Konstantin Wecker in Worpswede "Musik ist irrational, sonst ist sie tot."

Für Konstantin Wecker gehören Genuss und gesellschaftlicher Wandel zusammen. Der 72-Jährige träumt noch immer von einer herrschaftslosen Welt, aber ohne Oper, Pathos und Kunst mag er sie sich nicht vorstellen.
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Von Lars Fischer

Sie sind zum wiederholten Mal, diesmal gleich für zwei Konzerte, in Worpswede. Was bedeutet Ihnen dieser Ort?

Konstantin Wecker: Ich finde Worpswede wahnsinnig spannend, allein schon von der Geschichte her. Ich werde sicher wieder die eine oder andere Ausstellung besuchen. Zu allererst bin ich immer erstaunt, dass es es in Niedersachsen so hügelig sein kann. Ich habe ja mal in Bassum gewohnt – das war schon sehr flaches Land. Und da kommt man nach Worpswede und denkt fast, man könnte auch in der Toskana sein. Und immer, wenn ich hier bin, habe ich das Gefühl, ich bin inmitten von Kultur. Da fühle ich mich sehr wohl.

Wie viele Eindrücke hat man auf Tour überhaupt von den Orten, in denen man spielt?

Wenn ich zwei Tage an einem Ort bin, dann bekomme ich schon etwas mit. Gerade in Worpswede haben wir uns deshalb oft auch einen freien Tag mit eingebaut. Aber wenn man jeden Tag woanders ist und fährt dann noch fünf, sechs Stunden, dann hat man keine Lust mehr, sich noch etwas anzuschauen.

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In Bremen spielen Sie meist in der Glocke, einem etablierten Konzertsaal mit der entsprechenden Infrastruktur, in Worpswede in der Music Hall, einem nicht kommerziell geführten Club. Braucht Kultur solche Initiativen?

Unbedingt! Man braucht auch so etwas wie die Glocke, das merke ich gerade bei meiner „Weltenbrand“-Tournee, wo ich mit einem Orchester spiele. Da braucht man halt eine Bühne, wo auch alle drauf passen. Gleichzeitig war ich schon immer auch gerne mit kleiner Besetzung unterwegs. Eigentlich wollte ich jetzt sogar allein auftreten, aber ich habe so viel Spaß daran, mit Jo Barnikel zu spielen, dass wir es als Duo machen. So kann ich mich immer mal wieder vom Klavier lösen, und das macht meine Beziehung zum Publikum noch mal intensiver. Außerdem ist Jo ein fantastischer Pianist, der ein paar Sachen macht, die ich gar nicht könnte.

Mögen Sie diesen Wechsel zwischen den Besetzungen oder ist es eher lästig, weil man sich immer wieder neu vorbereiten muss?

Sobald ich auf einer Bühne stehe, gehe ich in dem auf, was da ist. Ich bin immer noch mit über 100 Konzerten im Jahr unterwegs, und ich glaube, wenn ich da immer dasselbe machen würde, dann könnte es sein, dass es sogar mir mal langweilig würde. Insofern bin ich sehr froh, dass es immer wieder Wechsel gibt.

Kann man sagen, Sie haben Ihre Arbeit und ihren umstürzlerischen Impuls immer schon gerne mit ein wenig „Dolce vita“ verbunden?

Sicher! Ich habe schon ganz früh geschrieben, „Wer nicht genießt ist nicht genießbar“. Ich stand da schon im Gegensatz zu den etwas strengeren, politischen Liedermachern meiner Generation. Hannes Wader sagte mal, „da kommt so ein Bayer und singt 'Genug ist nicht genug', da konnte ich erst mal gar nichts mit anfangen!“ Ich habe ihn immer bewundert und heute sind wir gut befreundet, aber anfangs war er sehr skeptisch. Ich hatte immer schon etwas Üppiges, auch musikalisch. Ich werde nie vergessen, wie mir die 68er vorwarfen, man könne nicht mit einem Cello spielen, das sei ein bourgeoises Instrument! Es durfte nicht kulinarisch oder pathetisch sein.

