Interview zur Gemeindeentwicklung Worpswede

„Wir brauchen die Bürger“

Was braucht Worpswede, um zukunftsfähig zu werden? Seit Monaten sitzen Menschen in der Gemeinde zusammen und schmieden Pläne. Aber wann gibt es Ergebnisse? Moderator Michael Klöker gibt im Interview Auskunft.
26.11.2019, 11:00
Lesedauer: 5 Min
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„Wir brauchen die Bürger“
Von André Fesser
„Wir brauchen die Bürger“

Michael Klöker ist einer der Moderatoren des Gemeindeentwicklungsprozesses in Worpswede. Am Mittwoch sollen erste Ergebnisse vorgestellt werden.

CARMEN JASPERSEN

Herr Klöker, Sie sprechen seit eineinhalb Jahren über die Gemeindeentwicklung. Wann wird man in Worpswede Ergebnisse sehen können?

Michael Klöker: Der breit angelegte Prozess musste sich erst einspielen, aber es gibt Projekte, die vor der Umsetzung stehen. Ich bin sicher, dass wir im neuen Jahr erste Ergebnisse präsentieren können.

Sie brauchen Ergebnisse, um die Akzeptanz Ihres Tuns aufrecht zu erhalten.

Wir kommen als Bürger an Grenzen. Wir können konkrete Vorhaben vorschlagen. Aber irgendwann sind Rat und Verwaltung gefragt, darüber zu entscheiden und sie umzusetzen. Wir arbeiten mit beiden gut zusammen. Letztlich geht es darum, unser Worpswede auf künftige Anforderungen auszurichten und lebenswert zu erhalten.

Also doch kein Stillstand?

Nein, es gibt sieben Projekte, die wir im Rahmen des Bürgerforums vorstellen werden. Außerdem wollen wir zusätzliche Themen entwickeln. Einige Projekte gehen in Kürze in die politische Diskussion im Rat. Schwierig ist es dort, wo andere Ebenen – zum Beispiel Kreis, Land oder Fördergeber – mitreden. Dann kommt es zu Verzögerungen, was auch Unmut hervorruft.

Was für Projekte stellen Sie vor?

Wir haben die Einrichtung einer Co-Working-Zone in der Schule angeschoben. Wir möchten dort Arbeitsmöglichkeiten für Freiberufler aus der Kreativbranche schaffen, die eventuell auch zusammenarbeiten könnten. Es gibt mindestens drei, vier Interessenten dafür. Wir wollen außerdem den Skulpturenpfad durch den Worpsweder Ortskern realisieren. Der Dorfplatz in der Bergstraße soll aufgewertet werden. Und im Bereich Mobilität gibt es – neben verkehrstechnischen Vorschlägen – die Mitfahrscheibe. Die kann man sich ans Auto machen und so zur Mitfahrgelegenheit werden oder damit an der Straße stehen und signalisieren: Ich möchte mitgenommen werden. Vergleichbar mit Mitfahrerbänken.

Auf denen kaum jemand sitzt.

Diese Scheiben sind etwas, was alle Ortschaften der Gemeinde nutzen können. Der Gemeindeentwicklungsprozess schließt auch die anderen sieben Ortschaften ein. Leider kommen die Menschen von dort noch nicht in größerer Zahl zu unseren Sitzungen. Dabei wäre das wichtig, damit mehr Projekte der Gemeindeentwicklung auch in den Ortschaften entstehen.

Alles hängt doch an den Finanzen. Sie können sich ausdenken, so viel Sie wollen. Am Ende wird es Worpswede nicht bezahlen können.

Die Finanzen schweben über allen Dingen, sie dürfen aber nicht alles verhindern. Es gibt schon Wege, was zu machen, ohne viel Geld auszugeben. Das Beispiel mit der Co-Working-Area in der Schule zeigt es. Hier wird sogar noch etwas Geld in Form von Miete eingenommen.

Letztlich sind Sie immer davon abhängig, dass Politik und Verwaltung Ihre Ideen umsetzen. Aber mal fehlt das Geld und mal die Überzeugung. Das ist doch eine Schwachstelle.

Nein, das ist ein demokratischer Prozess. Nehmen Sie die Co-Working-Area, die zeitnah anfangen könnte. Vielleicht fehlt manchmal auch noch bei einigen Beteiligten die Bereitschaft, an einem Strang zu ziehen. Allerdings muss man auch berücksichtigen, dass es unterschiedliche Interessen in unserer Gemeinde gibt. Die müssen wir zusammenführen.

Noch ein Beispiel?

Tempo 30 auch auf den Durchgangsstraßen. Das wollen viele, aber nicht alle. Dann mischt da auch noch der Landkreis als starker Akteur mit. In solchen Fällen müssen wir die Interessen verbinden und eine Lösung finden. Das kann der Gemeindeentwicklungsprozess leisten.

Bilden Sie in Ihren Arbeitsgruppen alle gesellschaftlichen Gruppen ab?

Es sind viele engagierte Bürger dabei. Das ist schon gut gemischt. Aber, wir wollen und müssen künftig noch stärker junge Menschen ansprechen. Und ich vermisse die Ortschaften. Die gehören einfach dazu. Wir müssten uns mehr um beide bemühen.

Gehen Sie auf die Menschen dort zu oder sollen sie kommen?

