Ehrenamtliche Mitglieder der Rettungshundestaffel helfen bei der Suche nach vermissten Personen / Zwei- und Vierbeiner proben regelmäßig für den Ernstfall

Haustier, Freund und Lebensretter

Team Fly hier. Wir sind jetzt unten im Bunker“, hallt eine Stimme durch den Keller.
29.04.2017, 00:00
Lesedauer: 6 Min
Zur Merkliste
Von Milena Schwoge
Haustier, Freund und Lebensretter

Ein eingespieltes Team: Wenn Hundeführerin Sonja Fricke ihrer Bientje das Geschirr umlegt, kann die Suche beginnen.

MILENA SCHWOGE

Team Fly hier. Wir sind jetzt unten im Bunker“, hallt eine Stimme durch den Keller. Es ist dunkel. Einzig allein die Lichtkegel zweier Taschenlampen lassen die massiven Mauern und menschlichen Silhouetten erahnen. Das Echo der dumpfen Schritte der Truppe füllt scheinbar das leere Gebäude. Mit dem Erste-Hilfe-Rucksack auf dem Rücken zieht das Zweierteam durch das Labyrinth aus bröckelnden Betonwänden. Dann durchbricht ein lautes Bellen die Stille. Schnellen Schrittes eilen Hundeführer Pascal Radsewitz und Einsatzleiter Lorenz Schumacher zur Herkunft des Geräuschs. Ihr Weg endet vor dem Lüftungsschacht. Dort springt Border Collie-Hündin Fly wild auf und ab. Hinter dem Gitter entdeckt das Team eine zusammengekrümmte Person. Einsatzleiter Schumacher zögert nicht lange und hilft dem Opfer aus der ausweglosen Lage. Anschließend greift er zum Funkgerät: „Männliche Person gefunden. Offensichtlich verwirrt. Bitte Rettungswagen anfordern“. Nach einem kurzen „Ok“ wird die Ersthilfeversorgung eingeleitet.

Was als Übung durchgespielt wird, kann für die Ehrenamtlichen des Vereins „Rettungshunde im Landkreis Osterholz“ irgendwann zum Ernstfall werden. Für viele Helfer und Verschwundene sind Suchhunde wie Fly oft die Rettung. Mit sieben geprüften Rettungsteams im Flächenbereich und zwei ausgebildeten Personensuchhunden, sogenannten Mantrailern, ist die Staffel dem Katastrophenschutz angeschlossen.

„Wir arbeiten sehr eng mit der Feuerwehr und der Polizei zusammen. Wenn die Person nach einer bestimmten Zeit noch nicht wieder aufgetaucht ist, werden wir dazu gerufen“, berichtet Edgar Schumacher vom Vereinsvorstand. In der Regel werde zunächst die Polizei mit ihren Polizeihunden oder einem Hubschrauber alarmiert, anschließend erreiche der Notruf die Feuerwehr und zu allerletzt werde die Rettungshundestaffel um Unterstützung gebeten.

Im vergangenen Jahr waren es fünf Einsätze, zu denen die ehrenamtlichen Vereinsmitglieder gerufen wurden. Drei davon wurden wieder abgebrochen, weil die vermisste Person kurz darauf gefunden wurde. Bei der Suche des verschwundenen Schwimmers am Stoteler See konnte auch die Rettungshundestaffel nicht helfen. Der Leichnam des ertrunkenen Mannes wurde geborgen.

20 Aktive und 18 Hunde

2008 hat Edgar Schumacher den Verein gegründet, der mittlerweile über 20 aktive Mitglieder mit 18 Hunden im Training verfügt und dem Dachverband des „Bundesverbandes zertifizierter Rettungshundestaffeln“ angehört. „Die Hunde können die Suche nach einer vermissten Person um ein Vielfaches beschleunigen. Ihr Instinkt und ihre Jagdleidenschaft helfen uns Menschen“, erklärt der Prüfer.

