Interview mit Stefan Schwenke

„Meine Partei ist Worpswede“

Der Bürgermeister-Posten in Worpswede ist für Stefan Schwenke auch nach 20 Jahren im Amt noch immer ein „Traumjob“. Deshalb möchte er ihn auch nach der Wahl im September mindestens fünf weitere Jahre ausüben.
06.05.2021, 05:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Lars Fischer
„Meine Partei ist Worpswede“

Seit 20 Jahren ist Stefan Schwenke in seiner Heimat Worpswede als Bürgermeister tätig. Jetzt strebt er eine weitere Amtszeit an.

Christian Kosak
Sie haben Ihre erneute Kandidatur nach 20 Jahren im Amt als Worpsweder Bürgermeister erst relativ spät erklärt. Gab es einen Grund zu zögern?

Stefan Schwenke: Ich wollte nicht zu früh damit rausgehen, aber in allen Gesprächen, in denen ich gefragt wurde, habe ich immer betont, dass ich gerne wieder antreten will. Es war aber auch eine Diskussion in der Familie notwendig, letztendlich waren wir uns aber einig.

Was hätte dagegen sprechen können?

Der Aufwand ist schon extrem. Das war die vergangenen 20 Jahre so, und daran wird sich auch nichts ändern. Ob man das so weitermachen möchte, muss man dann schon noch mal besprechen.

Klar ist mit der Kandidatur von Jochen Semken, dass es diesmal mindestens einen Zweikampf ums Amt gibt. Wäre Ihnen eine einsame Kandidatur wie 2014 – also quasi ein Selbstläufer – lieber gewesen oder sehen Sie so eine Chance, sich deutlicher zu profilieren?

Ich habe 2014 manches Mal gedacht, es wäre möglicherweise leichter, wenn ich einen Gegenkandidaten hätte; man ist gezwungen, sich deutlich darzustellen und zu erklären, was man vorhat. Ohne ist es deutlich schwieriger, insgesamt ist das zwar bequemer, aber der bequemste Weg ist nicht immer auch der beste. Insofern nehme ich die Herausforderung gerne an und gehe mit Selbstvertrauen in das Duell.

Parteipolitik spielt auf kommunaler Ebene oft keine große Rolle, dennoch bietet eine Partei im Rücken eine andere Struktur für den Wahlkampf, gibt aber auch ideologische Leitplanken vor. Fühlen Sie sich als Unabhängiger und Parteiloser wohler?

Ganz eindeutig: Ja! Das hat sich durch mein ganzes Leben gezogen, mir fiel es immer schwer, mich irgendwelchen Vorgaben unterzuordnen. Ich wollte selbstständig denkend meine Dinge voranbringen. Ideologische Leitplanken können dabei hilfreich sein, aber sie können eben auch extrem einengen. Ich werde parteilos bleiben, mein Credo ist da eher: Meine Partei ist Worpswede. Natürlich ist das im Wahlkampf ohne eine Organisation dahinter schwieriger. Es hilft immer, wenn jemand unterstützt, aber ich würde es notfalls auch alleine machen, dafür habe ich genügend Erfahrungen gesammelt.

Gibt es einen Kreis, der mit Ihnen die Wahlkampf-Themen setzt und in dem man Positionen auch noch mal kritisch hinterfragt?

Es wird auf jeden Fall eine Gruppe geben, mit der ich mich austausche. Ich bin ohnehin selbst jemand, der sich hinterfragt, aber auch hinterfragen lässt. Eine kritische Begleitung soll und muss es geben, aber natürlich habe ich mir meine Gedanken gemacht. Damit beschäftige ich mich seit 20 Jahren, und natürlich reicht das gedanklich weiter als bis zum 31. Oktober dieses Jahres. Da gibt es noch viele Dinge, die ich anfassen und auf den Weg bringen möchte.

Welche wären das zum Beispiel?

Die Verlegung der Ortsdurchfahrt der Ortschaft Worpswede von der jetzigen Landesstraße auf die Kreisstraße in Bergedorf inklusive Kreisel ist eines der Vorhaben, die ich voranbringen möchte. Ich weiß nicht, ob man das in fünf Jahren tatsächlich hinbekommen kann, aber wir sind da sicher schon viel weiter, als das bislang öffentlich kommuniziert wurde. Die Reaktivierung des Moorexpress ist ebenfalls ein Thema, für das ich mich schon sehr lange einsetze und das ich weiter verfolgen will. Wir müssen den öffentlichen Personennahverkehr stärken, das ist wichtig und auch ökologisch vernünftig. Dafür haben wir eine Strecke mit großem Aufwand erhalten können, und die müssen wir nutzen. Das Hallenbad und unsere Freiwillige Feuerwehr in allen Ortschaften gehören auch dazu und viele weitere Projekte.

Beim Thema Verkehr fällt auf, dass Worpswede vor allem für Fahrradfahrer schlecht aufgestellt ist.

