Schießanlage in Waakhausen Komplizierte Bewertungsgrundlage

Im Streit um den Schießstand Waakhausen geht es häufig um schwer verständliche Detailfragen. Wir haben versucht, eine Schneise ins Wirrwarr von Messwerten und Verodnungen zu schlagen.
19.03.2019, 15:14
Lesedauer: 3 Min
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Von Lars Fischer

Landkreis Osterholz. Die Diskussion um den Schießstand in Waakhausen ist neben aller Vehemenz vor allem von umwelttechnischen Fragen und Details geprägt, die für Laien mitunter schwer verständlich sind. Vor allem geht es immer wieder darum, wie sehr das rund 16 Hektar große Areal durch bleihaltige Munitionsreste belastet ist.

Der Landkreis Osterholz hat in dieser Woche dem Betreiber mitgeteilt, dass er den Landwehrgraben, der das Gelände entwässert, als Gewässer dritter Ordnung beurteilt. Das hat keine Auswirkungen auf Grenzwerte, aber darauf, wer unterhaltspflichtig ist und für den Wasserfluss und die Pflege zu sorgen hat. Das sind in diesem Fall die Anlieger, also der Schießstand sowie Grundstücksbesitzer im weiteren Verlauf.

Für Mittwoch, 20. März, hat die Gemeinde Worpswede zu einer Informationsveranstaltung zum Thema Schießstand ins Rathaus, Bauernreihe 1, eingeladen. Ab 19 Uhr stehen die beiden zuständigen Dezernenten des Landkreises, Dominik Vinbruck und Werner Schauer, für Fragen zur Verfügung. Dabei stehen verschiedene Aspekte im Fokus:

Wie ist die Ausgangslage?

Der bleibelastete Boden im Hauptniedergangsbereich der Schrotkugeln, der sogenannten „Dispositionsfläche“, ist 2007 abgetragen und verschweißt in einem Wall, auch als „Wurst“ bezeichnet, an der Nordostgrenze der Anlage gelagert worden. Die Fläche wurde anschließend mit Sand aufgefüllt und mit einem Gittertextil abgedeckt. Das sich auf dem Gitter sammelnde Schrot soll regelmäßig aufgesammelt werden – was zum Teil ausblieb und durch den Pflanzenbewuchs auf dem Textil erschwert ist. Die Gegner der Anlage sprechen davon, dass die Netze durchlöchert seien, der Betreiber verneint dies. Der Bewuchs habe aber zugenommen, da nach Erlass der Düngeverordnung kein Unkrautvernichter mehr aufgebracht werden darf.

Wie wird überwacht?

Der Betreiber der Schießanlage hat im Februar 2019 zwei Gutachten in Auftrag gegeben: eins bei der Firma Dr. Pirwitz Umweltberatung, das die Fläche bewertet, eins bei Jürgen Voss, einem Sachverständigen für Schießstände. Für das Pirwitz-Gutachten sind an zehn Stellen Oberflächenwasserproben entnommen worden sowie an zwei Stellen Sedimentproben, die auf Blei-‚ Antimon- und Arsengehalt untersucht wurden.

Die Wassermessstellen liegen im Dreiviertelkreis um das Grundstück verteilt, ausgenommen sind der nordwestliche Rand und das Zentrum. Die beiden Sedimentproben stammen aus dem Landwehrgraben, der an der Südseite verläuft.

Wie belastet sind die Proben?

Die mit Abstand höchste Konzentration an Blei wurde in dem Wall („Wurst“) mit 5700 Mikrogramm (µg) in einem Liter Wasser festgestellt. Ein Mikrogramm ist ein Millionstel Gramm. Ebenfalls stark belastet sind ein angrenzender Graben (160 µg) und der Abschussbereich der Anlage mit 140 bis 200 µg, die anderen Werte liegen zwischen 23 und 97 µg. Die beiden Sedimentproben weisen 240 beziehungsweise 700 Milligramm (mg) Blei pro Kilo Trockensubstanz auf. Voss kommt auf geringere Werte im Wasser (9 bis 27 µg), aber höhere in den abgelagerten Sedimenten (87 bis 1680 mg). Seine Messreihen seit 2006 zeigen starke Schwankungen in verschiedenen Bereichen.

Wonach wird bewertet?

Es gibt für die Bewertung des Bleigehalts in Gewässern, anders als beim Trinkwasser – mit einem Grenzwert von 10 µg – keine gesetzlichen Vorgaben und keine vorgegebenen Prüfverfahren. Die Werte des Pirwitz-Gutachtens sind auf Grundlage des Bundes-Immissionsschutzgesetzes erhoben worden. Das legt den exakten Entnahme-Prozess fest und beurteilt Wasserproben. Werte bis zu 50 µg werden als tolerabel für Gewässer eingeschätzt.

Für Sedimente gibt es keine Angaben. Wendet man dieses Verfahren an, werden die Proben nicht gefiltert. Anders bei der strengeren Umwelt-Qualitätsnorm nach EU-Verordnung. Messergebnisse nach diesem Verfahren liegen aber nicht vor.

Es sei „Sache der Gutachter und der Behörden, eine jeweils zutreffende Bewertung vorzunehmen“, betont Jana Lindemann, Sprecherin des Landkreises Osterholz. Der Betreiber des Schießstandes könne die Grundlagen keineswegs selbst „aussuchen“.

Wie sind die Ergebnisse einzuschätzen?

Pirwitz schlussfolgert, da „der Landwehrgraben nach dem Verlassen des Schießstandgeländes nur noch geringe Bleifrachten (...) aufweist, ist ein Austrag von Metallen der Bleischrote in angrenzende Flächen nur noch in sehr geringen Frachtmengen möglich“. Den Verdacht einer Leckage der „Wurst“ sieht er durch Proben mit relativ geringem Bleigehalt (58 µg) im bräunlichen Sickerwasser aus dem Wall als unbegründet an.

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