Je kreativer die Aufgabe, desto schwieriger ist es für eine Maschine, sie zu bewältigen.

Was fehlt ihnen noch, damit sie mit Menschen interagieren können?

Wir interagieren täglich mit Maschinen, und die Mensch-Maschine-Schnittstelle ist eine eigene Forschungsdisziplin in der Informatik. Manchmal sind Geräte so kompliziert zu bedienen, dass der Mensch überfordert ist. Man denke nur früher an Video-Rekorder mit einer großen Anzahl an Knöpfen. Bei Smartphones gibt es beim Kauf gar kein Handbuch mehr dazu, da die Bedienung sehr intuitiv ist.

Menschen wissen, wie sie sich in unvorhergesehenen Situationen verhalten müssen. Kann man das auch Robotern antrainieren?

Zunächst einmal denke ich, dass Menschen nicht immer wissen, wie sie in einer Situation reagieren müssen. Wenn etwas Unvorhergesehenes passiert, reagieren verschiedene Menschen unterschiedlich. Wenn eine Person mit einer Waffe bedroht wird, eilen manche zu Hilfe, während andere Schutz suchen. Es ist aber ein langfristiges Forschungsziel, Maschinen ein Verhalten zu ermöglichen, auf Neues zu reagieren.

Können Sie Beispiele nennen?

Es gibt viele Szenarien, bei denen Maschinen möglichst autonom reagieren können sollten, etwa beim autonomen Fahren. Hier gibt es in den vergangenen Jahren sehr große Fortschritte, sodass es zwar noch nicht gelingt, ganz autonome Systeme für allgemeine Szenarien zu schaffen, aber doch für viele spezielle – oder in Form von Assistenzsystemen für Menschen.

Ethik und autonomes Fahren – das ist ein weites Feld. Können Maschinen moralisch handeln? Würden sie im Zweifel verantwortlich handeln können?

Maschinen handeln gemäß ihrer Programmierung. Es ist eine Herausforderung, nicht nur funktionale Eigenschaften – was soll die Maschine tun – umzusetzen, sondern auch moralisches Verhalten und ethische Werte zu formulieren, die von der Maschine umgesetzt werden. Auf Basis formaler Beweismethoden, die wir an der Uni Bremen und am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz entwickeln, ist das aber möglich und wird auch in der Forschung untersucht.

Macht Künstliche Intelligenz uns Menschen nicht dümmer und träger, auch geistig?

Computer haben generell unser Verhalten verändert. So mussten wir uns früher viele Dinge merken, die uns die Maschine heute zur Verfügung stellt. Früher kannten wir viele Telefonnummern auswendig. Und natürlich tragen die Systeme viel zu unserem täglichen Leben bei. Doch daraus zu folgern, dass wir bequemer oder gar dümmer werden, halte ich für ganz falsch. Im Gegenteil, durch den Zugriff auf Informationen weltweit – auch in Form von Bild- und Ton-Dokumenten – haben wir neue Möglichkeiten der Interaktion. Es ist an uns, dies zum Nutzen der Menschheit gewinnbringend einzusetzen.

Wenn Sie, Herr Drechsler, sich eine intelligente Maschine wünschen dürften, welche Maschine wäre das?

Wir erleben in unserer heutigen Zeit viele Herausforderungen, wie den Klimawandel. Wenn es eine intelligente Maschine gäbe, die uns hier weiterhelfen könnte, würde ich das sehr begrüßen.

Und wie würden Sie sicherstellen, dass Ihr Assistent nur zu Ihrem Besten handelt?

Als Informatiker bin ich mir der großen Verantwortung bewusst, welche Macht mit den neuen technischen Möglichkeiten einhergeht. Es ist von großer Bedeutung, Systeme so zu gestalten, dass sie beherrschbar und leicht bedienbar bleiben. Gerade der Aspekt der Sicherheit steht im Fokus meiner Forschung.

Ist Ihnen bei Ihrer Arbeit je der Gedanke gekommen, dass Sie zu weit gehen?

Der bewusste Umgang mit der Entwicklung in unserem Forschungsfeld ist sehr relevant. Die technologischen Entwicklungen der letzten 30 Jahre haben unser Leben massiv verändert. Das betrifft sowohl die Arbeitswelt, als auch das Privatleben. Man schaue sich nur an, wie viele E-Mails, Text- und Sprachnachrichten man täglich erhält. Natürlich müssen wir aber kritisch bewerten, welche Unterstützung wir durch Maschinen erhalten wollen und welche Entscheidungen wir an sie übertragen. Insofern ist es eine tägliche Auseinandersetzung mit der Thematik, um die Möglichkeiten und Grenzen der Verfahren, die wir entwickeln, einzuschätzen.

Was passiert, wenn Roboter oder Computer Bewusstsein bekommen, haben sie dann Rechte wie Menschen?

Das ist eine theoretisch sehr interessante Frage, die auch in vielen Science-Fiction-Romanen und -Filmen aufgegriffen wird. Was wäre, wenn sich Computer zu einer deutlich höheren Intelligenz entwickeln, die für uns Menschen nicht mehr nachvollziehbar ist – ähnlich dem Verhältnis von Mensch zu Tier? Hier lässt sich viel spekulieren, doch nach aktuellem Stand der Forschung gibt es noch keinerlei Ansätze, wie Computer Bewusstsein bekommen können. Sollte es dazu kommen, muss man sich der Situation stellen. Doch das liegt noch in weiter Ferne.

Die Fragen stellte Irene Niehaus.

Info

Zur Person

Rolf Drechsler (50)

arbeitet als Informatik-Professor und Dekan des Fachbereichs Mathematik und Informatik an der Universität Bremen. Der Lilienthaler leitet den Forschungsbereich Cyber-Physical Systems am Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Er ist auch der Erfinder des Comics „Noerdman”, der den digitalen Alltag mit trockenem Humor gehörig aufs Korn nimmt (www.noerdman.de). Jeden Montag erscheint eine neue Folge des Web-Comics im Internet. „Wir blicken mit Humor auf diese Welt”, sagt Drechsler.

Info

Zur Sache

Talk-Gast beim Art-Festival

Rolf Drechsler ist beim Randlage Art-Festival in Worpswede am Dienstag, 1. Oktober, Talk-Gast und spricht über Chancen und Risiken von Künstlicher Intelligenz. Er will in einem allgemeinverständlichen Vortrag mit anschließender Diskussion ein spannendes Thema aus der Informatik in der Galerie Altes Rathaus, Bergstraße 1, vorstellen. Der Eintritt für die abendliche Talkrunde kostet sechs Euro, ermäßigt fünf Euro. Für Besitzer eines Festivalpasses von 29 Euro, ermäßigt 19 Euro, sind alle Rahmenveranstaltungen frei. Aufgrund der begrenzten Raumsituation sollten Tickets im Vorfeld online unter www.kw-randlage.de reserviert werden.

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