Das stimmt, hat aber auch etwas damit zu tun, dass man gerade in der Ortschaft Worpswede das sogenannte Straßenbegleitgrün geschützt hat. Man hat – zu einer Zeit, als das Auto im Mittelpunkt der Verkehrsentwicklung stand – gesagt: Wir wollen eher unsere Bäume erhalten als breite Fuß- und Radwege schaffen. Das holt uns jetzt ein. Auch da muss man vermitteln zwischen unterschiedlichen Interessen und Kompromisse finden. Der ländliche Raum ist immer auch vom Individualverkehr abhängig, aber wir könnten natürlich auch hier mehr zu Fuß oder per Fahrrad erledigen. Was ich wichtig finde, ist, dass wir Tempo 30 in der Ortsmitte durchsetzen. Den Landkreis haben wir da inzwischen auf unserer Seite, aber das Land könnte da deutlich unterstützender sein, gerade in einem Erholungsort wie Worpswede.

Verkehrs- und Finanzpolitik haben die Gemeinsamkeit, dass sie Worpswede wenig eigenen Gestaltungsspielraum lassen. Wo sehen Sie Möglichkeiten, die prekäre finanzielle Lage der Kommune zu verbessern?

Es gibt ja nur zwei Hebel: Ausgaben einsparen oder Einnahmen erhöhen. Was die Kosten angeht, sind wir am Ende der Möglichkeiten. Da funktioniert nichts mehr, außer wenn wir uns von der Aufgabe der Kulturförderung gänzlich verabschieden würden, was wir nicht wollen. Auch die Verwaltung ist schon sehr schlank, teilweise zu schlank. Auf der Einnahmenseite hilft natürlich immer Gewerbeansiedlung weiter. Dafür haben wir gerade neue Flächen finden können, in Neu Sankt Jürgen im Bereich Mühlendamm. Aber diese Entwicklung ist natürlich endlich, weil dabei auch Natur- und Landschaftsschutz Grenzen setzen.

Mehr Einwohner ist die andere Möglichkeit, mit der Gemeinden Geld verdienen können.

Wenn wir die Einnahmen erhöhen wollen, dann muss die Gemeinde Worpswede noch weiter wachsen, so blöd man das auch finden mag. Diese 10.000-Einwohner-Grenze ist immer noch eine Hürde, die man nicht aus den Augen verlieren darf. Dazu muss aber auch der Landkreis mit dem Raumordnungsprogramm die Möglichkeiten schaffen, gerade auch für Hüttenbusch. Das in Verbindung mit dem Moorexpress als schnelle Anbindung nach Bremen würde uns in den nächsten Jahren weiterbringen. Der Siedlungsdruck ist seit Ende der Wirtschaftskrise 2011 und aktuell durch die Corona-Krise enorm gestiegen, dem müssen wir als Gemeinde etwas entgegenstellen können.

Mehr Einwohner heißt auch mehr Investitionen in die Infrastruktur, die an ihre Kapazitätsgrenzen kommt.

Das wird immer angeführt, und sicher wird es schmerzliche Ausgaben geben, mittel- und langfristig aber rechnen sich diese. Nur so kann man den Fortbestand einer Gemeinde sicherstellen. Es ist immer schlecht, wenn eine Kommune schrumpft, dann droht auch die Überalterung. Ich will die Gemeinde Worpswede ja nicht neu erfinden, ich finde die Gemeinde mit all ihren Ortschaften klasse. Es geht darum, Worpswede in seiner Vielfältigkeit, Lebendigkeit und Lebensqualität zu erhalten und weiterzuentwickeln.

Wie wichtig wird die Bürgerbeteiligung bei der Zukunftsgestaltung? Ist das nach den Erfahrungen mit dem Gemeindeentwicklungsprozess gescheitert?

Nein, das ist es nicht. Ich sehe das nicht so negativ, es ist bis zu einem bestimmten Zeitpunkt sehr erfolgreich gewesen. Aber es funktioniert nur, wenn Politik, Verwaltung und Bürger gemeinsam an einem Strang ziehen. Wir müssen ehrlich mit einander umgehen und realistisch bleiben. Da haben wir Fehler gemacht, das werden wir jetzt verbessern.

Aber müssen engagierte Bürger nicht erwarten können, dass das, was umsetzbar ist, auch schneller umgesetzt wird?

Ja, das ist so, aber da liegt oft der Teufel im Detail. Wir müssen klarer kommunizieren, wie die Wege sind, aber wir müssen auch schneller werden. Die Unterstützung eines solchen Prozesses muss ernsthafter werden.

Könnten Sie sich eigentlich ein Leben ohne Ihr Amt vorstellen?

Im Moment, ehrlich gesagt, noch nicht. Ich hätte aber auch nirgendwo anders als in Worpswede Bürgermeister werden wollen – das ist immer noch mein Traumjob.

Das Interview führte Lars Fischer.

Info

Zur Person

Stefan Schwenke (58)

ist seit 20 Jahren Bürgermeister in Worpswede. Der Jurist stammt aus der örtlichen Müllerfamilie. Nach dem Studium war er zunächst bei einer Versicherung und dem Kommunalen Schadensausgleich in Hannover tätig. 2001 gewann er überraschend als parteiloser Kandidat die Stichwahl zum Bürgermeister und wurde 2006 und 2014 – nach unterschiedlich langen Amtszeiten – wiedergewählt, zuletzt ohne Gegenkandidaten. Schwenke ist verheiratet und hat drei Kinder; sein Sohn Jonas will ebenfalls bei der Kommunalwahl antreten – auf der Liste der CDU für den Gemeinderat.

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