Um als Rettungshund zugelassen zu werden, müssen die Vierbeiner eine knapp zweieinhalbjährige Ausbildung mit verschiedenen Prüfungen absolvieren. Alle zwei Jahre ist eine Auffrischung der Kenntnisse fällig. Auch die Hundeführer müssen bestimmte Anforderungen erfüllen und sollten über eine gewisse Fitness, Lernbereitschaft und Motivation, Menschen in Notsituationen zu helfen, verfügen. Sie werden im Bereich der Ersten Hilfe und Funktechnik geschult und von Seelsorgern auf den Umgang mit dem Tod vorbereitet.

„Wir müssen bei unseren Einsätzen immer vom Schlimmsten ausgehen. Es ist wichtig, dabei immer die Ruhe zu bewahren“, betont Staffelmitglied Sonja Fricke. Ihre Bientje ist eine der zwei Mantrailer des Vereins. In vornehmlich städtischen Gebieten folgt der ausgebildete Personensuchhund an der Leine seines Hundeführers der Geruchsspur einer vermissten Person. Als Duftprobe werden unter anderem Kleidungsstücke des Betroffenen oder Alltagsgegenstände wie Haarbürste und Speichelproben von der Zahnbürste benutzt. Die Suche beginnt dort, wo das Opfer zuletzt vermutet wurde. „Bei unserem Training geht es heute beispielsweise um einen Schüler, der in einer Matheklausur die Note 6 bekommen hat. Er hat Angst, damit zu seinen Eltern nach Hause zu gehen und verschwindet nach der Schule. Das ist leider ein realistisches Szenario“, sagt Fricke. Häufig handle es sich jedoch um medikamentenabhängige oder verwirrte Personen wie beispielsweise Demenzkranke, die den Weg nach Hause nicht mehr fänden. Aber auch Suizid sei ein Thema.

Vor dem Übungseinsatz macht Hündin Bientje zunächst einen Orientierungsgang, bei dem sie die Gerüche aller bei der Suche beteiligten Menschen erfasst und bereits ausschließt. Danach bekommt sie von ihrer Hundeführerin als Geruchsstoff ein Kaugummi von der vermissten Person gezeigt. Mit dem Duft in der Nase beginnt die Suche. Zielstrebig zieht Bientje ihr Frauchen hinter sich, schnüffelt mal rechts, mal links und verfolgt die Fährte. An der knapp einen Kilometer entfernten Bushaltestelle wird sie fündig: Dort sitzt Helfer und Staffelmitglied Lorenz Schumacher auf der Bank und belohnt die Hündin für die erfolgreiche Suche mit Streicheleinheiten.

Auch Pascal Radsewitz und sein Hund Fly sind ein eingespieltes Team. Seit sieben Jahren trainieren die beiden in der Staffel und lernen, was es bedeutet, gemeinsam Menschenleben zu retten. „Man muss seinen Hund lesen können. Eine gute Vorbereitung ist sehr wichtig. Da gehört zum Beispiel auch dazu, dass sich das Tier erst warm laufen muss oder nach dem Einsatz mit Spielen und besonderen Leckerlis belohnt wird“, erklärt Radsewitz.

Training und Spaß

Nachdem seine Freundin das Haustier angeschafft hatte, sei er über einen Zeitungsbericht zufällig auf die Rettungshundestaffel aufmerksam geworden. „Ich war sofort begeistert. Es ist mal etwas anderes als Agility, was so ziemlich jeder macht“, berichtet er. Das Training mache sowohl dem Besitzer als auch dem Tier Spaß und erfülle darüber hinaus einen guten Zweck. „Es ist eine gute Möglichkeit, um Zeit mit dem Hund zu verbringen und gleichzeitig einer sinnvollen Beschäftigung nachzugehen“, findet auch Jaqueline Reinke. Als Trainerin übt sie mit den Zweierteams und bereitet sie auf mögliche Einsätze vor. Trainiert wird zwei Mal die Woche. „Wir treffen uns immer mittwochs sowie am Wochenende, an dem wir dann auch schon mal bis zu sieben Stunden mit den Hunden unterwegs sind“, berichtet Reinke. Dafür nutzen die Vereinsmitglieder unter anderem das ehemalige Kasernengelände in Schwanewede, wo sie für die Suche im Gebäude den stillgelegten Bunker benutzen dürfen.

