Künstlerhäuser Worpswede Auf den Spuren Vogelers

Die Künstlerhäuser Worpswede laden Kinder aus dem Bremer Stadtteil Osterholz zum Feriencamp ein. An insgesamt acht Tagen experimentieren die Kinder in der Natur und entdecken nach und nach das Künstlerdorf.
13.08.2022, 12:00
Lesedauer: 3 Min
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Auf den Spuren Vogelers
Von Dennis Glock

Worpswede. In diesem Jahr jährt sich der Geburtstag des Worpsweder Künstlers und Visionärs Heinrich Vogeler zum 150. Mal. Das Künstlerdorf feiert dieses Ereignis mit zahlreichen Veranstaltungen, die um das Lebenswerk Vogelers kreisen. Mit von der Partie sind auch die Künstlerhäuser Worpswede, die im Zuge des Projekts „Rauskommen“ Kinder aus dem Bremer Stadtteil Osterholz zu einem Ferienaufenthalt in Worpswede einladen. Von Montag, 15. August, bis Montag 22. August, soll für die teilnehmenden Mädchen und Jungen der Spaß im Vordergrund stehen. „Das Camp umfasst eine ganze Woche gemeinschaftliches Leben. Dazu gehören neben dem Erlebnis des Zeltens in der Natur die schöpferische Arbeit mit künstlerischen Mitteln, viel Bewegung, Spiel, Kontakte zu Museen und Musikern ebenso wie die Begegnung mit Tieren in Worpswede“, kündigt Hans Jordan, Kinder- und Jugendlichentherapeut aus Worpswede, an.

Im Spätwerk von Heinrich Vogeler stehen der Mensch und die soziale Frage im Fokus. Er engagierte sich für bessere Lebensverhältnisse der Arbeiter, schuf Möbel und Wohnraum für diejenigen, die zu seiner Zeit in Armut lebten. Er stellte sich auf die Seite der Arbeiterbewegung und nahm auf dem Barkenhoff in Not geratene Kinder zu Erholungsaufenthalten in Worpswede auf. Genau an dieser Stelle möchten die Künstlerhäuser Worpswede mit ihrem Projekt „Rauskommen“ ansetzen. „Die Kinder kommen aus Familien, die von Haus aus nicht über Gärten und großzügigen Wohnraum verfügen, sondern häufig sehr beengt leben müssen“, so Jordan.

Abschalten vom Alltag

Der Stadtteil Osterholz hat aktuell etwa 40.000 Einwohner. In der Gruppe der Kinder unter 18 Jahren machte der Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund im Jahr 2020 nach Angaben des Statistischen Landesamts 79 Prozent aus, Tendenz steigend. Besonders betroffen ist der Stadtteil von Arbeitslosigkeit und Armut. Im Ortsteil Osterholz-Tenever liegt der Anteil von Kindern unter 15 Jahren, deren Familien Sozialleistungen beziehen, bei 50 Prozent. Jedes zweite Kind in dieser Großwohnsiedlung lebt also von Sozialhilfe. „Durch die Pandemie sind diese Kinder noch stärker ins Hintertreffen geraten, weil sie während des Distanzunterrichts nicht mit ihren Lehrern und Schulfreunden zusammen lernen konnten und oft ohne Unterstützung zurückgeblieben sind“, betont Jordan und ergänzt: "Wenn also niemand für sie da war, um Hilfestellung bei den Aufgaben zu geben, wenn Verabredungen nur noch mit einem Kind erlaubt waren, wenn notwendige Geräte zur Teilhabe am Unterricht fehlten, dann waren diese Kinder in großer Not und sie brauchen es dringend, rauszukommen.“

Die Künstlerhäuser Worpswede wollen diese Möglichkeit durch ein Feriencamp auf dem Gelände Vor den Pferdeweiden bieten. Vorgesehen ist ein Zeltlager für eine Gruppe von zwölf Mädchen und Jungen im Alter von acht bis zwölf. „Schwerpunkte wollen wir bei diesem Ferienangebot auf das Leben in der Natur, gute Ernährung, Bewegung und künstlerische Aktivität legen“, sagt Philine Griem, Leiterin der Künstlerhäuser. „Wir planen Ausflüge an die Hamme und zum Weyerberg. Auch werden wir den Kindern verschiedene Materialien zur Verfügung stellen und sie anregen, damit künstlerisch tätig zu werden“, ergänzt Jordan.

Experimentieren in der Natur

Holz, Farben, Malgrund, Stoffe oder Drucktechniken - es soll alles vorhanden sein, um mit einfachen Mitteln eigene Ideen zu verwirklichen. Ein Floß könnte entstehen, eine Hütte, ein Tipi, selbst erschaffene Möbel und Werkzeuge. Die Kinder können also in den acht Tagen experimentieren, was das Zeug hält. Begegnungen mit Musikern, Zirkuspädagogen, Ausstellungen, Werkstätten und Ateliers sind vorgesehen, ebenso der Kontakt mit Tieren oder eine Mittagspause unter dem weiten Worpsweder Himmel. „Lagerfeuer, Stockbrot, Abenteuer, so sind Sommer-Ferientage auf dem Land“, so Hans Jordan. Das gesamte Ferienangebot wird betreut von qualifizierten Pädagogen, Sozialarbeitern, einem Kinder- und Jugend-Psychotherapeuten, einem fahrenden Handwerker und Künstlern, die das Camp sowohl aus Bremen als auch aus Worpswede begleiten.

Bevor am Montag wieder die Abreise ansteht, wird es am Sonntag zum Abschluss auf dem Gelände der Künstlerhäuser ein großes Fest geben, zu dem nicht nur die teilnehmenden Kinder, sondern auch interessierte Kinder mit deren Familien eingeladen sind. Präsentiert werden hier die Arbeiten der Kinder. „Im Vogeler-Jahr 2022 erscheint uns dieses Feriencamp als eine hervorragende Möglichkeit, Kinder, Natur, Kunst und Kultur zusammenzubringen. Das hätte Heinrich Vogeler bestimmt gefallen“, sagt Philine Griem. Die Kinder nehmen eine Reihe von neuen Erfahrungen in ihren Alltag mit zurück. Vieles von dem, was ihnen in dieser Woche gelungen ist, so hofft Jordan, könne integriert werden und nachhaltig Wirkungen entfalten als Ermutigung und Energiespender für den weiteren Weg.

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