Bislang haben wir gewartet, dass sie kommen. Aber sie kommen eher zögerlich. Also müssen wir auf die zugehen, die noch nicht dabei sind, aber dazu gehören. Da müssen wir aktiver werden.

Sie selbst arbeiten ja vor allem im Bereich Wirtschaftsentwicklung. Haben Sie die örtliche Wirtschaft hinter sich?

Im Bereich der Co-Working-Zone waren unterschiedliche Branchen dabei und auch beim letzten Treffen war ein guter Querschnitt vertreten: Die Gewo, die Bergstraßen-Initiative, auch Handwerker kamen und sagten, wo bei ihnen der Schuh drückt, dazu ein Autohaus und eine Metzgerei. Und es gab die Bereitschaft, die Interessen zu bündeln, was schon beim nächsten Treffen unserer Arbeitsgruppe am 2. Dezember angegangen werden soll. Wenn uns das gelingt, wäre das ein weiterer Erfolg.

Es gibt Bürger, die sagen, das Konstrukt hat zu wenig Durchschlagskraft, um die Gemeinde voranzubringen. Sie halten die Arbeitsgruppen für eine Beschäftigungstherapie.

Man muss einfach Geduld und Durchhaltevermögen haben. Natürlich stellen sich einige die Sinnfrage. Aber, je mehr Bürger mitmachen und eine Kraft bilden, desto größer ist die Möglichkeit, etwas zu bewegen und zu erreichen. Ich wünsche mir einfach noch mehr Beteiligung.

Aber dennoch brauchen Sie Etappenerfolge, um zu zeigen, dass das Tun eine Wirkung entfaltet. Was können Sie schnell umsetzen, um sich selbst und Außenstehende zum Weitermachen und Mitmachen zu motivieren?

Für mich hat die ehemalige Schule Signalwirkung mit der Botschaft: Guckt doch mal, die Schule steht nicht mehr leer. Unten ist die Kita, oben die Co-Working-Area. Es gibt Gespräche für ein Engagement der Musikschule, die Senioren wollen in die Cafeteria und es gibt weitere Interessenten. Wenn uns das gelingt, wird deutlich: Es passiert etwas. Ich glaube, dass wir da auch weiterkommen. Und auch da brauchen wir die Masse zur Unterstützung.

Wer ist die Masse?

Wir brauchen die Bürgerinnen und Bürger, die sagen, was sie wollen und uns helfen, als große Kraft wahrgenommen zu werden. Und wir brauchen Rat und Verwaltung für die Entscheidung und Umsetzung. Wir müssen gemeinsam zeigen, dass wir Dinge verändern wollen. Wir dürfen nicht stehen bleiben, denn dann wird sich nichts bewegen.

Der Prozess heißt Worpswede 2030 und läuft nun schon einige Jahre. Wann wollen Sie ihn abschließen?

Er wird niemals abgeschlossen sein. 2030 ist ein Ziel auf dem Weg, nicht der Schlusspunkt. Die Frage der Gemeindeentwicklung muss immer wieder aufs Neue gestellt werden. Nur die handelnden Personen werden im Laufe der Jahre andere sein.

Warum sollten die Worpsweder am Mittwoch zum Bürgerforum kommen?

Ich glaube, dass unsere Gemeinde noch mehr Schwierigkeiten bekommen wird, wenn wir sie nicht weiterentwickeln. Ich weiß, dass das nicht unkritisch gesehen wird. Wir brauchen aber eine intensive Diskussion über die Weiterentwicklung, und bei uns kann man sich einbringen und Veränderungen mitgestalten. Das ist jedenfalls besser, als über die Sozialen Medien immer nur zu meckern.

Das Interview führte André Fesser.

Info

Zur Person

Michael Klöker (57)

stammt aus Nordrhein-Westfalen. Der Diplom-Verwaltungswirt hat seinen Beamtenstatus in einer Kommune nach einigen Jahren an den Nagel gehängt, um als Journalist zu arbeiten. Er machte sich selbstständig, leitete mehr als zwei Jahrzehnte eine Fachzeitschrift mit Schwerpunkt Öffentliche Verwaltung. Heute arbeitet er als Coach und Supervisor. Im Rahmen des Gemeindeentwicklungsprozesses moderiert er eine Arbeitsgruppe im Handlungsfeld Wirtschaft. Er lebt mit seiner Frau in Worpswede.

Info

Zur Sache

Diskussion im Rathaus

Mit einer Zukunftskonferenz hat 2015 alles angefangen, im Spätsommer 2017 wurde dann mit einem Bürgerforum der Gemeindeentwicklungsprozess „Worpswede 2030“ gestartet. Seitdem suchen Bürgerinnen und Bürger in Arbeitsgruppen, den sogenannten Handlungsfeldern Leben und Wohnen, Mobilität, Kunst, Kultur und Tourismus sowie Wirtschaft, nach Lösungen, die helfen sollen, Worpswede attraktiv und zukunftsfähig zu machen. Der Prozess wird in einer Steuerungsgruppe koordiniert, der der Bürgermeister vorsteht und in der auch die Gemeinderatsfraktionen vertreten sind. An diesem Mittwoch, 27. November, laden die Verantwortlichen um 19.30 Uhr zum dritten Mal zu einem Bürgerforum ins Rathaus ein, um über den Stand des Prozesses Auskunft zu geben und die öffentliche Diskussion voranzutreiben. Sie hoffen auf eine rege Beteiligung.

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