Häusliche Gewalt In der Pandemie ist die Zündschnur kürzer

Die Zahlen der Polizei belegen es: Die Fälle häuslicher Gewalt sind in 2020 gestiegen. Gleichzeitig haben die Opfer es schwerer, Hilfe zu finden. Gleichstellungsbeauftragte erzählen, woran das liegt.
06.05.2021, 11:00
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
In der Pandemie ist die Zündschnur kürzer
Von Brigitte Lange

Landkreis Osterholz. Die Zahl der Fälle häuslicher Gewalt ist 2020 deutlich gestiegen. Auch im Landkreis Osterholz. Die Polizei registrierte dort 182 Fälle. 17 mehr als 2019. Im Bereich der gesamten Polizeiinspektion Verden / Osterholz stieg die Zahl der Fälle gar um 101 auf 451. Eine Erklärung dafür haben die Beamten nicht, aber eine Vermutung: Die durch die Pandemie auf lange Zeit erzwungene räumliche Nähe lege bei den Familien die Nerven blank.

Andrea Vogelsang, Gleichstellungsbeauftragte in der Gemeinde Ritterhude, bestätigt dies: „Eine Frau formulierte es mir gegenüber so: 'Die Zündschnur meines Mannes ist kürzer geworden.'“ Gleichzeitig sei es für die Betroffenen in dieser Zeit viel schwieriger, sich Hilfe zu suchen. Durch Lockdown, Homeoffice, Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit und die Betreuung der Kinder böte sich ihnen kaum noch die Chance, allein rauszugehen oder überhaupt unbeobachtet zu sein.

Übliche Treffpunkte geschlossen

Aufgrund der Corona-Verordnung seien viele der üblichen Treffpunkte geschlossen beziehungsweise müssten sie sich für einen Besuch anmelden, was Fragen beim Partner aufwerfen kann. Hätten sie die Kinder bei sich, wüssten sie zudem nicht, wohin mit ihnen für die Zeit, da sie Beratung suchten. Sie mitzunehmen, sei zu gefährlich. Zu leicht könnte eine unbedachte Bemerkung der Kinder sie später in Probleme bringen. „Die Frauen wissen daher gar nicht wohin sie sollen“, sagt Vogelsang. „Für viele ist das jetzt eine sehr schwierige Situation.“ Ähnlich schildert es die Gleichstellungsbeauftragte der Kreisstadt, Karin Wilke.

Ob sie dadurch weniger Beratungsgespräche führt, vermag Wilke nicht zu sagen. Sie vermutet jedoch, dass sie deutlich später als sonst um Hilfe gebeten wird. Auch Andrea Vogelsang kann keine Zahlen nennen. Aber der Beratungsaufwand sei ein anderer. Vogelsang: „Wir haben nun vermehrt über Facebook Kontakt zu den Frauen.“ E-Mails, SMS und Whats-App seien für eine Kontaktaufnahme ungeeignet, fügt sie hinzu. „Ich kenne Frauen, die von ihren Partnern medial überwacht werden.“ Auf ihren Smartphones fänden sich Tracker, mit denen ihnen hinterherspioniert werde. Alles könne nachvollzogen werden, nicht nur Schriftverkehr, auch Suchvorgänge im Internet sowie Telefonate. Der Kontakt über Facebook sei sicherer - sofern der Chatverlauf direkt gelöscht werde.

Es gebe auch Frauen, die durch Kameras in der Wohnung kontrolliert würden. „Viele denken, das passiere eher in Großstädten“, sagt Andrea Vogelsang. Sie selbst habe das Gefühl, dass es im ländlichen Raum mindestens genauso häufig vorkommt. Und noch etwas stellt Vogelsang klar: „Häusliche Gewalt gibt es überall – in allen Bereichen der Gesellschaft, in allen Kulturen, in allen Altersgruppen.“

Hilfe im Nachbar-Rathaus

Direkt ins Rathaus zu kommen, um dort die Hilfe der Gleichstellungsbeauftragten zu bekommen, käme für viele Betroffene indes nicht infrage. Zu groß sei das Risiko, erkannt zu werden. „Wir leben hier in einem Dorf“, meint Vogelsang. Jeder kenne jeden. Natürlich hätten die Frauen immer die Möglichkeit, das Rathaus einer anderen Gemeinde zwecks Beratung aufzusuchen. „Aber dazu müssen sie mobil sein“, gibt ihre Kollegin Karin Wilke zu bedenken. „Vor Corona haben wir uns deshalb mit den Frauen einfach zum Einkaufen oder in einem Café verabredet“, berichtet Vogelsang. Alltägliche, unverfängliche Situationen. Aktuell unmöglich.

