BSAG schickt zum verkaufsoffenen Sonntag einen Borgward-Bus B1500D von 1953 Genauso muss ein Oldtimer aussehen

Lilienthal·Bremen. Wenn die stille Gedenkminute vorbei ist, sollte man, ehe man den Hebel ganz umlegt, einmal tief Luft holen und sich gut festhalten. Sonst könnte einen das Donnergrollen unter der Motorhaube glatt vom Sessel hauen. Vor über 50 Jahren benahmen sich Autos urwüchsiger als heute, besonders die Nutzfahrzeuge. Das werden die Besucher des verkaufsoffenen Sonntags morgen selbst erleben können.
17.09.2011, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Johannes Kessels

Lilienthal·Bremen. Wenn die stille Gedenkminute vorbei ist, sollte man, ehe man den Hebel ganz umlegt, einmal tief Luft holen und sich gut festhalten. Sonst könnte einen das Donnergrollen unter der Motorhaube glatt vom Sessel hauen. Vor über 50 Jahren benahmen sich Autos urwüchsiger als heute, besonders die Nutzfahrzeuge. Das werden die Besucher des verkaufsoffenen Sonntags morgen selbst erleben können.

Die Bremer Straßenbahn AG (BSAG) nimmt am verkaufsoffenen Sonntag mit ihrem Borgward-Bus vom Typ B1500D teil, der im Betriebshof am Flughafendamm von seinem Fahrer Erhard Flemming betreut wird. Erhard Flemming ist Fahrlehrer der BSAG und seit 1989 für den Bus zuständig. Der gehört der BSAG bereits seit 1975, erzählt er. Ausgeliefert wurde er 1953 an das kleine Delmenhorster Reiseunternehmen Sager. Als diese Firma, weil kein Firmennachfolger gefunden wurde, von der delbus übernommen wurde, die ihrerseits der BSAG gehörte, wurde in einer Scheune, versteckt unter einer Plane, der alte Bus gefunden. "Da hat man sich gefragt: Verschrotten oder restaurieren?", erzählt Flemming. Zum Glück entschied man sich für die Restaurierung, was mit Hilfe der Lehrlinge am Flughafendamm geschah. Ganz einfach war die Restaurierung nicht, es handelt sich nämlich um ein Einzelstück, zumindest was die Karosserie betrifft. Borgward war zwar ein recht bedeutender Lastwagenhersteller, aber

für Busse wurden die Fahrgestelle an kleine Karosseriefirmen geliefert und dort eingekleidet.

Konventionelles Design

Der Bus trägt eine Karosserie der Norddeutschen Karosseriefabrik Conrad Pollmann in Bremen-Mahndorf. Pollmann baute viele Busse auf Borgward-Lastwagenfahrgestellen, teilweise in recht exotischer Formgebung im Stile der damaligen Borgward Hansa 1500/1800-Personenwagen. Der BSAG-Bus dagegen ist in konventionellem Design gehalten, was ihm heute sehr zugute kommt: Genauso muss ein Oldtimer aussehen, mit hohem, senkrechtem Kühlergrill und freistehenden Scheinwerfern. Lackiert wurde er in den damaligen Farben der BSAG: elfenbein mit roter Bauchbinde - die rot-weiße Lackierung wurde erst 1973 bei den "Stadtbahnwagen"eingeführt. Allerdings ist er offiziell kein BSAG-Fahrzeug: Auf der Seite prangt ein BVG-Schriftzug. Der steht für "Bremer Vorortbahnengesellschaft", früher das BSAG-Reiseunternehmen.

Jetzt heißt es aber Platznehmen, schließlich stehen für die Passagiere 13 bequeme Ledersessel bereit. Erhard Flemming dreht mit der rechten Hand an einem soliden Hebel, zählt leise bis 60 und legt ihn dann ganz um, und unter der Motorhaube ertönt ein Grollen, als sollte gleich ein Fischkutter in See stechen. Das war typisch für alte Dieselmotoren: Vor dem Anlassen musste eine "Diesel-Gedenkminute" eingelegt werden, da das von Rudolf Diesel entwickelte Selbstzünderprinzip zwar auf Zündkerzen verzichten kann, aber zur Selbstentzündung des Kraftstoff-Luftgemischs in den Zylindern nicht nur eine sehr hohe Verdichtung, sondern auch eine gewisse Temperatur benötigt, die durch Glühkerzen erzeugt wird. "Vorglühen" nennt man diesen Vorgang, der bei modernen Dieselmotoren unbemerkt vor sich geht, früher aber eine volle Minute dauert.