Sie kamen von der Klassik, nicht vom Straßenkampf.

Ja, ich kam da mit meinem Opern-Pathos an, und das war etwas Neues. Die meisten meiner Kollegen, die ich nach wie vor schätzte und von denen ich auch viel gelernt habe, kamen vom Chanson oder Folk. Meine Ziehväter waren eher Schubert, Verdi und vor allem Puccini. Da kann es schon mal pathetischer werden, aber ich habe mich nie dafür geschämt. Für mich gehört das zur Kunst dazu.

Kann man Sie als „barocken Typen“ bezeichnen?

Das bin ich in einer gewissen Weise, ja. Ich mag auch sehr gerne barocke Dichtung, obwohl ich im Grunde meines Herzens immer Romantiker war. Um genau zu sein, besonders für die vielen Deutschlehrer und Germanisten in meinen Konzerten: ein bekennender Frühromantiker! Das waren nicht nur schöne Reime, die Künstler spürten seinerzeit ja auch durchaus einen politischen Auftrag.

Gibt es aktuelle Musik, die Sie mögen und die Sie inspiriert?

In der E-Musik mag ich wahnsinnig gerne, was Arvo Pärt macht. Der hat einen ganz eigenen, mystischen Zugang zur Musik und ist nicht eitel dabei. Vieles an der aktuellen E-Musik ist mir zu kopflastig – dieses um jeden Preis Neu-Sein-Wollen. In meinem Studium galt immer noch dieser Satz von Adorno: Musik darf nicht irrational sein. Das ist zwar verständlich aus der Geschichte, aber das geht nicht. Musik ist irrational, sonst ist sie tot. Rationale Musik funktioniert nicht. Ich bin Melodiker geblieben, auch wenn ich im Studium dafür ausgelacht wurde. Wenn die große Kunst mich nicht wollte, da habe ich mich eben für die Kleinkunst entschieden. Und so klein ist sie ja nicht geblieben ...

Und wie ist es mit Popmusik?

Mein Sohn spielt mir manchmal ein paar Dinge vor, meist politische Rapper. Er sagt immer, da gehe es nicht mehr um Reime, sondern um Assonanzen. Das finde ich spannend, aber ich meine, ich bin jetzt 72, und ich mag immer noch den korrekten Reim. Ich bin zu alt dafür, aber ich schaue es mir an.

Wie sehr lässt die Bewegung Fridays For Future Ihr revolutionäres Herz höher schlagen?

Sehr! In dem „Weltenbrand“-Programm äußere ich mich sehr deutlich dazu. Ich finde alle diese Verschwörungstheorien gegen Greta Thunberg unglaublich peinlich und daneben. Das ist alles aus einer Angst geboren, irgendetwas an seinem eigenen Leben ändern zu müssen. Ich finde es sensationell, was dort passiert, und ich will da auch gar nicht reinreden oder mitmischen. Das ist eine Jugendbewegung, die soll sich selber gestalten.

Ich hoffe, sie lernt aus den Fehlern der 68er. Jeder hat damals gemeint, mit seiner fertigen, perfekten Ideologie könne er die Welt retten. Da konnte ich nie mitmachen, ich habe schon immer von einer herrschaftsfreien Welt geträumt. Und ich merke heute, dass die jungen Menschen diesem anarchischen Gedanken ganz anders gegenüberstehen als in den 60er-, 70er- oder 80er-Jahren. Außerdem waren die 68er doch eine ziemliche Macho-Bewegung. Heute sind so viele junge und kluge Frauen dabei – das macht einige alte Männer anscheinend ziemlich fertig!

Das Interview führte Lars Fischer.

Info

Zur Person

Konstantin Wecker (72) veröffentlichte 1973 sein erstes von bislang 25 Studio- und zahlreichen Livealben. Er ist einer der erfolgreichsten deutschen Liedermacher, der auch als Komponist, Autor, Schauspieler und Dozent tätig ist. An diesem Freitag tritt er ab 20 Uhr in der Worpsweder Music Hall auf. Das Konzert ist ebenso wie der Auftritt am Vorabend restlos ausverkauft.

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