Volkstrauertag

Verantwortung für den Frieden

„Gedenken bleibt wichtig, nicht nur als Erinnerung, auch als Mahnung“, sagte Worpswedes Pastor Kurt Liedtke anlässlich der Kranzniederlegung zum Volkstrauertag in Neu Sankt Jürgen.
17.11.2019, 18:15
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Johannes Kessels
Verantwortung für den Frieden

Albert Heitmann (links), der Vorsitzende des Heimatvereins Neu Sankt-Jürgen, und Landrat Bernd Lütjen, gleichzeitig Vorsitzender des Osterholzer Kreisverbands im Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, bei der Kranzniederlegung zum Volkstrauertag.

JASPERSEN

Worpswede. Soll sie hingehen, oder soll sie nicht? Noch ist Frau Meyer unentschlossen in der kleinen Predigt, die Pastor Kurt Liedtke anlässlich des Volkstrauertags in der Museumsstube auf der Dorfgemeinschaftsanlage in Neu Sankt Jürgen hielt. Welchen Sinn hat der Volkstrauertag heute, über 70 Jahre nach Kriegsende, noch? Er hat einen Sinn, meinte der Worpsweder Pastor, und die etwa 35 Gäste waren seiner Meinung.

Die stellvertretende Ortsvorsteherin Gudrun Arndt konnte auch den Chor des Heimatvereins von Neu Sankt Jürgen begrüßen unter Leitung von Birgit Lackner, der den „Abendfrieden“ und „Du kannst nicht tiefer fallen“ sang. Veranstaltet wird die Gedenkfeier aber vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge, die auch in der Weimarer Republik den Volkstrauertag eingeführt hat, damals noch Ende Februar oder im März begangen, und deshalb war auch der Osterholzer Landrat Bernd Lütjen als Vorsitzender des Kreisverbands nach Neu Sankt Jürgen gekommen.

Es sei schön, dass hier eine Tradition fortgeführt werde, sagte Liedtke, ehe er ein wenig grundsätzlich wurde. Er sei immer wieder überrascht, wenn er in der Bibel lese, solch einen Text, der beginnt mit „Eifere nicht gegen die Schurken, sei nicht neidisch auf die Übeltäter“, habe er dort nicht zu finden erwartet. Es sei aber der 37. Psalm, der dazu aufrufe, sich von Gott leiten zu lassen. Die Bösen würden verschwinden, dann gehöre die Erde den Gebeugten, die sich am wahren Frieden freuen.

Und zu diesen Gebeugten gehört, manchmal jedenfalls, Frau Meyer, verwitwet und knapp 80 Jahre alt, die sich fragt, ob sie dieses Jahr wieder zur Volkstrauertagsfeier auf den Friedhof gehen soll. Ihr Vater liegt sowieso nicht im Elterngrab, der ist in Stalingrad gefallen – auf dem „Feld der Ehre“, wie Frau Meyer bitter-sarkastisch sagt. Erinnerungen an ihn hat sie kaum. Eines steht für sie aber fest: Sie wird keinen „Heldengedenktag“ begehen, obwohl sie es in ihrer Kindheit so gelernt hat. Damals hatten die Nazis den Volkstrauertag, der als Mahnung gegen den Krieg eingeführt worden war, okkupiert und umfunktioniert. „Das waren keine Helden, sondern arme Teufel“, sagt Frau Meyer.

„Gedenken bleibt wichtig, nicht nur als Erinnerung, auch als Mahnung“, so Pastor Liedtke. Man könne ja über die Bundesregierung denken, was man wolle, aber eines müsse man ihr glauben: dass sie alles tue, um Kriege zu verhindern. Andere Politiker dagegen wollten wieder Grenzen hochziehen. Heute herrsche in der EU Frieden, aber dafür hätten Politiker in früheren Jahrzehnten hart arbeiten und über ihren Schatten springen müssen, um sich mit ihrem „Erbfeind“ auszusöhnen. Friede solle aber nicht nur Abwesenheit von Krieg sein, sondern zu ihm gehöre, wie es im Psalm 37 heiße, auch Gerechtigkeit. Frau Meyer ist am Ende mit ihren Grübeleien, sie wird morgen doch auf den Friedhof gehen, und vielleicht kann sie ihre Enkel überreden, mitzukommen – bei der Feier in Neu Sankt Jürgen waren allerdings keine Vertreter der jüngeren Generation zu sehen.

Früher habe es jedes Jahr eine zentrale Veranstaltung für den ganzen Landkreis bei der Bundeswehr in Garlstedt gegeben, sagte Landrat Bernd Lütjen, das habe er bei seinem Amtsantritt geändert. Jetzt sei jedes Mal eine andere Gemeinde an der Reihe. Bernd Lütjen sprach das Totengedenken: „Wir denken heute an die Opfer von Gewalt und Krieg. (...) Unsere Verantwortung gilt dem Frieden unter den Menschen zu Hause und in der ganzen Welt.“ Zum Schluss wurde von Albert Heitmann, dem Vorsitzenden des Heimatvereins, Bernd Lütjen und Kurt Liedtke der Kranz in dem kleinen Häuschen neben der Museumsstube aufgestellt, in dem sich die Gedenktafeln für die Gefallenen der beiden Weltkriege befinden, und dann standen schon Butterkuchen und Kaffee bereit.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+