Neue Worpswede-Webseite Vernetzung als Erfolgsstrategie

Synergien schaffen statt Konkurrenzgedanken zu befördern - das ist das Ziel der neuen Webseite Worpswede-Tipps. Am 23. Oktober soll das Projekt online gehen und wird im Rathaus präsentiert.
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Von Lars Fischer

Worpswede. Was die größten und erfolgreichsten Unternehmen der Welt machen, um ihre Effizienz zu maximieren, sollte auch im Kleinen funktionieren – das ist die Ausgangsüberlegung von Michael Milbradt. Der Unternehmer hat sich das Prinzip der Vernetzung auf die Fahne geschrieben und versucht nun mit einem ehrgeizigen Projekt, globale Erfolgsmuster für regionale Anforderungen anzuwenden. Rund vier Jahre lang hat er mit Programmierern und Webdesignern getüftelt, um ein Internetseiten-Konzept zu entwickeln, das jetzt am Beispiel Worpswedes in die Tat umgesetzt werden soll.

Der Wohn- und Arbeitsort Milbradts ist das Pilotprojekt für eine Idee, die peu à peu für zahlreiche weitere Orte und Regionen umgesetzt werden soll. Unter der Adresse www.worpswede-tipps.de sollen sämtliche Informationen über den Ort verfügbar sein, egal ob Sehenswürdigkeiten, Übernachtungsmöglichkeiten, Geschäfte, Informationen der Gemeinde oder Porträts von Künstlern – alles soll in knapper Form auf der Seite stehen. „Wir wollen nichts machen, das es schon gibt“, sagt Milbradt. Wer umfassendere Informationen sucht, wird auf die Webseiten der versammelten Akteure verwiesen, und auch erst dort gibt es Buchungsmöglichkeiten oder Online-Shops – die Seite selber bleibt auf der reinen Informationsebene. Rund 300 weitere Domains für verschiedene deutsche Reiseziele mit dem Zusatz „Tipps“ habe er sich bereits gesichert, so der Unternehmer. Nach und nach sollen auch sie online gehen.

Was Milbradt vermeiden will, ist eine Konkurrenzsituation in einem kleinen Markt. Konstellationen, in denen beispielsweise verschiedene Initiativen von Geschäftsleuten nebeneinander her – oder gar gegeneinander – agieren, hält er für fatal. Das könne sich Worpswede genauso wenig leisten wie den Verlust von Kaufkraft, der dadurch entstehe, dass Interessierte nicht einfach und übersichtlich die Informationen finden, die sie wollen. Ein gutes Beispiel dafür sei etwa die Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten für Gäste mit Hunden: Laut Milbradts Recherche beim Statistischen Bundesamt seien in der Zielgruppe Worpswedes eine große Anzahl Hundehalter, 90 Prozent der Gästezimmeranbieter aber schlössen es aus, dass jemand sein Haustier mitbringe. „Diese Leute verlieren wir umgehend. Wenn sie erst zwei- oder dreimal gegen die Wand gelaufen sind, fahren sie halt irgendwo anders hin.“ Also gibt es auf seiner Tipps-Seite eine spezielle Kachel zum Thema „Ferien mit Hund“.

Die komplette Webseite ist nach einem Empfehlungsprinzip aufgebaut: Zu jedem aufgerufenen Eintrag erscheinen am Fuß der Seite weitere, die auf andere Anbieter vor Ort – mit ähnlichen oder mit ergänzenden Angeboten – verweisen. Im Vordergrund steht dabei eine visuelle Menüführung, es gibt nur wenig Text, sondern es sind Bildkacheln, mit deren Hilfe sich die Besucher durch die Seite navigieren. Die Einträge kommerzieller Anbieter stehen gleichberechtigt neben Informationen zu Kunst oder Veranstaltungen. Die Basis-Pakete sind für alle Anbieter kostenlos; erst, wenn jemand aufwendigere Seiten haben möchte, muss er dafür zahlen. Um die örtliche Kunst zu fördern, so Michael Milbradt, liege die Bezahlschranke bei Künstlerseiten noch ein wenig höher, hier gibt es weitere, sonst kostenpflichtige Optionen wie zusätzliche Fotos und Untermenüs gratis.

