Gedenken an Paula Modersohn-Becker Worpswede ist nun Frauenort

Das Künstlerdorf wird mit der Malerin Paula Modersohn-Becker zum neuen niedersächsischen Frauenort.
26.03.2021, 17:20
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Von Irene Niehaus

Worpswede. Paula Modersohn-Becker steht für den Mut von Frauen, ihren eigenen Weg zu gehen und den Rollenerwartungen zu trotzen. Die Künstlerin, die mit nur 31 Jahren starb, hat Worpswede nun fast 115 Jahre nach ihrem Tod die Würdigung als Frauenort eingebracht. Sie selbst soll mit der Ehrung stärker als bisher aus der Perspektive einer emanzipierten Frau wahrgenommen werden. Zu ihren Lebzeiten wurde sie als „Malweib“ belächelt, erst nach ihrem Tod trat ihr großes Schaffenswerk zu Tage, wie der Landesfrauenrat mitteilte.

Doch es gehe nicht darum, erneut die gute Malerin Paula Modersohn-Becker ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken, sondern eine bewundernswerte Frau, die wusste, was sie wollte, sagte Ursula Thümler vom Landesfrauenrat, der die Frauenorte Niedersachsen ins Leben gerufen hat. Die Künstlerin werde als starke Frau ihrer Zeit gewürdigt, deren Lebensmittelpunkt um 1900 Worpswede war. Verheiratet mit dem Maler Otto Modersohn pendelte sie bis zu ihrem Tod mehrfach zwischen dem Dorf und der Kunstmetropole Paris. Ihre intensiv gelebte Leidenschaft für ihre Kunst habe im Gegensatz zu den weiblichen Verhaltensnormen ihrer Zeit gestanden, so der Landesfrauenrat.

Dass ihr Denken und Handeln auch heute für viele Künstlerinnen und Frauen überhaupt ein Vorbild ist, unterstrich Heike Grotheer, Gleichstellungsbeauftragte der Gemeinde Worpswede. „Sie war bereit, mit gesellschaftlichen Konventionen zu brechen, um ihr künstlerisches Streben unbeirrt fortzusetzen“, so Grotheer. Im Herbst 1900, wenige Monate vor ihrer Hochzeit, stand für die junge Paula Becker (1876-1907) fest: „…daß ich mich verheirate, soll kein Grund sein, daß ich nichts werde.“ Zugunsten ihrer ganz persönlichen Selbstfindung und Selbstverwirklichung sei sie bereit gewesen, gegen viele Hürden künstlerisch weiterzuarbeiten, betonte auch die Kulturbeauftragte Klaudia Krohn.

Stefan Schwenke, Worpswedes Bürgermeister und Vorsitzender des Vereins zur Kunst- und Kulturförderung, hob hervor, dass seine Gemeinde stolz sei, Frauenort zu sein. Dass für diesen Titel nur Paula Modersohn-Becker infrage gekommen war, sei von vornherein klar gewesen. Er erhoffe sich von der Würdigung eine weitere Anerkennung für Worpswede. „Hier wird man sagen: 'Mann und Frau, wir sind Paula“, so Schwenke.

Die Würdigung der Künstlerin umfasst nicht nur eine Info-Plakette an der Fassade des Museums am Modersohn-Haus, sondern auch Ausstellungen und eine Outdoor-Präsentation. Im Museum, das unter anderem ins Wohnhaus des Künstlerehepaares führt, treten in einer Sonderausstellung unter dem Titel „Paula in Worpswede - Ein Frauenleben um 1900“ biografische Aspekte im Leben der Malerin in den Fokus. Statements der Künstlerin werden mit ausgewählten Werken von Worpsweder Zeitgenossinnen und Nachfolgerinnen in Dialog gesetzt. Mit einer Auswahl an Zitaten und Meilensteinen der Gleichberechtigung soll dem Besucher die Künstlerin besonders als emanzipierte Frau nähergebracht werden, so die Worpsweder Kunsthistorikerin Cornelia Hagenah. Werkbeispiele und Lebensumstände ihrer Kolleginnen und Nachfolgerinnen wie Hertha Mackensen, Hermine Overbeck-Rothe oder Ottilie Reylaender sollen laut Hagenah verdeutlichen, wie beschwerlich der Weg zum Erfolg einer Künstlerin ist, unabhängig von der Qualität der Bildwerke. Zu Wort kommen auch Otto Modersohn, Freunde und Kunstkritiker.

