Interview mit Susanna Böhme-Netzel „Ich kann auch ordentlich schreien“

Susanna Böhme-Netzel leitet in dritter Generation die Worpsweder Kunsthalle. Im Interview erzählt sie, wie Helmut Schmidt nach Worpswede kam und warum sie manchmal laut werden muss.
03.04.2019, 18:59
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer

Die Worpsweder Kunsthalle besteht seit 100 Jahren. Was bedeutet Ihnen diese Zahl?

Susanne Böhme-Netzel: Es ist eher ein Schlaglicht, aber es ist natürlich nicht selbstverständlich, dass eine Firma – gerade im Kulturbereich – 100 Jahre übersteht und sich fortentwickelt. Interessant ist natürlich zu verfolgen, was sich in dieser Zeitspanne hier getan hat, was gut war und was schlecht. Welche Ideen aus vergangenen Zeiten kann man heute noch übernehmen? 100 Jahre sind natürlich auch ein Ansporn, das gut weiterzuführen. Ich möchte das zum Anlass nehmen, um die Geschichte des Hauses aufzuarbeiten. Dem Anspruch muss man sich stellen, man muss dem gerecht werden, was es an Geschichte gibt und das Aufgearbeitete möglichst auch noch mal mit einem Katalog in Szene setzen. Dann kann man in 50 Jahren noch mal nachgucken und sehen, was war Netzel und wie hat sich Worpswede und die Welt verändert seitdem.

Ist das das nächste Projekt: „Das Buch Netzel“?

Darauf arbeite ich hin, ja. Das soll ein Katalog werden, kein dickes Stück, aber immerhin möchte ich alle wesentliche Dinge festhalten. Mir war und ist immer sehr wichtig, Zeitzeugen zu befragen, die sich noch an viele Dinge erinnern und sie mir verlässlich erzählen können. Ich bin selber ja noch gar nicht solange mit der Firmengeschichte vertraut, meist habe ich mich mit dem Kunstbetrieb beschäftigt. Dieses Jubiläum war auch für mich ein guter Anlass, zu schauen, was wir noch an Fundstücken außer der Kunst überhaupt im Haus haben, damit man bestimmte Geschichten auch authentisch erzählen kann.

Wie schwierig ist das?

Sehr! Mein Mann war immer sehr fürs Aufräumen. Da wurde sehr viel immer gleich entsorgt und ist für immer verloren. Wichtige Dinge habe ich hier mehr oder weniger durch Zufall gefunden. Dafür gibt es bei Silke Schroeter, die mit der Buchhandlung Netzel ja quasi die Urzelle der Familie weiterführt, sehr viel Material. Sie hat das ganze Haus voll mit Dokumenten, da möchte ich noch mal richtig einsteigen und gucken, was verwertbar ist.

Worauf sind Sie bisher gestoßen?

Ich war glücklich, dass ich bestimmte Abläufe belegen konnte, wie etwa die Kontakte nach Frankreich zu Pariser Galerien oder nach New York. Da wurde mir dann auch klar, wie bestimmte Werke hier herkamen, zum Beispiel Ausstellungen mit Pop-Art-Plakaten. So viele internationale Begegnungen hatte ich hier gar nicht vermutet. Es war eben nicht nur die Aufarbeitung des späten Vogelers mit Werken aus der DDR oder der Sowjetunion, die großes Erstaunen hervorgerufen haben.

Die Kontakte in den Ostblock bestanden schon in den 1960er-Jahren, lange vor irgendeinem Kuturabkommen.

Das waren damals sehr wichtige und interessante Ausstellungen, die für viel Furore gesorgt haben, weil man diese Werke gar nicht kannte oder ignoriert hatte. Aufregend waren auch die Ausstellungen mit DDR-Künstlern, deren Namen damals höchstens Insidern bekannt waren. Diese Bilder hatte man hier noch nie gesehen. Das ging damals weit über das hinaus, was Worpswede selbst zu bieten hatte.

Woher kam der Impuls? Worpswede wird ja immer wieder vorgeworfen, sich zu sehr um sich selber zu drehen. Warum ging der Blick der Netzels weiter?