Aber auch Übungen auf großen Veranstaltungen wie dem Hagener Staudenmarkt oder in Einrichtungen wie Seniorenheimen zählen zum festen Programm. „Dort ist es viel schwerer für die Hunde, die einzelnen Gerüche herauszufiltern“, weiß Reinke. In einem Pflegeheim seien beispielsweise die vielen Chemikalien eine große Herausforderung für die Vierbeiner. „Wir üben auch zwischendurch mit Familien, denn gerade Säuglinge oder auch Kinder in der Pubertät riechen aufgrund der unterschiedlichen Hormone anders“, erklärt sie. Draußen erschwere vor allem der Straßenverkehr die Suche, weil die Gerüche durch die vorbeifahrenden Autos geradezu wild durch die Luft wirbelten. Daher testet Reinke vor jedem Einsatz die Windrichtung. Als Orientierung dient der Trainerin die Flugrichtung von Seifenblasen.

Ihr Labrador Ben ist mehrfach geprüfter Flächenhund. Er ist auf die Durchsuchung von Gebäuden spezialisiert und hilft als sogenannter „Verbeller“ der Staffel, indem er beim Fund einer Person so lange bellt, bis Hundeführer und Helfer den Fundort erreichen. Neben den „Verbellern“ zählen auch „Freiverweiser“ zu den Flächenhunden, die ihr Herrchen holen und direkt zur vermissten Person führen.

Bald soll auch Mischlingshündin Lou als Mantrailer das Team verstärken. Derzeit wirkt die „Azubine“ bei den Übungen allerdings noch etwas unentschlossen. „Die Hunde müssen erst lernen, auf alles, was sitzt oder liegt, zu reagieren“, erklärt Reinke. Dafür bildet das Team einen Kreis und geht in die Hocke. Der Hund wird abwechselnd gerufen und bekommt zur Belohnung ein Stück Käse. „So verknüpft das Tier den sitzenden Menschen mit leckerem Essen und stellt automatisch eine Verbindung her“, so die Trainerin. Um das Belohnungsgefühl des Hundes darüber hinaus zu stärken, spielen die Teammitglieder anschließend mit ihm. Bei den Einsätzen sind für die Mitglieder der Rettungshundestaffel besondere Sicherheitsschuhe und eine Stahlkappe Pflicht. „Wir wissen vorher nie, wo uns der Notruf hinführt“, berichtet Fricke.

Die Mantrailer bekommen ein reflektierendes Geschirr um. „Das versetzt sie automatisch in den Arbeitsmodus. Dann wissen die Hunde, was kommt“, so Fricke. Selbst vorbeilaufende und freudig schnüffelnde Artgenossen könnten ihre Bientje dann nicht aus der Fassung bringen. Durch die Teamarbeit habe sich auch die Beziehung der beiden intensiviert. Beruf und Arbeitsleben werden jedoch voneinander getrennt. „Wir vertrauen uns blind. Wenn wir arbeiten, bin ich ihr Ein und Alles. Zuhause ist es aber mein Mann, von dem sie sich Streicheleinheiten abholt“, sagt Fricke mit einem Schmunzeln. Mit ihrem plüschig-weißen Fell erinnere die dreijährige Hundedame auf den ersten Blick an einen Eisbären statt an einen Rettungshund. „Einige haben ihr den Job aufgrund ihres Aussehens anfangs gar nicht zugetraut“, berichtet sie. Dabei spiele die Auswahl der Hunde keine Rolle. Plattnasen hätten es bei der Suche zwar häufig etwas schwieriger, aber mitmachen könne jede Rasse. Eine Altersbegrenzung gebe es nicht. „Wichtig ist letztendlich, dass man es dem eigenen Hund selber zutraut. Die Zuversicht überträgt sich dann.“

Wer Lust hat, die Rettungshundestaffel auch ohne eigenen Hund beim Training zu unterstützen, kann sich als Helfer für die Suchvorgänge zur Verfügung stellen. Auch Übungsplätze werden kontinuierlich benötigt. Informationen dazu gibt es im Internet unter www.rettungshunde-ohz.de.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+