Einstimmiger Beschluss im Kreistag löst Jubel aus / Gymnasialleiter Jost ist weit entfernt von jeglicher Euphorie

IGS freut sich auf die Oberstufe

Lilienthal. Für die Integrierte Gesamtschule (IGS) ist es ein großer Sprung nach vorn: Sie bekommt eine gymnasiale Oberstufe. Die soll in der Christoph-Tornéeschule hinterm Hallenbad untergebracht werden und im August 2018 mit dem Unterricht beginnen.
12.12.2015, 00:00
Lesedauer: 5 Min
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Von Michael Wilke
IGS freut sich auf die Oberstufe

Blick auf die Christoph-Tornéeschule. 2018 zieht die IGS-Oberstufe ein.

Hans-Henning Hasselberg

Für die Integrierte Gesamtschule (IGS) ist es ein großer Sprung nach vorn: Sie bekommt eine gymnasiale Oberstufe. Die soll in der Christoph-Tornéeschule hinterm Hallenbad untergebracht werden und im August 2018 mit dem Unterricht beginnen. Das hat der Kreistag am Donnerstagabend einstimmig beschlossen, die Zustimmung der Landesschulbehörde gilt als Formsache. „Super, ich freu’ mich riesig“, sagt Karina Kögel-Renken, die Leiterin der Gesamtschule. „Unsere Schule ist erst dann komplett, wenn wir die Schüler bis zum Abitur führen können.“

Alle Schüler bestmöglich zu fördern, die leistungsschwächeren ebenso wie die stärkeren, das ist der Leitgedanke jeder Gesamtschule, die Basis des pädagogischen Konzepts. Nach dieser Logik muss eine IGS alle Schulabschlüsse anbieten, auch das Abitur. Zugleich macht die große Bandbreite die Gesamtschule für Eltern attraktiv, weil die Entscheidung über Schullaufbahn und Abschluss lange offen bleibt. Die Frage, ob ein Kind das Gymnasium schafft, stellt sich in der IGS nicht und wenn, dann erst spät. Die Oberstufe ist den meisten Müttern und Vätern ungemein wichtig. „Wir merken es immer wieder, dass Eltern danach fragen“, sagt die IGS-Leiterin Kögel-Renken. „Bei jeder Infoveranstaltung ist die meistgestellte Frage: Bekommen Sie auch die Oberstufe?“

Die bekommt die Gesamtschule in zweieinhalb Jahren. Im Sommer 2018 soll die gymnasiale Oberstufe in der Christoph-Tornéeschule mit dem Unterricht beginnen. Für die Schulleiterin ist es „ein ganz wichtiger Meilenstein“. Bisher lernen 630 Jungen und Mädchen in der IGS, die Jahrgänge fünf und sechs sind in der Grasberger Findorffschule untergebracht, die Jahrgänge sieben und acht in der Lilienthaler Ganztagsschule. Die Mittelstufe der IGS ist fünf- bis siebenzügig, in den achten Klassen sitzen 176 Jungen und Mädchen. Nach der Prognose der IGS werden 73 von ihnen in zweieinhalb Jahren als erste die Oberstufe besuchen. Das wären 41 Prozent des Jahrgangs. Der Landkreis rechnet damit, dass die Quote 45 Prozent oder mehr beträgt. Landesweit erreichen nach Kreisangaben 55 Prozent der IGS-Schüler den Erweiterten Sekundarabschluss I, der zum Besuch der Oberstufe berechtigt.

Zum Physik- und Chemieunterricht müssen die Oberstufenschüler der IGS in die Ganztagsschule. Schulleiterin Kögel-Renken sieht darin kein Problem: „Da kann man schnell mal rüberlaufen.“ Sechs Minuten dauert der Fußweg, das hat der Landkreis als Träger der IGS ermittelt.

Das Gymnasium liegt viel näher dran, bis dahin sind es nur ein paar Schritte. Karina Kögel-Renken findet das prima: „Wir streben eine Kooperation mit dem Gymnasium an. Das wird auf Dauer eine Win-Win-Situation.“ Das Kurssystem der gymnasialen Oberstufe dürfte beide Schulen zur Zusammenarbeit zwingen. Oft scheitern Leistungskurse in Nebenfächern wie Musik oder Kunst, Geschichte oder Politik daran, dass sich zu wenig Jugendliche dafür finden. Gemeinsam könnten beide Oberstufen solche Kurse zustandebringen.

