Unbekannte Worpsweder Malerin entdeckt Auf der Suche nach Frieda Witt

Die einschlägige Literatur kennt sie nicht, Worpswede-Kennern sagt der Name Frieda Witt nichts Jetzt taucht eine Sammlung mit 50 Bildern der unbekannten Malerin auf und mit ihr die Frage: Wer war Frieda Witt?
22.03.2021, 20:45
Lesedauer: 4 Min
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Von Lars Fischer

Worpswede. Wer war Frieda Witt? Für Ulla Siegert und Christa Allen ist sie in den vergangenen Wochen eine enge Begleiterin geworden, aber viel haben sie über die Worpsweder Malerin nicht erfahren können – das meiste, was sie wissen, erzählt ihnen eine Mappe mit mehr als 50 bislang völlig unbekannten Werken, die eines Tages in ihrem Büro landete. Die beiden Kunsthistorikerinnen betreiben in Bremen ihre Firma Wertschätzen, die Gutachten zu Kunstwerken und Antiquitäten erstellt. Wissenschaftliche Recherche zählt im strengen Sinn nicht zu ihren Dienstleistungen, aber dieser Fall hat sie so gefesselt, dass sie sich doch auf Spurensuche begeben haben.

Denn Witt zählte offenbar zu den ersten Worpsweder Malerinnen, die noch vor 1900 in die Künstlerkolonie kamen, um dort den Unterricht zu nehmen, von dem Frauen seinerzeit an den Akademien noch ausgeschlossen waren. Als sogenannte „Malweiber“ wurden viele von ihnen bekannt, allen voran natürlich Paula Modersohn-Becker. Dass sie und Witt einander kannten, kann man als sicher voraussetzen. Die einzige bekannte Darstellung von Frieda Witt ist eine Porträtzeichnung von Ottilie Reylaender, die 1901 im Paris entstanden ist. Dort hatte Reylaender das Atelier von Modersohn-Becker übernommen. Auch die Art von Witts eigenen Motiven und die Wahl ihrer Modelle ist oft deckungsgleich mit denen ihrer Kolleginnen. Eine großformatige Kohlezeichnung eines alten Bauern ähnelt etwa einer Zeichnung desselben Mannes von Marie Bock, die um 1898 entstanden ist.

Mappe mit 50 Arbeiten gefunden

Frieda Witt wurde am 19. März 1875 in Hamburg geboren. Wann sie nach Worpswede kam, ist unklar, zumal nur wenige ihrer Bilder datiert (und signiert) sind. Einige Studien aus den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts deuten bereits auf erste Aufenthalte hin, offiziell eingetragen ins sogenannte Künstleranmeldebuch hat sie sich am 25. August 1901. Die Kohlezeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde dieser Zeit sind oft auf Pappen gemalt, teilweise auch auf grobe Jute-Leinwände oder Sackleinen. Um Material zu sparen, sind die Malgründe oft beidseitig genutzt, und statt eines Rahmens haben sie meistens zwei Löcher und ein Stück Bindfaden zum Aufhängen – meist noch original erhalten. Das Geld muss wohl knapp, die Leidenschaft fürs Malen aber umso größer gewesen sein. „Dass sie schon 1901 nach Paris reiste“, sagt Ulla Siegert, „ist auch als Zeichen dafür zu verstehen, dass sie den Anspruch hatte, sich künstlerisch weiterzuentwickeln.“

Siegert und Allen betonen vor allem das große Talent als Porträtistin, wobei Witt zuweilen auch experimentell vorging. Eines ihrer Lieblingsbilder zeigt einen alten Mann, dessen Gesichtsfurchen mit der Pinselrückseite tief in die Ölfarbe geritzt wurden. So entsteht ein plastischer, fast schon dreidimensionaler Eindruck – eine Technik, die auch Modersohn-Becker häufig nutzte. 20 Porträts, etwa gleich viele Stillleben, vier Landschaften, aber auch Vogel-Studien, eine Akt-Zeichnung und ein menschlicher Schädel – wohl eine Anatomie-Studie – fanden die Wertschätzerinnen in einer Mappe, die kunstvoll und offenbar von der Malerin selber für ihre Arbeiten angelegt wurde. Diese Mappe tauchte in dem Nachlass eines Bremer Arztes auf. Wie sie dahin kam und ob es persönliche Verbindungen gab, ist den Erben unbekannt. Ebenso wenig fanden die beiden Kunsthistorikerinnen Hinweise auf weitere Werke Frieda Witts.

Biografie bleibt unvollständig

Zumindest der Lebenslauf ließ sich noch ein Stück weiter nachvollziehen: 1906 gründete Witt ein „Privatinstitut zur Ausbildung von Zeichenlehrerinnen“ in Bremen – für eine Künstlerin in dieser Zeit ebenfalls ein ungewöhnlicher Schritt. Sie muss also über eine entsprechende Ausbildung und einen guten Ruf verfügt haben; unterstützt wurde sie dabei von Emil Högg, dem Direktor des Gewerbemuseums, das auch über eine Kunstschule verfügte. 15 Jahre später legte sie in Hamburg eine staatliche Prüfung ab, die sie zum Unterrichten an Mittel- und höheren Schulen sowie an Lehrerinnenseminaren berechtigte. Sie trat in den bremischen Schuldienst ein und wurde 1926 Oberlehrerin. Damit aber verliert sich ihre Spur. Ob sie weiter malte, ob sie selber Kinder hatte, wo und wann sie starb – all das blieb bislang unbeantwortet. Die einschlägige Literatur kennt sie nicht, Worpswede-Kennern sagt der Name Frieda Witt nichts. Die Zeichnung von Reylaender und ihre Mappe sind bislang das einzig Sichtbare, das von ihr geblieben ist.

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Zur Sache

Hoffnung auf weitere Hinweise

Ulla Siegert und Christa Allen hoffen, dass sie Hinweise auf weitere Werke und biografische Daten von Frieda Witt erhalten. Letztendlich ist ihre Aufgabe, den Wert der privaten Sammlung zu ermitteln und sie zu vermarkten. Das sei aber schwierig, weil Witt bislang nicht gehandelt wurde, einzige Anhaltspunkte seien die künstlerische Qualität und der Zustand der Bilder. Erstere sei zwar unterschiedlich, in Teilen aber sensationell, meinen die beiden Kunsthistorikerinnen. Erhalten sind die Arbeiten ebenfalls nicht immer perfekt, hier und da fehlen schlichtweg kleine Stücke an den Bögen, sie haben in den über 100 Jahren der Lagerung gelitten.

Realistisch seien Stückpreise im unteren dreistelligen Bereich, vermutet Siegert, die aber hofft, dass die Sammlung zusammenbleiben oder gar ergänzt werden kann. Sie und ihre Kollegin haben sie dokumentiert und auch einen kurzen Film über ihren Fund ins Internet gestellt. Er ist über ihre Webseite www.wertschaetzen45.de abzurufen. Dort gibt es für Hinweise auch Kontaktmöglichkeiten, telefonisch sind die Expertinnen unter 0421/ 95 89 94 61 zu erreichen.

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