Der kleine Bus tuckert los, und der Fahrgast wundert sich ein wenig, dass die Zeitschrift "Last-Auto und Omnibus" in einem Test von 1952 den ruhigen Motorlauf gelobt hatte. Ob die Tester damals noch nicht so verwöhnt waren? Aber Erhard Flemming weiß die Erklärung: "Der hat gar keinen Borgward-Motor", sagt er.

Der Originalmotor war 1975 nicht mehr zu retten, Ersatz nicht zu finden, deshalb wurde ein Motor aus dem Mercedes-Benz 180 D, dem "Ponton-Mercedes", eingebaut - auch der Originalmotor stammte aus einem Pkw, dem Borgward Hansa 1800 Diesel. Aber während der Borgward-Diesel nach dem Wirbelkammerverfahren arbeitete, bediente sich Daimler-Benz traditionell des Vorkammer-Verfahrens, wodurch diese Motoren in kaltem Zustand besonders stark nagelten. Dafür ist der Mercedes-Motor mit 43 PS immerhin eine ganze Pferdestärke stärker als das Original; der Hubraum ist mit knapp 1800 Kubikzentimeter gleich - die Typenbezeichnung des Busses gibt nicht den Hubraum an, sondern besagt, dass er 1500 Kilogramm Nutzlast tragen darf, was ein Gesamtgewicht von drei Tonnen ergibt.

Gedämpft wird das Motorgetucker durch die Karosserie. In dem alten Testbericht wurde kritisiert, dass das Fahrerhaus, eine reine Stahlkonstruktion, recht stark dröhnte. Die Pollmann-Karosserie dagegen besitzt ein Holzgerippe und schluckt das Motorgeräusch wesentlich besser. Aber die Vibrationen sind nicht ohne. 75 Kilometer pro Stunde schafft der Bus. "Wenn er Heimweh hat, kommt er auf der Autobahn auch mal auf 80", sagt Flemming. "Aber dann kriegen Sie 'ne schöne Massage" - so sehr vibrieren Vordersitz und Lenkrad. Das ist gut für Nerven und Muskeln, und das ist für den Fahrer gewiss auch nötig, denn von Servolenkung war damals bei Nutzfahrzeugen noch nicht die Rede - im Stand lässt sich das Lenkrad vom Format einer Familienpizza kaum drehen.

Die Passagiere muss das nicht kümmern, sie können es sich auf gut gepolsterten Sesseln bequem machen, und für das Gepäck sorgten damals der Fahrer und vielleicht ein Hoteldiener. Der Fahrer klabasterte die Leiter am Heck hoch, der Diener wuchtete die Koffer nach oben, die der Fahrer auf dem Dachgepäckträger verzurrte. "Das waren keine 70-Kilo-Koffer, früher haben die Leute ja noch nicht soviel gehabt", sagt Erhard Flemming. Auf diese Übung wird er am Sonntag aber verzichten können.

Wenn morgen zum verkaufsoffenen Sonntag eingeladen wird, an dem sich beispielsweise die WÜMME-ZEITUNG mit einem Baustellen-Triathlon auf ihrem Parkplatz beteiligt, dann kommt auch Erhard Flemming mit seinem Borgward-Bus nach Lilienthal. Um 13 Uhr macht er an der Post-Agentur an der Hauptstraße 42 Station, bevor er um 13.30 Uhr zu seiner ersten Fahrt startet. Über die Ortsentlastungsstraße geht es zur Volksbank an der Dr.-Sasse-Straße und um 14 Uhr von dort wieder zurück zur Post-Agentur. Im Stundenrhythmus pendelt Flemming dann hin und her: um 15 Uhr ab Post-Agentur, um 16 Uhr ab Volksbank, um 17 Uhr ab Post und dann letztmalig um 18 Uhr von der Volksbank zurück zur Post. Die Fahrten sind kostenlos.

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