Das hing sicher mit dem Studium meines Mannes als Volkswirt in Hamburg zusammen. Er hat sich eben nicht nur mit Kunst beschäftigt, sondern bekam eine ganz andere Weitsicht. Andererseits ist er hier aufgewachsen und hatte immer auch Kontakt mit den hiesigen Künstlern. Dazu kam der Wunsch, Kontakte aufbauen zu wollen – heute würde man sagen, er war ein Netzwerker. Er wollte immer gerne, dass auch seine Bilder woanders gesehen wurden. Das war hier sonst nicht üblich, die älteren Herren, die zu dieser Zeit die Museen im Ort führten, dachten nicht so.

Ist Ihre Familie damit auch angeeckt?

Ja, natürlich. Gerade den späten Vogeler hat man uns sehr übel genommen. Man wollte hier die heile Welt pflegen, Jugendstil und alles möglich Unpolitische zeigen. Da gab es heftig Ärger, aber andererseits musste man feststellen, dass mit solchen Ausstellungen eben auch jemand wie Bundeskanzler Helmut Schmidt nach Worpswede kam und sich später sogar seinen Arbeitsplatz in Bonn mit Worpsweder Kunst ausstaffieren ließ.

Was waren wichtige Einschnitte in den 100 Jahren?

Wir haben 2012 das Haus aufwendig saniert. Das war für mich eine große Strapaze, das sage ich ganz ehrlich. Zum Glück hatten wir unseren Bestand vorher gut gesichert und teilweise ausgelagert, aber uns ist dabei der Bürotrakt wegen einer nicht fachgerechten Abdichtung des Daches voll Wasser gelaufen. Das hat uns noch über Jahre beschäftigt und dabei mussten eben auch viele Unterlagen weggeworfen werden, die ich jetzt gerne noch auswerten würde.

Wurde es Ihnen schwer gemacht, als sie 1994 das Erbe Ihres Mannes antraten und das Haus weiterführen wollten?

Naja, wahrscheinlich ist mehr über mich geredet worden, als mir zugetragen wurde. Aber natürlich haben mir damals Kunden damit in den Ohren gelegen, ich möge ihnen doch mal die Sahnestücke der Sammlung schnell verkaufen. Wenn ich dann sagte, dass der Bestand wie von meinem Mann gewollt in eine Stiftung überführt wird, war es nicht immer einfach. Ich habe es durchgestanden; ich wusste, was er wollte. Aber ich musste anfangs schon kämpfen.

Wie steht es um Ihre Nachfolge?

Alles, was ich den vergangenen Jahre gemacht habe, ist so aufgestellt, dass das Haus auch für einen Fremden übernahmebereit ist. Wie sich das genau gestaltet, kann ich noch nicht sagen, aber ich bin so weit, dass ich in zwei Jahren in Rente gehen kann.

Was werden Sie dann tun?

Das habe ich gerade jemanden erzählt, aber der wollte es mir nicht glauben: Ich werde Museen besuchen. Ich werde sicherlich auch viel ausschlafen müssen, dazu komme ich immer zu wenig. Aber ich vermisse Zeit, um mehr zu reisen und mir anzugucken, wie es andere Häuser machen.

Wenn Sie mal keine Kunst mehr sehen mögen, was machen Sie dann?

Es gibt solche Momente der Überlastung hin und wieder. Da kann man eigentlich nur ganz schnell das Haus verlassen, an die Hamme gehen und sich an der Weite des Landes ergötzen. Und wenn es zu schlimm wird, dann kann ich auch ordentlich schreien.

Das Gespräch führte Lars Fischer.

Info

Zur Person

Susanna Böhme-Netzel (63)

leitet in dritter Generation die Worpsweder Kunsthalle, die Friedrich Netzel, der gleichnamige Großvater ihres Mannes, 1919 gegründet hatte. Die gebürtige Berlinerin wuchs als Ziehtochter der Malerin Ottilie Reylaender auf. Dank Reylaender war sie früh mit Worpswede verbunden und zog Anfang der 80er-Jahre selbst ins Künstlerdorf. Nach dem Tod ihres Mannes übernahm sie 1994 die Leitung der Kunsthalle.

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