Tödlicher Unfall in Hüttenbusch

54-Jähriger muss nicht in die Psychiatrie

Das Landgericht Verden hat am Freitag entschieden, dass der Mann, der vor elf Monaten auf der Landesstraße 165 einen tödlichen Unfall herbeigeführt hat, nicht in einer psychiatrischen Klinik untergebracht wird.
17.04.2021, 08:30
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Von Angelika Siepmann
54-Jähriger muss nicht in die Psychiatrie

Das Landgericht Verden hat am Freitag entschieden, dass der 54-jährige Mann, der vor elf Monaten einen tödlichen Unfall herbeigeführt hat, trotz seiner psychischen Beeinträchtigungen nicht in einer Klinik untergebracht werden soll. Bei dem Unfall war seine Ehefrau getötet worden, der achtjährige Sohn wurde schwer verletzt.

Peter Steffen/dpa

Verden/Worpswede. Fast genau elf Monate ist es her, seit eine 50-jährige Frau bei einem schweren Verkehrsunfall auf der Landesstraße 165 zwischen Hüttenbusch und Karlshöfen ums Leben gekommen und ihr achtjähriger Sohn verletzt worden ist. Weil der Ehemann und Vater den Unfall absichtlich herbeigeführt haben soll, wurde er wegen Totschlags angeklagt. Doch der Strafprozess gegen den psychisch beeinträchtigten Mann war wegen dessen Verhandlungsunfähigkeit nach zwei Tagen eingestellt worden. Im folgenden Sicherungsverfahren ging es um die Frage, ob der 54-Jährige auf unbefristete Zeit in einer psychiatrischen Klinik bleiben muss. Nein, hat das Landgericht Verden am Freitag entschieden.

Staatsanwaltschaft und Nebenklage hatten am Vortag erwartungsgemäß unisono eine Unterbringung des Mannes aus der Gemeinde Hambergen beantragt. Doch die 3. Große Strafkammer lehnte dies ab und entsprach damit der Forderung der Verteidigung. In der ausführlichen Urteilsbegründung hieß es vor allem mit Verweis auf das Gutachten des psychiatrischen Sachverständigen, die strengen Voraussetzungen für eine Unterbringung seien nicht alle gegeben. Dies gelte umso mehr, als man nach der umfangreichen Beweisaufnahme davon ausgehe, dass der Beschuldigte nicht eine vorsätzliche, sondern fahrlässige Tötung und Körperverletzung begangen habe – im Zustand erheblich verminderter oder sogar aufgehobener Steuerungsfähigkeit und nicht ausschließbarer Schuldunfähigkeit.

Eine Bestrafung des gebürtigen Bremers war in dem Verfahren nicht vorzunehmen, wohl aber eine rechtliche Einordnung des Geschehens an jenem Mai-Sonntag in Worpswede. Dass letztlich „nur“ grob fahrlässiges Verhalten zugrunde gelegt wurde, kam nicht von ungefähr. Die Kammer berief sich dabei auf – erweiterte – Angaben eines Sachverständigen der Dekra, wonach der Mercedes-Fahrer noch „definitiv“ eine Gegenlenkbewegung nach links unternommen hatte, nachdem der schwere Wagen zunächst nach rechts in den Seitenraum der L 165 Straße abgekommen war. Ob er auch noch abbremste, blieb offen.

Das Gegenlenken in der Gefahrensituation war für die Kammer ein entscheidender Faktor, nicht von einem Tötungsvorsatz des Beschuldigten auszugehen. Ein Fahrfehler im Vorfeld sei wahrscheinlicher als vorsätzliches Handeln, hatte der Gutachter laut Gericht auch bekundet. Der – technisch einwandfreie – Wagen war in einen Graben geraten; schon beim ersten Anprall des Autos mit einem Straßenraum erlitt die Frau so schwere Verletzungen, dass sie noch an der Unfallstelle starb. Der achtjährige Sohn kam mit einem Armbruch ins Krankenhaus. Er sei „in nicht unerheblichem Maße traumatisiert“, hieß es.

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Seine Schilderungen in einer frühen audiovisuellen Zeugenbefragung konnten nicht verwertet werden, allerdings griff das Gericht auf die entsprechenden Angaben der vernehmenden Amtsrichterin und die des Jungen in der Hauptverhandlung zurück. Dem tödlichen Unfall auf der Rückfahrt von der Insel Usedom ist demnach eine heftige verbale Auseinandersetzung zwischen dem Beschuldigten und seiner Frau vorausgegangen. Das Paar lebte bereits getrennt; ein strittiges Thema soll das Sorgerecht für den Jungen gewesen sein, das sie Mutter für sich beanspruchte. Der Mann fuhr, wie üblich, mit überhöhter Geschwindigkeit.

Mindestens seit 2017 waren bei ihm zunehmend wahnhafte Symptome und überhöhter Alkoholkonsum aufgefallen. Inzwischen wurde eine paranoid-halluzinatorische Psychose diagnostiziert. Er habe sich zwar seinerzeit in „stark psychomotorischer Anspannung“ befunden, die Stresssituation habe sich zugespitzt. Dass er die Tat aber infolge seiner Erkrankung begangen habe, sei nicht sicher feststellbar, hieß es weiter. Eine Wahrscheinlichkeit höheren Grades, dass er weiterhin erheblich rechtswidrige Taten begehe und somit für die Allgemeinheit gefährlich sei, könne ebenfalls nicht mit der erforderlichen Sicherheit angenommen werden.

Erneutem gefahrvollem Verhalten im Straßenverkehr sei aber vorzubeugen. Dem Mann wurde die Fahrerlaubnis entzogen; seinen Führerschein kann er frühestens in fünf Jahren wiederbekommen. Der Unterbringungsbefehl wurde aufgehoben. Der 54-Jährige könne aber nicht allein leben, so das Gericht, sondern benötige fachkundige Betreuung.

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