Musiker Ray Wilson im Interview

„Wir sind egoistisch“

Im Interview zieht der ehemalige Genesis- und Stiltskin-Sänger Ray Wilson Bilanz. Am Sonnabend gastiert er in Worpswede.
21.11.2019, 05:07
Lesedauer: 3 Min
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Von Thorsten Hengst

Mister Wilson, Sie haben gerade Ihr erstes Best Of-Album namens „Upon My Life“ veröffentlicht. Wieso diese Zusammenstellung?

Ray Wilson: Nun, ich habe seit meinem Ausstieg bei Genesis neun Studio-Alben veröffentlicht. Nach 20 Jahren war es einfach mal Zeit für so eine Kollektion. Die ausgewählten Lieder sind die besten Songs aus dieser Periode, die wir auch heute alle noch live auf unseren Konzerten spielen.

Wie sind Sie auf den Albumtitel gekommen?

„Upon My Life“ sind die ersten Zeilen meines Songs „Ever The Reason“, der hier natürlich auch vertreten ist. Ich finde, diese Zeilen passen sehr gut und werden der Idee eines Best Of-Albums sehr gut gerecht.

Neben den Songs Ihrer Solo-Alben finden sich auf dem Werk auch Lieder Ihrer Band-Projekte Stiltskin und Cut. Wieso?

Beide Projekte waren sehr wichtig für mich und spiegeln meine musikalischen Aktivitäten während der Zeit wider.

Sind diese Bands noch aktiv?

Nein, ich konzentriere mich heute voll und ganz auf meine Solo-Karriere. Allerdings spielen noch einige der Bandmitglieder dieser Projekte in meiner heutigen Band. Das hilft natürlich immens bei der Präsentation der jeweiligen Songs auf der Bühne.

Welche Kriterien waren für Sie bei der Songauswahl ausschlaggebend?

Ich wollte von vornherein ein Doppel-Album zusammenstellen, das zwei verschiedene Stimmungen darstellt: Auf der ersten CD finden sich daher eher die schnelleren und temporeicheren Upbeat-Songs und auf der zweiten eher meine melancholischen und ruhigeren Stücke. Es hat sehr lange gedauert, mit den einzelnen Songs einen Flow für eine stimmige Kontinuität hinzubekommen.

Warum gibt es keine Songs von Genesis?

Zum einen weil ich keine Rechte an den Studioversionen von Genesis-Songs habe und zum anderen, weil ich mit „Upon My Life“ ausschließlich meine eigene Musik präsentieren möchte.

Es gibt auch zwei neue Lieder, die die jeweiligen CDs eröffnen. Das erste heißt „Come The End Of The World“. Das klingt nicht gerade nach einem fröhlichen Auftakt?


„Come The End Of The World“ ist eine Warnung an uns alle: Wenn wir nicht unsere verschwenderischen Gewohnheiten ändern und unseren Fokus auf gemeinsames Handeln und gegenseitiges Verständnis legen, könnten wir schon sehr bald vor einem Abgrund stehen. Es scheint gerade so, als würden wir die Welt und ihre Einwohner bis zum Limit auspressen. Wir sind alle zu egoistisch geworden und sollten stattdessen mehr Mitgefühl und Toleranz gegenüber dem Anderen entwickeln.

Sie leben seit vielen Jahren in Polen. Wie wird diese Thematik dort diskutiert?


Zum einen gibt es viele Menschen, die in Polen frei und regelmäßig ihre Meinung sagen. Zum anderen gibt es die aktuelle polnische Regierung, die in den von ihnen kontrollierten Medien ihre eigene Sicht zu den verschiedenen Themen präsentiert. Aber die meisten intelligenten Menschen durchschauen diese Propaganda.

Wie bewerten Sie die aktuelle Klima-Debatte und die Fridays For Future-Bewegung?

Ich denke, was die jungen Umweltaktivisten tun, ist notwendig, auch wenn es für Andere zu Unannehmlichkeiten führt. Wir müssen einfach radikaler werden, um unsere Klimaziele zu erreichen und effektiv die Umwelt zu schützen. Ich denke auch, dass uns allmählich die Zeit wegläuft und unterstütze daher die Anliegen der jüngeren Generation.

Glauben Sie, dass der Klimawandel noch zu stoppen ist?

Nein, ich glaube nicht daran, dass genügend politischer Wille vorhanden ist, um die Dinge wirklich zu ändern. Aber versuchen sollten wir es trotzdem...

Was müsste denn alles geändert werden?

Das ist eine schwierige Frage, auf die es zahlreiche Antworten gibt: Es müsste auf so vielen Ebenen etwas geändert werden. Neue umweltfreundliche Ideen und saubere Energie-Alternativen müssten viel stärker staatlich subventioniert werden, zulasten der großen Öl- und Gaskonzerne. Der springende Punkt ist doch, wenn Energie-Unternehmen mit 'grüner' Energie mehr Geld verdienen können als mit fossiler, dann werden sie uns diese Alternativen auch anbieten. Da kann man sich ganz auf die Gier dieser Unternehmen verlassen. Die größere Herausforderung ist aber, die Gesellschaft wirklich für radikalere Maßnahmen zu gewinnen, die jeder in seinem Alltag spürt.

Das Interview führte Thorsten Hengst.

Info

Zur Person

Ray Wilsons Karriere begann Mitte der 1990er Jahre, als der schottische Sänger mit seiner damaligen Band Stiltskin gleich mit der ersten Single „Inside“ einen Riesen-Hit landete. Als sich die Band daraufhin zerstritt, nahm er das Angebot von Genesis an, den damals ausgestiegenen Phil Collins als Frontmann zu ersetzen. Das folgende Album „Calling All Stations“' von 1997 floppte, und Wilson verließ die angeschlagene Supergroup. Der mittlerweile in Polen lebende 51-Jährige veröffentlichte seitdem neun Solo-Platten, zuletzt das Best-Of-Doppel-Album „Upon My Life“. Mit seinem Genesis-Classic-Projekt gastiert er am Sonnabend, 23. November, ab 20 Uhr in Worpswede in der Music Hall, das Konzert ist bereits ausverkauft.

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