Heidi Geffken hat den Kreistagsbeschluss im Sitzungssaal des Kreishauses miterlebt. „Ich freu’ mich total“, sagt die Elternsprecherin der Klasse 6.4 der IGS. Sie sieht das so, dass die Oberstufe allen Gesamtschülern zugute kommt, nicht nur denen, die Abitur machen wollen. Warum? „Es werden sich andere Lehrer bewerben, die Ausstattung wird besser“, glaubt die Mutter. Für Gymnasiallehrer werde die IGS mit Oberstufe interessanter. „Es ist das ganze Paket, das wertet die IGS auf“, sagt Heidi Geffken. Für Eltern werde sie noch attraktiver, weil sie die Kinder ohne Schulwechsel direkt zum Abitur führe. Vor allem aber sei es „die allerbeste Lösung“ für die Kinder, glaubt die Elternvertreterin. „Natürlich können nicht alle Kinder Abitur machen. Aber egal welchen Weg das Kind geht, es ist auf dem richtigen Weg. Es kann jetzt in der vertrauten Umgebung so weit gehen wie es kann.“

Drüben im Gymnasium ist Schulleiter Wolfgang Jost weit entfernt von jeder Euphorie. Zwar findet er die Kombination von IGS und Gymnasium optimal, wenn er den Blickwinkel von Eltern einnimmt: Zwei Schulen, die ihre Schüler auf unterschiedlichen Wegen zum Abitur führen, das bedeutet Wahlmöglichkeiten, die es bisher nicht gab. Doch an eine Win-Win-Situation für beide glaubt er nicht. Jost fürchtet, „dass sich durch zwei Oberstufen das Angebot verschlechtert“. Wie das? „Kooperation klingt immer gut“, sagt Jost. „Aber der Teufel steckt im Detail. Ein gemeinsamer Musik-Leistungskurs? Wunderbar – auf dem Papier. Aber wo liegt der Kurs: dienstags in den ersten beiden Stunden? Donnerstags in der siebten und achten? Dann kommen Schüler und sagen: Da kann ich nicht. Da hab’ ich Mathe.“ Jost kennt die mühsame Puzzelei, die nötig ist, um von Schülern gewünschte Kurs-Kombinationen möglich zu machen. Das ist schon an einer Schule schwierig. Bei gemeinsamen Kursen müssen Lehrer und Schüler von zwei Schulen unter einen Hut gebracht werden.

Klar, auch Jost ist kooperationsbereit. Die Zeiten der erbitterten Konkurrenz der 90-er Jahre, als beide Schulsysteme noch tiefe ideologische Gräben trennten, sind vorbei. „Die IGS ist eine sinnvolle Schulform, um Begabungsreserven zu entdecken und zu fördern“, sagt der Direktor des Gymnasiums. Er sieht die Gesamtschule als Chance für Spätstarter und begabte Jugendliche, die in Pubertätsjahren alles andere im Kopf haben als Schule. „Im Gymnasium werden sie irgendwann aussortiert, weil sie nicht mehr mitkommen.“ Doch neben der IGS müsse es auch eine Schule geben, die die leistungsstarken Schüler und früh erkennbare Begabungen gezielt fördere: das Gymnasium. Mit einer Kaderschmiede, die eine gesellschaftliche Elite heranzüchte, habe das nichts zu tun, sagt Jost. „Wir sprechen hier über die Hälfte eines Jahrgangs.“

Wolfgang Jost fürchtet eine Schwächung der Oberstufe des Gymnasiums. Früher hatte sie nur 120 Schüler, das war schlecht. Heute sind es 140 bis 150. Es gebe eine Faustformel, sagt der Direktor des Gymnasiums. „Bei weniger als 120 Schülern nehmen die Möglichkeiten von Kurskombinationen rapide ab.“ Die Gesamtzahl der Oberstufenschüler werde in Lilienthal nicht über 200 liegen, vermutet Jost: „Wir sind dann bei 120, die IGS bei 70 bis 100.“ So würden sich die Oberstufen gegenseitig schwächen. „Wenn ich König von Deutschland wäre, würde ich eine Oberstufe für beide machen.“ Die wird es nicht geben.

Jost fürchtet, dass das naturwissenschaftliche Kursangebot im Gymnasium geschwächt wird. Das Interesse an Fächern wie Physik, in denen viel verlangt werde, sei bei Schülern gering. „Wir sind froh, dass wir noch Kurse für leistungsstarke Schüler hinkriegen.“ Und wenn IGS-Absolventen dazukämen? Die hätten es schwer, das hohe Niveau und Lerntempo zu meistern. „Im Gymnasium ist das Tempo höher als in den heterogenen Klassen der IGS.“ Jost sieht, wie sich Realschulabsolventen im Gymnasium abmühen: „Das sind tüchtige begabte Menschen, aber die haben es verdammt schwer, weil sie nicht auf dem Stand sind.“ In der IGS wählten weitaus weniger Schüler die Naturwissenschaften, das zeigten die statistischen Daten des Landes. Die Gesamtschüler wählen nach Angaben des Gymnasialleiters lieber Sprachen und gesellschaftswissenschaftliche Kurse.

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