Die „Orgelmusik für Babys“ bietet in der St. Luciae Kirche musikalische Früherziehung der besonderen Art Glucksen vor dem Altar

Meyenburg. Selig vor sich hin glucksende Babies, entspannte Mütter, dazu ein Reigen sanfter Orgelmusik: Das 600 Jahre alte Gemäuer der St. Luciae Kirche in Meyenburg hat solch ein Szenario selten erlebt.
28.02.2017, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Alexander Bösch

Meyenburg. Selig vor sich hin glucksende Babies, entspannte Mütter, dazu ein Reigen sanfter Orgelmusik: Das 600 Jahre alte Gemäuer der St. Luciae Kirche in Meyenburg hat solch ein Szenario selten erlebt. Wo normalerweise der Pastor seine Predigt hält, machen es sich an diesem Tag junge Mütter und ihre Babys in einer Landschaft aus Kuscheltieren, Schaumstoffmatten und Plüschkissen bequem. Mit der Neuauflage ihrer „Orgelmusik für Babys“ ermöglichte die Organistin Barbara Junghans jungen Müttern, gemeinsam mit ihrem staunenden „Kirchgängernachwuchs“ ein geradezu spirituelles Erlebnis zu genießen.

Lindgrüne und lilafarbene Meditationskissen liegen wie bunte Inseln auf dem Boden. Schaumstoffmatten und Kissen, die gerade noch auf den Kirchenbänken lagen, sind symmetrisch daneben angeordnet. Ein Plüschmammut und eine Engelsfigur haben bereits Platz genommen. Neben den Blumenvasen auf dem Altar, hinter der Bibel und an den Ständern, von denen das Evangelium verlesen wird, haben sich Schafe, Hunde, Echsen und Pferdeköpfe aus Plüsch eingefunden. Zwei Quietscheentchen hat Barbara Junghans hoch oben auf der Kanzel positioniert. Im Taufbecken rekeln sich zwei Seehunde aus Stoff.

Im vergangenen Jahr realisierte Barbara Junghans erstmals ihre Idee, Orgelmusik für Mütter und Babys anzubieten. „Ich kann meinen Enkel in Kassel nicht so oft sehen“, sagt die Kirchenmusikerin. Deshalb habe sie sich überlegt, was sie Gutes für andere Kinder tun kann. Auf zwei großformatigen Fotos und mit einem anrührenden Gedicht von Rainer Maria Rilke ist ihr Neffe trotz der Entfernung präsent.

Ein „Sitzkissenkonzert“ für kleine Besucher im Bürgerhaus Vegesack hatte den Ausschlag gegeben, eine ähnliche Veranstaltung in Meyenburg zu veranstalten. Nach dem Debüt im Februar 2016 folgte im Mai ein Konzert, bei dem Junghans über die Musikanlage eingespielte Geräusche aus dem Mutterbauch mit Orgelmusik verband: „Das ist sehr beruhigend, das kann man auch zum Einschlafen hören.“

Dieses Mal sind wieder mit sanftem Register gespielte Orgelwerke angesagt. Auf dem Plan stehen Stücke wie „Communion“ von W.S. Lloyd Webber, der „The Skye boat song“ von Geoffrey Nobes, aber auch das angejazzte „Raphael“ von Johannes Matthias Michel und die poppigen „Impressions“ von Michael Schütz. „Ich spiele mit dem Subbass und mit weichem Holzregister“, sagt Barbara Junghans, die selbst als Kind mit Orgelmusik beschallt wurde. Die spezielle Akustik des Raumes und der vom typisch wuchtigen Klang der 1104 Orgelpfeifen befreite Vortrag sollen eine meditative Wirkung entfalten.

Nach und nach trudeln die Mütter ein. Iris Bammert ist mit dem fünf Wochen alten Rune gekommen. Die junge Mutter geht oft mit ihrer Tochter in die Kirche: „Sie ist ganz vernarrt in die Kirche und möchte da immer hin.“ Mit Rune macht sie es sich im Schneidersitz vor dem Altar bequem. Anne Jäger ist mit Pflegekind Vin-Tyler gekommen. „Er mag seine Schelle und sein Tamburin, bei uns im Haus wird viel gesungen“, sagt sie über den elf Monate jungen Wonneproppen. Neugierig tauscht Vin-Tyler seinen Platz im tragbaren Maxi-Cosy mit der ungewöhnlichen Perspektive vor dem Altar.

Auch ein Großelternpaar ist mit von der Partie. Beate Zausch und ihr Mann Harm-Hinrich sind mit Enkelin Klara aus Rönnebeck gekommen. „Ich komme zwar aus einer musikalischen Familie und habe mit vier Jahren Blockflöte gelernt, aber eine solche Form von musikalischer Früherziehung ist etwas Besonderes. Ich bin überzeugt, dass da unbewusst etwas Positives haften bleibt“, sagt die pensionierte Augenärztin.

Katharina Kalicinski will die Reaktion, der im besten Sinne einlullenden Musik auf ihren fünf Monate alten Sohn Silas, beobachten. „Bei uns läuft ständig Musik“, sagt sie und nimmt mit Silas im Arm in der Plüschlandschaft Platz.

Dann geht es los. Sofort liegt eine feierliche Atmosphäre in der Luft. Zaghafte Ausbrüche angsterfüllten Weinens werden dank sanfter Mutterhände im Keim erstickt. Schon bald fängt der kleine Rune zu den beruhigenden Klängen von „The Beauty of the holiness“ an zu glucksen und selig gen Kirchendecke zu blicken. Streicheleinheiten, beruhigendes Hin-und Herwiegen und sanftes Zureden von Seiten der Mütter beruhigt die Kleinen im Nu.

Für Vin-Tyler scheint die bloße Beschallung nicht auszureichen. Mit unbändigem Bewegungsdrang robbt der Junge durch die Gegend, inspiziert einen Türstopper und diverse Plüschtiere. Mit festem Blick werden die anderen kleinen Konzertbesucher und deren Mütter gemustert. Schließlich trägt Anne Jäger den Wirbelwind umher und macht ihn mit dem Kircheninventar vertraut.

Beate und Harm-Hinrich Zausch sitzen mit Klara auf der Kirchenbank. Die Kleine entledigt sich ihrer Socken. „Sie zieht sich immer alle nacheinander aus, deswegen bekommt sie immer mehrere Paare übereinander an“, verrät ihre Großmutter lachend. Dass Klara geradezu meditativ versunken dasitzt und den Orgelklängen lauscht, sieht die Großmutter als Indiz der Wirkung von Musik. Silas zuckt wie zum Beweis rhythmisch mit seinen Beinchen.

Als die Musik stoppt, scheint Vin-Tyler mit empörtem Blick Protest einlegen zu wollen. „Bei den schnelleren Stücken ist er richtig im Rhythmus mitgegangen, das ist toller als Kinderturnen für ihn“, hat Anne Jäger festgestellt. Iris Bammert ist noch wie berauscht von der tranceartigen Wirkung der Musik. „Es war total entspannt und interessant mitzuerleben, wie Rune die Eindrücke verarbeitet hat“, zeigt sich die junge Mutter begeistert von der außergewöhnlichen Veranstaltung.

„Ich bin überzeugt, dass da etwas Positives haften bleibt.“ Beate Zausch
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