Den Partner zu verlassen, sei außerdem keine spontane Entscheidung, berichtet Wilke. Diesem Schritt gehe „ein schwieriger Prozess“ voraus. Es bedürfe vieler Gespräche. Zunächst müssten die Frauen überhaupt auf ihre Möglichkeiten hingewiesen werden, erhielten lokale, regionale und bundesweite Notrufnummern. Außerdem gehe es darum, Vertrauen zu gewinnen. Manchmal würde sich ein Opfer auch einer Freundin anvertrauen, die für sie den Kontakt zur Gleichstellungsbeauftragten oder der Gewaltschutzberatungsstelle des Landkreises herstelle. Eine Freundin, die Treffen für sie vereinbare. Alles, damit das Opfer selbst unauffällig bleibt. Die Entscheidung, wirklich zu gehen, falle dann aber doch meist von jetzt auf sofort. Wilke: „Dann ist der Moment gekommen, in dem sie Hilfe wollen.“

Nicht alle Opfer wagen diesen Schritt. „Viele Frauen hoffen im Moment einfach, dass es wieder besser wird sobald Lockdown und Pandemie vorbei sind; ihre Männer seien schließlich vorher nicht gewalttätig gegen sie geworden, sagen sie“, so Vogelsang. Diese Beziehungen seien meist vor der Pandemie schon prekär gewesen. Durch Corona, Kurzarbeit, Geldprobleme und andere Stressfaktoren hätten die Spannungen zugenommen; Gewalt sei ins Spiel gekommen. Auch Karin Wilke berichtet von solchen Fällen.

Notunterkunft für Frauen

Für die, die sich aus ihrer zerstörerischen Beziehung befreien wollen, hat der Landkreis Osterholz eine Frauen-Notunterkunft, die in drei kleine Bereiche aufgeteilt ist. „Das ist die ganz große Krux“, sagt Andrea Vogelsang. Ihren Kolleginnen und ihr stelle sich dadurch stets die Frage, wo sie die Frauen sicher unterbringen können. Dass die Bremer kritisierten, dass sie die Frauen ständig in deren Frauenhäuser brächten, könne sie verstehen. „Die weiteste Fahrt, die ich einmal hatte, war nach Braunschweig“, erinnert sich Vogelsang. In dieser Zeit eine Unterkunft, eine Wohnung zu finden, werde immer schwieriger. Die Folge: Frauen, die gerade aus ihrer Zwangslage ausgebrochen sind, kehrten in die zerstörerische Beziehung zurück. „Nur einmal hat eine Frau mir gesagt, sie schlafe lieber im Wald, als zurückzugehen.“ Andrea Vogelsang ist daher überzeugt, der Landkreis braucht mehr Notunterkünfte – auch für Frauen, die ohne körperliche Gewalt und daher ohne Recht auf einen Platz im Frauenhaus, unverschuldet und spontan obdachlos geworden sind.

Info

Zur Sache

Hilfe durch den Landkreis Osterholz

Neben den Gleichstellungsbeauftragten ist die Gewaltschutzberatungsstelle des Landkreises Osterholz Anlaufstelle für Opfer häuslicher Gewalt. Sie klärt die Betroffenen über die Bedeutung des Gewaltschutzgesetzes auf, bietet ihnen psychosoziale Unterstützung, hilft beim Erstellen eines individuellen Schutzplans, bei der Stärkung des Selbstvertrauens, beim Üben von Grenzen setzen und der Selbstfürsorge und bringt sie in einem Schutzraum unter. Auf Nachfrage teilt die Kreisverwaltung mit, dass die Beratungsstelle 2020 keine überdurchschnittliche Steigerung der Fallzahlen verzeichnet habe. Mit Unterstützung ihrer Kooperationspartner habe die Beratungsstelle 2020 ihre Arbeit ohne nennenswerte Einschränkungen leisten können. Zu den Schutzräumen befragt, erklärt der Landkreis: „Allen von häuslicher Gewalt betroffenen Personen aus dem Landkreis Osterholz, die einen Schutzraum suchen, wird eine Unterbringung angeboten.“ Und: „Die Erfahrung der letzten Jahre hat gezeigt, dass unser derzeitiges Angebot ausreichend ist und allen Frauen, die aus dem Landkreis Hilfe suchten, eine Schutzunterkunft angeboten werden konnte.“ Die Einrichtung eines Frauenhauses sei daher kein Thema. „Der Landkreis Osterholz hat mit seinem Konzept gute Erfahrungen gemacht.“

Die Gewaltschutzberatungsstelle des Landkreises Osterholz ist im Notfall über die Frauen-Notrufnummer 01525 / 79 73 290 zu erreichen. Hilfe finden Opfer von häuslicher Gewalt außerdem über das bundesweite Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ 08000/116016.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+