Kunstpause: Paula Modersohn-Becker Jörg van den Berg über die Radikalisierung der Figur

Jörg van den Berg erklärt, warum er den „Halbakt einer Bäuerin“ von Paula Modersohn-Becker als eines der wichtigsten Werke in der Sammlung der Großen Kunstschau Worpswede bezeichnet.
23.04.2020, 14:07
Lesedauer: 2 Min
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Von Cornelia Hagenah

Die Museen und Galerien sind derzeit geschlossen. Die Besucher können nicht zur Kunst – aber die Kunst kann zum Besucher. Entweder virtuell oder in der Zeitung. Die Redaktion hat Menschen aus der Region, die professionell Kunst zeigen, darum gebeten, ihr Lieblingsbild auszusuchen und zu erzählen, warum sie gerade dieses ausgewählt haben. Diese kleinen „Kunstpausen“ erscheinen in loser Folge in der WÜMME-ZEITUNG.


Worpswede. Als eines der wichtigsten Werke der Sammlung der Großen Kunstschau bezeichnet Jörg van den Berg den „Halbakt einer Bäuerin“ von Paula Modersohn-Becker. Besonders fasziniert den künstlerischen Leiter die „Radikalisierung der Figur“. Zum ersten Mal sei damit – jenseits der qualitativen und historischen Dimension – ein elementares Bild von der Künstlerin geschaffen worden. Ihr sei eine Zuspitzung des „Ich und Du“ gelungen, wie er es formuliert. Gemeint ist damit die Interaktion zwischen der dargestellten Figur und dem Betrachter. Die Frau, die Ihr Gesicht nach links gerichtet hat und ihren Blick vom Betrachter abwendet, sitzt mit entblößtem Oberkörper auf einem typischen Worpsweder Stuhl. „Wie sie an einem vorbei guckt, hat etwas Angreifbares. Ihre Nacktheit macht sie verletzlich“, so van den Berg. Die weiße heruntergerollte Bluse verstärke diesen Eindruck noch.

Bedeutsam für van den Berg ist, dass der Betrachter nach seiner Haltung gefragt sei. Oft höre er leicht voyeuristische Untertöne, Leute würden sich über die Brüste mokieren, wenn es um die dargestellte Nacktheit gehe. Für ihn thematisiert das Werk jedoch etwas anderes: „Wie stehe ich dem Bild gegenüber", fragt er sich. Gerade in der jetzigen Zeit, wo ein Virus die Verletzlichkeit der Gesellschaft zeige, sei die Frage, wie man zu sich seinem Gegenüber verhalte. Der abgewandte Blick der Frau übertrage dem Betrachter die Verantwortung, wie man mit damit umgeht.

Das frühe Werk der Künstlerin – es ist 1900 entstanden – sei ein „spezifisches Paula-Bild“ betont Jörg van den Berg und wichtig für die Entwicklung des Œuvres von Paula Modersohn-Becker, die sich in späteren Jahren auch selbst mehrfach im Akt gemalt hat. Hier handele es sich jedoch nicht um ein Porträt einer bestimmten Person, allerdings sei aber ein individueller Mensch dargestellt.

Und auch formal begeistert den Kurator das Werk, das er jetzt ohne Rahmen in die Große Kunstschau gehängt hat. Das Bildgeschehen konzentriere sich auf die linke Bildhälfte, während die Nacktheit genau ins Zentrum des Bildes gerückt sei. Trotz der passiven Haltung der Frau, sitzend mit Händen auf dem Schoß liegend, zeichne sich auf der zugewandten Gesichtshälfte ein Grundmoment von Lebendigkeit ab. Die Farbe sei pastos aufgetragen, das Wangenrot bedeute für ihn jedoch nicht Scham, sondern gerade Lebendigkeit. „Hier ist die Bild-Betrachter-Beziehung zum ersten Mal in seiner Radikalität formuliert“ resümiert van den Berg begeistert.

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