Die Outdoor-Präsentation rund um die Galerie Altes Rathaus zeigt Zitate und geht in kurzen Texten auf die generelle Situation von Frauen heute ein. Bei der Tourist-Info Worpswede gibt es zudem den neuen Flyer „Auf Paulas Spuren in Worpswede“, mit dessen Hilfe Interessierte die Lebensstationen von Paula Modersohn-Becker im Ort aufsuchen können. Die Galerie Altes Rathaus will außerdem ab 2. Mai die Ausstellung „Kunst und Frauenleben heute“ zeigen und damit Worpsweder Künstlerinnen der Gegenwart vorstellen, die schon in jungen Jahren den Weg zur Kunst suchten und sich trotz aller Hürden für ein Leben als freischaffende Künstlerin entschieden.

Worpswede als Frauenort soll auch ein Faktor im Kulturtourismus sein, hoffen die Initiatorinnen. Damit verbunden ist der Wunsch des Landesfrauenrats, Paula Modersohn-Becker nicht nur zur Auftaktveranstaltung in den Mittelpunkt von Aktivitäten zu rücken, sagt Projektkoordinatorin Friederike Apelt. „Wir erhoffen uns, dass die überragenden Leistungen der Künstlerin mit Angeboten langfristig bekannt gemacht werden.“ Die etablierten Führungen zu Paula Modersohn-Becker, die Einblicke in Leben und Werk der Künstlerin geben, sollen laut Cornelia Hagenah nun inhaltlich angepasst werden, können aber wegen Corona derzeit nicht stattfinden. Hagenah hatte zusammen mit der Kunsthistorikerin Birgit Nachtwey, der Gleichstellungsbeauftragten Heike Grotheer und der Kulturbeauftragten Klaudia Krohn das Konzept für Bewerbung als Frauenort erarbeitet.

Info

Zur Sache

Worpswede wird mit der Künstlerin Paula Modersohn-Becker zum 43. niedersächsischen Frauenort. Die Initiative Frauenorte begibt sich seit dem Jahr 2008 auf die Spuren bemerkenswerter Frauen in der Landesgeschichte. Gewürdigt wird die Ehefrau des Malers Otto Modersohn in Worpswede mit einer Gedenktafel sowie mit der Sonderausstellung „Paula in Worpswede. Ein Frauenleben um 1900“, die von diesem Sonnabend an im Museum am Modersohn-Haus zu sehen sein wird. Die Museen in dem Künstlerdorf sind derzeit donnerstags bis sonntags von 12 bis 18 Uhr geöffnet. Allerdings gilt vom kommenden Montag an eine neue niedersächsische Corona-Verordnung. Am 1. Mai soll der Frauenort offiziell eröffnet werden, dazu soll es noch eine größere Veranstaltung geben. Die Frauenorte erhalten seit 2014 eine Förderung vom niedersächsischen Gleichstellungsministerium. Kommunen können sich jeweils bis Ende März bewerben. Jeder der Frauenorte braucht eine starke Frauenpersönlichkeit, an der entlang er eine Geschichte von Emanzipation und Selbstbestimmung erzählen kann. In Worpswede ist es nun Paula Modersohn-Becker, andernorts sind es Persönlichkeiten wie die Widerstandskämpferin Cato Bontjes van Beek (Fischerhude), die Juristin Anita Augspurg, die seit 2008 in Verden den ersten Frauenort im Bundesland repräsentiert, die Autorin Ricarda Huch (Braunschweig) oder die Mitbegründerin des Rotenburger Diakoniekrankenhauses, Helene Hartmeyer.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+