Lesung in Worpswede Vom Gehorsam zum Widerstand

Der Film "Der Pianist" machte Wladyslaw Szpilman weltberühmt. Über seinen Retter, den deutschen Offizier Wilm Hosenfeld, erfuhr man wenig. Der Borgfelder Autor Hermann Vinke hat dessen Biografie geschrieben.
06.11.2021, 10:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Vom Gehorsam zum Widerstand
Von Lars Fischer

Worpswede/Borgfeld. Was hat Roman Pola?skis Erfolgsfilm "Der Pianist" mit Worpswede zu tun? Und was führt einen Borgfelder Journalisten auf die Spur eines Wehrmacht-Offiziers aus Hessen, der 1952 in sowjetischer Kriegsgefangenschaft gestorben ist? Die Antwort zu beiden Fragen liegt in der Biografie Wilm Hosenfeld, die Hermann Vinke aufgeschrieben hat. Die Figur Hosenfeld, die nicht einmal namentlich benannt wird, spielt in Pola?skis Film nur eine kurze Nebenrolle, aber eine entscheidende. Der Offizier entdeckt den vor den Deutschen versteckten Pianisten Wladyslaw Szpilman auf einem Dachboden. Der jüdische Musiker, entkräftet und verzweifelt, erwartet seine sofortige Erschießung, aber der Soldat entscheidet sich anders und verhilft ihm zur Flucht.

Vinke ist den Beweggründen Hosenfelds nachgegangen und erzählt dessen Geschichte, die selber mehr als tragisch endet. Und er erzählt von seiner Wandlung, die aus dem überzeugten NSDAP- und SA-Mitglied den Retter von mehreren Dutzend Menschen macht. Wilm Hosenfeld, Jahrgang 1895, entstammt einer erzkatholischen, konservativen Familie, die in der Nähe von Fulda lebte. Wie der Vater wird auch er Lehrer, aber anders als jener setzt er nicht auf Schläge und Einschüchterung, sondern auf Pädagogik. Seine Einstellung ist durchaus völkisch-national geprägt, aber er habe sich vor allem als Humanist begriffen und auch so gehandelt, sagt Vinke.

Ehe mit Worpsweder Künstlertochter

Zum Ende des Ersten Weltkriegs, aus dem er schwer verwundet zurückgekehrt war, engagiert er sich in der Wandervogel-Bewegung und lernt seine spätere Ehefrau kennen. Annemarie Krummacher ist die Tochter des Worpsweder Malers Karl Krummacher, sie hat einen protestantischen, fortschrittlichen Hintergrund. Trotz ihrer Differenzen verlieben sich die beiden und tragen ihren politischen Disput fortan in großem Respekt voreinander aus, wie ihre zahlreichen Briefe belegen. Sie heiraten 1920 in der Bremer St.-Johannis-Kirche, leben aber weiter in Hessen und bekommen fünf gemeinsame Kinder.

Als Wilm Hosenfeld 1939 erneut einberufen wird und ins besetze Warschau kommt, ist er von Hitler begeistert. Er setzt alles daran, Offizier zu werden und schafft dies auch. Der Pädagoge wird an einer Sportschule eingesetzt und erlebt die Aufstände 1943 und 1944 mit. Er erkennt nach und nach, dass die Nationalsozialisten ein verbrecherisches und mörderisches Regime führen, und beginnt in seinem Umfeld, Menschen vor dem sicheren Tod zu retten. Einem gesuchten polnischen Priester etwa verschafft er falsche Papiere und stellt ihn ausgerechnet als Polnischlehrer für Soldaten an. Das ist für ihn ebenso riskant, wie die Briefe, die er regelmäßig seiner Frau schreibt, und das Tagebuch, das er stets bei sich trägt. "Überraschend offen", so Vinke, prangert er dort jetzt die Unmenschlichkeit der Nazi-Herrschaft an. Er trägt quasi sein Todesurteil bei sich; würde der Falsche seine Zeilen zu Gesicht bekommen, stände er umgehend vor einem Militärgericht.

Ehrung in Israel

Am 17. November 1944 kommt es zu der Begegnung mit Szpilman, die Pola?ski mehr als 50 Jahre später zur Schlüsselszene seines Films macht. Keine zwei Monate danach gerät Hosenfeld in sowjetische Kriegsgefangenschaft. Über Umwege kommt er nach Stalingrad und wird trotz der Fürsprache von Menschen, die er gerettet hat, 1950 zu 25 Jahren Haft verurteilt. Nach mehreren Schlaganfällen stirbt er am 3. August 1952, ohne seine Familie noch einmal wiedergesehen zu haben. Szpilman, der erst fünf Jahre nach Kriegsende den Namen seines Retters herausfindet, sucht später den Kontakt zu Annemarie Hosenfeld, beide Familien beschäftigt diese Geschichte über Generationen weiter. Szpilmans Sohn erreicht, dass Wilm Hosenfeld 2008 in der Jerusalemer Holocaustgedenkstätte Yad Vashem als "Gerechter unter den Völkern" geehrt wird, einer von Hosenfelds Söhnen fragt schließlich Hermann Vinke, ob er nicht die Geschichte seines Vaters aufschreiben könne.

Lesen Sie auch

Vinke, der als Journalist unter anderem bei verschiedenen Tageszeitungen, dem NDR und als Auslandskorrespondent der ARD tätig war, hat bereits mehrere biografische Bücher veröffentlicht, unter anderem über Sophie Scholl und Cato Bontjes van Beek. Ausgangsmaterial waren in beiden Fällen erhaltene Briefe gewesen. Auf die konnte er auch im Fall Hosenfeld zurückgreifen: Die Korrespondenz aus Warschau lag bereits in einem über 1000 Seiten starken Buch vor. Die Familie stellte ihm allerdings auch die erhaltenen Tagebücher und vor allem die unveröffentlichten Briefe der Ehefrau zur Verfügung, sodass er ein umfassenderes Bild zeichnen konnte.

Der Autor besuchte die hochbetagte Witwe Szpilmans, die nach Warschau zurückgekehrt war, in ihrer Wohnung, in der sie einst mit dem "Pianisten" gelebt hatte. Sein Klavier stand noch immer da. Und auch das Versteck, in dem Wladyslaw Szpilman überlebt hatte, sah er. "Aber das Kennenlernen dieser Menschen ist für mich das wertvollste", sagt Vinke. Das könne man nicht teilen, nur mitteilen. Das hat er mit seinem Buch, von dem es gerade eine Neuauflage gibt, getan – und das will er mit einer Lesung in Worpswede fortsetzen.

Zur Sache

Lesung in Worpswede

Hermann Vinke liest aus seinem Buch "Ich sehe immer nur den Menschen vor mir – das Leben des deutschen Offizieres Wilm Hosenfeld" am Freitag, 12. November, ab 19 Uhr in der Worpsweder Ratsdiele an der Bauernreihe 1. Veranstalter ist die Volkshochschule Lilienthal, Anmeldungen unter Telefon 04298/ 92 92 40, per Mail an vhs@lilienthal.de oder auf www.vhs-lilienthal.de. Der Eintritt beträgt sieben Euro. Die Neuauflage des Buches ist im Arche Literatur Verlag erschienen (ISBN 978-3-7160-4037-9), hat 382 Seiten und kostet zwölf Euro.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Zur Newsletter-Übersicht