Entwickelt hat Michael Milbradt das Konzept gemeinsam mit seiner Ehefrau Firoozeh, die sich vor allem ums Webdesign kümmert. Beide verzahnen Erkenntnisse aus unterschiedlichen Geschäftsfeldern mit diesem Projekt. Firoozeh Milbradt führte bis vor einem Jahr das Geschäft „Worpsweder Schlösschen“. „Manchmal waren wir dort die zweite Tourist-Info“, sagt sie. Worpswede-Besucher mit zahlreichen Flyern in den Händen waren überfordert und fragten nach diesem oder jenem. Genau dies soll nun die Seite, die auch für Smartphones und Tablets optimiert ist, überflüssig machen. Aber auch der bestehenden Gästeinformation wolle man keine Konkurrenz machen, sondern sie ergänzen, so das Ehepaar: „Die machen einen super Job!“

Milbradt kann als Internet-Pionier gelten. Der gelernte Verwaltungsrechtler hat sich bereits 1981 mit einer Firma Decoramic, die Keramikprodukte mit teilweise individueller Inschrift herstellt, selbstständig gemacht. Als das World Wide Web aufkam, hat er die Chancen frühzeitig erkannt und seine Produkte selber in einem ersten Online-Shop angeboten. „Man hat damals schon ein erstes Gefühl für die Macht des Internets bekommen“, sagt er. Aus den zahlreichen Vorlagen, die Milbradt selber für seine Produkte textete, ging dann später eine zweite Firma hervor, Scriptaculum. Dort gibt es eine große Datenbank an eigenen Gedichten und Prosa zu allen möglichen Anlässen, die sich mit den Produkten von Decoramic verbinden lassen. Kunden können sich dort auch auf Bestellung Texte schreiben oder Geschenke kreieren lassen. Die Erfahrungen mit diesen beiden Firmen fließen zusammen mit denen, die Firoozeh Milbradt in ihrem Geschäft machte, in die Tipps-Seite ein.

Michael Milbradt hat ausführlich die Geschäftsmodelle der größten Internet-Konzerne studiert. Suchmaschinen-Marktführer Google, so seine Recherche, verdiene nicht erfolgsabhängig. Wer einen Begriff sucht, bekommt vor den Treffern, die der Algorithmus der Seite nach verschiedenen Relevanzfaktoren errechnet, solche zu sehen, für die kommerzielle Anbieter zahlen. Allerdings nicht immer das Gleiche: Google kassiere pro Klick auf die Anzeigen, egal, ob es für den Werbetreibenden zu einem Geschäft komme oder nicht. Verschiedene Anfragen kosten verschiedene Preise, so würden für „Hotelsuche Worpswede“ rund 60 Cent abgerufen. Die Werbekunden kauften quasi die Katze im Sack: Sie können den Preis nicht steuern, sondern deckeln lediglich ihr monatliches Budget. Auch so gehe Kapital für Worpswede verloren, so Milbradt.

Sein Prinzip der Empfehlungen und Vernetzungen soll dazu führen, dass die einzelnen Seiten häufiger geklickt werden und so über die Relevanz alleine im Google-Ranking aufsteigen. Je höher man auf der Seite der Suchergebnisse stehe, umso besser die Erfolgsaussichten. Hier zahle sich auch aus, dass über Worpswede-Tipps kein direkter Verkauf von Waren oder Dienstleistungen stattfände, weil Online-Shops den Ranking-Aufstieg wiederum bremsten, so seine Erfahrung.


Die Seite www.worpswede-tipps.de soll am Dienstag, 23. Oktober, um 12 Uhr online gehen, am selben Tag wird das Projekt ab 19 Uhr im Worpsweder Rathaus, Bauernreihe 1, öffentlich präsentiert. Der Eintritt ist frei.

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