Jan Josef Liefers und Oblivion spielen grandios an den Erwartungen vorbei Herr Professor geht rocken

So kannte die Mehrheit des Publikums Jan Josef Liefers noch nicht, und so hatte sie ihn wohl auch nicht erwartet. Als Rockmusiker präsentierte sich der Schauspieler mit seiner Band Oblivion in der Worpsweder Music Hall. Laut, heftig und ein wenig derangiert trat er auf, mit ganz neuen eigenen Songs und musikalischen Erinnerungen an seine Jugend in der DDR. Inhaltlich wurde er dabei bestens verstanden, künstlerisch eher weniger.
03.06.2013, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Von Lars Fischer

So kannte die Mehrheit des Publikums Jan Josef Liefers noch nicht, und so hatte sie ihn wohl auch nicht erwartet. Als Rockmusiker präsentierte sich der Schauspieler mit seiner Band Oblivion in der Worpsweder Music Hall. Laut, heftig und ein wenig derangiert trat er auf, mit ganz neuen eigenen Songs und musikalischen Erinnerungen an seine Jugend in der DDR. Inhaltlich wurde er dabei bestens verstanden, künstlerisch eher weniger.

Worpswede. Die Zeichen stehen auf Rock – das wird vom ersten Ton an klar. Mit Feedbacks, heftigen Gitarrenriffs und wuchtigen Schlagzeug-Attacken eröffnen Oblivion ihr Konzert in der Worpsweder Music Hall. Der Blick in die andere Hälfte des Saals will dazu nicht wirklich passen und irgendwie finden sich Band und Publikum nur bedingt an diesem Abend in der nahezu ausverkauften Music Hall zusammen.

In den ersten Reihen, absurderweise bestuhlt, sitzen Herrschaften, die wohl nur deswegen gekommen sind, weil sie den Sänger der Band als Schauspieler kennen. Manch einer hält sich gar die Ohren zu. Aber auch die dahinter Stehenden, die sich wegen der für diese Musik völlig unpassenden Bestuhlung arg drängen, kommen kaum in Bewegung, applaudieren eher freundlich als euphorisch. Hieße der Sänger auf der Bühne nicht Jan Josef Liefers, viele von ihnen wären wohl nicht zu diesem Auftritt gekommen.

Die übrigen hätten im kleineren Rahmen – ohne Stühle und Tische vor der Bühne – eine grandiose Rockband feiern können. Denn genau das ist Oblivion, die mit den beiden Gitarristen Johann Weiß und Jens Nickel, Christian Adameit am Bass, Keyboarder Gunter Papperitz, Schlagzeuger Timon Fenner und ihrem prominenten – und beileibe nicht schlechten – Sänger eine kompakte Einheit bilden. Eigentlich rätselhaft, warum eine solch ambitionierte und hoch talentierte Band lange Jahre nur Coverversionen spielte, bis sie sich an erste eigene Stücke heranwagte.

Keine Rolle, sondern Leidenschaft

Dieser Zeitpunkt ist jetzt aber gekommen, und so beginnt das Programm konsequent mit Eigenkompositionen, die bislang auf keinem Tonträger veröffentlicht sind. Lediglich "Ein Halleluja”, der letzte Song vor der Zugabe, zu der es dann doch noch kommt, ist bisher bekannt. Auf seine frühen, noch englischsprachigen Lieder verzichtet Liefers inzwischen ganz. Das kann er sich leisten, denn die neuen Songs entpuppen sich als hochklassige Rocknummern, mit variablen Stimmungen und Strukturen, erinnern hier und da vielleicht ein wenig an Bands wie Selig und wirken mit den beiden E-Gitarren äußerst dicht und atmosphärisch durchstrukturiert. Rockfans können ihren puren Spaß daran haben, die skurrile Konstellation in der Music Hall dämpft dieses Vergnügen indes.

Nach vier Songs geht die Band einfach mal von der Bühne, verabschiedet sich und wartet ab, wie das verwirrte Publikum reagiert. Es schweigt. Nach einer Weile regt sich dann doch etwas Beifall, Liefers kommt zurück und spielt ein Solo-Stück mit Akustikgitarre und einigen Loops, die er selber live per Fußpedal kreiert und abspielt. Vor allem aber beginnt der 49-Jährige, mit den Besuchern zu reden und ein wenig Unsinn zu treiben.

Wer ihn als den snobistischen Pathologen Börne aus dem Münsteraner Tatort schätzt, erkennt ihn außer an ein paar typisch intonierten Halbsätzen kaum wieder. Mit unsortiertem Haar, schlecht sitzendem Sakko und seinem irgendwie leicht derangiert und "verpeilt" wirkenden Auftreten erinnert so gar nichts an den adretten Herrn Professor aus dem Fernsehen.

Vielleicht ist das gewollt, um den Unterschied zu betonen. Auf jeden Fall ist es keine andere Rolle, die Liefers da auf die Bühne bringt. Er und seine Musiker spielen mit echter Leidenschaft und lassen sich auch von der entspannten Zurückhaltung des Publikums nicht irritieren. In den vergangenen Jahren hat Oblivion – paradoxerweise zu übersetzen als "Vergessenheit" – Programme gespielt, die Jan Josef Liefers als "Soundtrack meiner Kindheit" titulierte: Rockmusik aus der DDR, mit der der Dresdener groß wurde, allerdings im Westen eher unbekanntere Stücke von Bands wie Karat, City, der Renft Combo, Puhdys oder Silly, wo mittlerweile seine Ehefrau Anna Loos Sängerin ist.

Aus diesem Programmen gesellen sich im weiteren Verlauf des Abends einige Songs zu den eigenen Werken hinzu, der Sänger wird immer redseliger und spielt O-Töne von Walter Ulbricht oder Erich Honecker ein. Ersterer erinnere ihn ein wenig an Börne, sagt er, und Letzterer warnt per Videobotschaft aus dem Jenseits, Rockmusik wolle Jugendliche nur zu Exzessen aufputschen. Genau das haben er und seine Musiker im Sinn, gesteht Liefers, scheitern dabei aber an der verfehlten Erwartungshaltung des Publikums.

Immerhin weicht die anfangs bestenfalls höfliche Unterstützung gegen Ende doch ein wenig der Begeisterung. Zur Zugabe stehen dann auch die Gäste in den ersten Reihen auf, und ein irgendwie absurder Konzertabend endet versöhnlich.

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