Verkürzten Öffnungszeiten in Museen Im Winter macht Worpswede zu

Der kommende Museums-Winter in Worpswede wird karg und entbehrungsreich. Worpswedes Museumsverbund will die kalte Jahreszeit mit weiter getakteten Öffnungszeiten und geringerem Personaleinsatz überstehen.
06.08.2015, 00:01
Lesedauer: 3 Min
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Von Michael Schön

Der kommende Museums-Winter in Worpswede wird karg und entbehrungsreich. Worpswedes Museumsverbund will die kalte Jahreszeit mit weiter getakteten Öffnungszeiten und geringerem Personaleinsatz überstehen. Zwei der vier großen Häuser, die Große Kunstschau und der Barkenhoff, haben im Dezember und Januar künftig nur noch freitags bis sonntags geöffnet. Nicht nur in der Gastronomie stößt diese Entscheidung auf heftige Kritik. Herbord Schröder, der das Haus Niedersachsen führt und Vorsitzender des Worpsweder Gastgeber-Stammtisches ist, attestiert dem Künstlerdorf-Tourismus ein „wegbrechendes Standbein“, und Jochen Semken, Geschäftsführer im Hotel Buchenhof und Kreistagsabgeordneter der Unabhängigen Wählergemeinschaft (UWG), befürchtet Domino-Effekte. „Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Bergstraße nachzieht und im Winter ebenfalls zumacht.“

Semken spricht von drohenden Einbußen der Gewerbebetriebe, von nicht mehr eingestelltem Personal, von Entlassungen sowie in letzter Konsequenz von Schließungen. Wenigstens mit Verdienstausfällen müssen Angestellte der betroffenen Museen jetzt schon planen. „Es wird für uns weniger Geld geben, in vielen Fällen womöglich gar keines mehr“, sagt eine Museumsmitarbeiterin, die ihren Namen in diesem Zusammenhang allerdings nicht veröffentlicht sehen möchte. Genau da freilich liegt der Grund für die „Anpassung“ der Öffnungszeiten. Beate Arnold vom Barkenhoff-Museum gibt den Hinweis auf finanzielle Erwägungen.

Gemeint sind Personalkosten, denn die Klimaanlagen zum Beispiel können aus konservatorischen Gründen, also wegen der Empfindlichkeit der alten Exponate, nicht abgestellt werden. „Die Besucherzahlen sind über Jahre evaluiert worden“, argumentiert Beate Arnold. „Im Winter standen die Mitarbeiter teilweise ganz allein in den Ausstellungen.“ Geschnürt hat das unpopuläre Sparpaket der Museumsverbund, ein Verein, in dessen Führungsgremium mit Landrat Bernd Lütjen an der Spitze neben den Vertretern der großen Museen auch der Worpsweder Bürgermeister Stefan Schwenke Sitz und Stimme hat.

Doch wie passt das zu den „gegenüber den Gästen bestehenden Verpflichtungen?“, fragt zum Beispiel Hans Hermann Hubert, Chronist und Gästeführer. Verpflichtungen, die insofern auch dem Steuerzahler gegenüber bestehen, als die Museen gerade mit Millionenaufwand saniert wurden. Einmal ganz abgesehen von der laut propagierten Absicht, mit den Modernisierungen der Gebäude auch das Zusammenspiel von Kultur und Tourismus auf ein professionelleres Niveau anzuheben. „Im Winter und Frühjahr schließlich geben thematische Einzelausstellungen in den vier Häusern vertiefende Einblicke in den vielfältigen kreativen Kosmos des Künstlerdorfes“, heißt es etwas salbungsvoll auf der Homepage des Museumsverbundes. Diese vertiefenden Einblicke bleiben Gästen verwehrt, wenn sie an einem Montag, Dienstag, Mittwoch oder Donnerstag im Dezember oder Januar vor dem Barkenhoffmuseum oder der Großen Kunstschau Einlass begehren. Das Haus im Schluh hat ebenfalls nur von Freitag bis Sonntag geöffnet (11 bis 17 Uhr), und das auch im November und Februar.

Netzel als Ausnahme

So ist es der Kunsthalle Netzel vorbehalten, die Worpsweder Museums-Ehre zu retten. Von Dienstag bis Sonntag steht das rote Backsteingebäude in der Bergstraße den Besuchern in der gesamten Wintersaison offen. Während Kunsthalle und Haus im Schluh sich vor allem auf ehrenamtliche Mitarbeiter stützen, sind Barkenhoff und Kunstschau völlig anders aufgestellt. Sie finanzieren sich zu einem großen Teil aus öffentlichen Geldern und Stiftungen – mit allen damit verbundenen Vor- und Nachteilen bei der Personalplanung. Barkenhoff und Kunstschau, diese Vermutung liegt nahe, sind auch nicht so sehr abhängig von den Eintrittsgeldern wie die beiden anderen Museen. Hubert sieht mit dem Sparpaket für die Museen die großen Anstrengungen torpediert, die Arbeitsgruppen wie der Gastgeber-Stammtisch unternehmen, um die Bergstraße touristisch zu beleben. „Wir machen auch dann Gästeführungen, wenn nur einer da ist. Das spricht sich rum.“

Und es spricht sich auch rum, wenn keiner da ist, warnt Jochen Semken. „Der Kunde, der meinetwegen aus Vechta an einem Nebelmorgen anreist, um die viel beschriebene Melancholie zu erleben und hier vor verschlossenen Türen steht, wird über sein Negativerlebnis zehn Mal so häufig berichten wie er es nach einer schönen Erfahrung getan hätte.“ Die Bergstraße verliere ihre „Zugpferde“, und den aus „fehlender Zuverlässigkeit und Kontinuität“ resultierenden Imageschaden bekämen die Gewerbetreibenden zu spüren.

Herbord Schröder weist auf das interessante Angebot des Museumsverbundes von zusätzlichen Führungen („Blick hinter die Kulissen“) hin, hält es aber für nicht ausreichend. „Ich weiß nicht, wie das weitergehen soll. Anders als vor 20 Jahren ist heute klar, dass man sich auch totsparen kann. Die Museen gehen nicht pleite, aber die Bergstraße wird den Winter über bald ganz dicht machen.“

Semken weist auf das grundsätzliche Problem hin, „dass der Kulturbetrieb immer stärker unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten gesehen wird“. Für eine reiche Gesellschaft wie die deutsche sei das ein „Armutszeugnis“.

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