Galerie in Worpswede Neue Kunst an historischem Ort

Ohne das Kaufhaus Stolte hätte es nie die Künstlerkolonie Worpswede gegeben. Jetzt haben sich sechs zeitgenössische Künstler zusammengetan, um in dem historischen Gebäude eine neue Galerie zu eröffnen.
22.03.2020, 17:28
Lesedauer: 3 Min
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Von Lars Fischer

Worpswede. Der Raum ist frisch renoviert, die Bilder hängen, die Künstler standen in den Startlöchern. Eigentlich wollten sie nun ihre neue Galerie Mimis Erbe im ehemaligen Kaufhaus Stolte in Worpswede einweihen. Dann kamen Corona und die Überlegungen, wie damit umzugehen ist. Eröffnung ohne Feier, als sogenanntes Soft Opening? Ganz absagen oder einfach trotzdem machen? Mehrfach änderte sich der Plan, dann wurde die komplette Eröffnung erst mal auf unbestimmte Zeit verschoben - wie so viele andere kulturelle Ereignisse in diesen virusbestimmten Tagen.

Christine Huizenga, Franziska Hofmann, Angelika Sinn, Peter Klug, Signore Buccis und Jörg Steinbeck haben sich zusammengetan, um einen historischen Ort der Worpsweder Geschichte neu zu beleben. Denn ohne die Kaufmannsfamilie Stolte, die seit 1817 die Worpsweder mit Lebensmitteln, Haushaltswaren und sogenannten Kolonialwaren versorgte, und vor allem ohne ihre Tochter Emilie, genannt Mimi, wäre das Dorf wohl nie Künstlerkolonie geworden: Mimi lernte um 1884 in Düsseldorf den jungen Studenten Fritz Mackensen kennen, der so als 18-Jähriger das erste Mal nach Worpswede kam und – mit den bekannten Folgen – blieb.

Bei Stolte kaufte man ein, der Laden, der sich seit 1824 in dem damals neu errichteten Gebäude an der Findorffstraße 10 befindet, war zusammen mit Netzel der Mittelpunkt des alltäglichen Dorflebens. Später wurde es etwas ruhiger im Geschäft, das dann als Reformhaus und Bioladen, zuletzt als „Speisekammer“ bis Anfang Februar weitergeführt wurde.

Nun sind die sechs Künstler eingezogen, die nach einem attraktiven „Raum für Kunst“, so der Untertitel zum Galerienamen, suchten. Die Gruppe hat sich bereits mit der Freiluft-Ausstellung „Kunst auf der Wiese“ Ende August und dem Projekt „Worpsweder Werkschau in der Zwischenzeit“ in der Alten Molkerei im vergangenen Monat in leicht veränderter Besetzung gezeigt. Nun haben sie einen Ort gefunden, an dem sie sich und weitere Kollegen dauerhaft präsentieren wollen. Für das alte Kaufhaus spricht dabei so einiges: die zentrale Lage, die Historie des Hauses und nicht zuletzt die Räume selber, die viel Atmosphäre mit genügend Wandfläche zum Hängen vereinen.

Perfekter Raum

Man habe gar nicht so sehr viel verändern müssen, verrät Peter Klug. Nachdem alte Kühlschränke und Regale verschwunden und die Wände weiß gestrichen waren, ergab sich ein perfekter Raum, der mit seinen zahlreichen Balken und dem alten Holzfußboden einladend und heimelig ist, gleichzeitig aber klar und großzügig wirkt. Er ist in zwei Hälften geteilt: rechts der eigentliche Galerieraum, in dem sich die sechs Künstler selbst präsentieren. Dort soll es künftig auch Themenausstellungen geben. Die linke Seite ist immer noch ein wenig Kaufhaus: Dort gibt es Arbeiten von rund 50 weiteren Künstlern aus der Region, von denen nur einzelne Stücke an den Wänden hängen. Die übrigen sind in zahlreichen Schubladen der früheren Geschäftstresen verstaut. Besucher können stöbern und blättern, an einem großen Tisch in der Mitte ist Platz zum Auslegen. 30 Stühle hat die Music Hall, die gleich gegenüber liegt, gespendet, als sie sich neues Mobiliar anschaffte. Auch andere Worpsweder haben mit Sach- und Geldspenden das Projekt unterstützt.

Es geht den Beteiligten darum, einen „niederschwelligen Zugang“ zur aktuellen Worpsweder Kunst zu bieten. Immer wieder würden Besucher, die der „Alten Worpsweder“ wegen in den Ort gekommen sind, danach fragen, wo denn die heutigen Künstler seien. Bei Mimis Erbe sollen sie nun fündig werden, und die Anmutung eines Ladens soll helfen, dass sie sich über die Schwelle trauen. Sie sollen sich nicht zum Kauf verpflichtet fühlen und müssen keine Unsummen zahlen, wenn sie Bilder, Grafiken, Fotografien oder auch Kunstbücher mit nach Hause nehmen wollen. Es soll erschwingliche Werke geben wie beispielsweise in der Edition Mimi. Das sind Werkmappen mit je einer Arbeit der sechs Künstler, die monatlich in einer Auflage von zwölf Stück erscheinen und 100 Euro kosten.

Diese Einnahmen zusammen mit Spenden und Provisionen aus dem Verkauf der Arbeiten der Gäste sollen helfen, die Galerie zu finanzieren. Jeder der sechs neuen Hausherren und -damen zahlt zudem einen festen Beitrag zur Miete; außerdem soll noch ein Freundeskreis zur Unterstützung des Projekts gegründet werden. „Wenn es gut läuft, dann schreiben wir eine schwarze Null“, hofft Peter Klug.

Präsenz in Schaukästen

Mimis Erbe soll aber auch zum Treffpunkt für Künstler sowie Kunst- und Kultur-Interessierte aus der Region werden. Geplant sind Vorträge, Lesungen, Künstlergespräche, Workshops, Performances, Symposien, philosophische Abende, ein Film- und Debattierklub und vieles mehr, sobald es denn die Corona-Lage wieder zulässt. Dann wird es auch regelmäßige Öffnungszeiten geben: Geplant ist, von Mittwoch bis Freitag von 15 bis 18 Uhr und an den Wochenenden und Feiertagen zwischen 11 und 18 Uhr zu öffnen. Bis dahin werden die Künstler weiter arbeiten oder vielleicht noch einmal auf Spurensuche gehen. Denn Haus, Garten und Keller bieten viele interessante Ecken, die dazu einladen, sich mit ihnen künstlerisch auseinanderzusetzen. Dazu zählen auch die alten gläsernen Schaukästen vorne an der Findorffstraße, die nun ebenfalls abwechselnd „bespielt“ werden sollen. Die Künstler wollen Präsenz zeigen, besser kann es also kaum passen.

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