Landkreis Osterholz

Immer mehr Grundschüler nehmen Nachhilfe

Landkreis Osterholz. Immer mehr Grundschulkinder bekommen Nachhilfe. Auch im Landkreis Osterholz. Grund dafür sind oft nicht die schlechten Noten der Sprösslinge, sondern der Eltern-Wunsch, die Kinder ins Gymnasium zu schicken, sagen Leiter von Grundschulen und Nachhilfeinstituten.
20.02.2010, 00:47
Lesedauer: 7 Min
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Von Katrin Prieß
Immer mehr Grundschüler nehmen Nachhilfe

Eine typische Nachhilfesituation: Anders als in den Klassenräumen haben hier die Pädagogen die Möglichkeit, die Kinder g

Ingo Moellers

Landkreis Osterholz. Immer mehr Grundschulkinder bekommen Nachhilfe. Auch im Landkreis Osterholz. Grund dafür sind oft nicht die schlechten Noten der Sprösslinge, sagen Leiter von Grundschulen und Nachhilfeinstituten. Hintergrund sei auch der Wunsch vieler Eltern, ihre Kinder möglichst ins Gymnasium zu bringen, erfuhr das OSTERHOLZER KREISBLATT. Vom Gymnasiumsbesuch erhoffen sich die Erziehungsberechtigten bessere Zukunftschancen für den Nachwuchs.

Ein weiterer Aspekt spielt eine Rolle: Eltern müssen über die künftige Schullaufbahn ihrer Kinder nach dem Wegfall der Orientierungsstufe heute bereits zwei Jahre früher entscheiden. 'Der Druck auf die Eltern, die richtige Entscheidung für ihr Kind zu treffen, ist jetzt stärker, als zu Zeiten der Orientierungsstufe', sagt Oliver Heckmann, Leiter der Findorffschule.

Manche Eltern erwarten mehr

Dort weiß man, dass auch die Kinder zunehmend unter Leistungsdruck stehen. Die Bildungsstätte möchte dieser Last entgegenwirken und Eltern sowie Kinder bei der Zukunftsentscheidung unterstützen. 'Wir versuchen, die Eltern zu beruhigen und das Selbstbewusstsein unserer Schüler zu fördern. Nur ein selbstbewusster Schüler, der an sich selbst glaubt, hat Spaß am Lernen', sagt Lehrerin Gudrun Neumann.

'Normalerweise brauchen Kinder diesen Alters keine Nachhilfe, doch die Eltern, auf die der Druck lastet, fühlen sich zum Handeln gezwungen', berichtet Neumann, die zur Zeit eine vierte Klasse unterrichtet.

'Wir haben einen Lehrplan, an den wir uns halten. Wir erfüllen, was uns in diesem vorgeschrieben wird, doch manche Eltern erwarten immer mehr Leistung von Seiten ihrer Kinder', hat Oliver Heckmann beobachtet. 'Außerdem brauchen einige Kinder mehr Zeit sich zu entwickeln, als andere', bekräftigt Neumann.

Montessori allein reicht nicht

Diese Entwicklungszeit sei durch die Abschaffung der Orientierungsstufe nicht mehr im vollen Rahmen gewährleistet. Die Schüler seien noch nicht reif für die Ansprüche, die in der weiterführenden Schule gestellt werden, meint die Pädagogin. 'Manche Schüler können noch nicht so selbstständig arbeiten, wie es nach der vierten Klasse verlangt wird.'

Die Grundschule in Pennigbüttel versucht ihre Schüler in dieser Hinsicht besonders zu fördern. Die Schule unterrichtet nach dem Montessori-Profil, welches das eigenständige Arbeiten in den Mittelpunkt stellt. Die Montessori-Pädagogik konzentriert sich auf die Individualität des einzelnen Kindes. An der Grundschule Pennigbüttel sind, neben der Schulleiterin Renate Timpe, noch zwei weitere Lehrkräfte der Montessori-Methode entsprechend ausgebildet. 'Wir haben mit dieser Methode gute Ergebnisse erarbeiten können. Das Feedback für die Kinder, die von uns an die weiterführenden Schulen abgegeben werden, ist sehr positiv', sagt Timpe.

Den Unterricht nach Montessori-Prinzipien zu gestalten, sei aber nicht allein die Lösung des Problems, räumt die Rektorin ein. 'Wir versuchen Defiziten mit Förderkonferenzen entgegen zu wirken. Dort entscheiden wir, welche Kinder Förderung benötigen', erläutert Timpe.

Zehn Prozent in der Nachhilfe

Auch in der Grundschule Ritterhude, die mit 402 Schülern als größte Basisbildungsstätte im Landkreis Osterholz gilt, ist ein Wandel spürbar. 'Man kann davon ausgehen, dass ungefähr von 100 hier angemeldeten Dritt- und Viertklässler zehn Prozent bei der Nachhilfe angemeldet sind', erläutert Schulleiterin Heidrun Ehrhardt-Froese. Durch die höheren Anforderungen der Betriebe heutzutage, gerieten die Eltern schön früh unter Druck und leiteten diesen an ihre Kinder weiter: 'Das Augenmerk der Eltern ist auf die schulische Laufbahn der Kinder gerichtet', sagt die Schulleiterin. 'Diese fokussierte Haltung kann zu Missstimmungen in der Familie und Schule führen. Wenn wir Empfehlungen aussprechen, berücksichtigen manche Eltern diese nicht und melden ihre Kinder statt an der Hauptschule an der Realschule an', weiß Grundschulleiterin Ehrhardt-Froese zu berichten.

Die Grundschulen seien zu Zeiten der Orientierungsstufe kaum mit der Vorbereitung und der Orientierung der Lernenden belastet gewesen. 'Die Schüler sollten erst später selektiert und somit länger gemeinsam unterrichtet werden', ist die Ritterhuder Grundschulleiterin überzeugt. Durch gegenseitiges Erklären könnten die Leistungsstärkeren den Schwächeren helfen, den Unterricht besser zu verstehen. Gleichzeitig festigten sie ihr Wissen durch das gegenseitige Erklären. 'Kinder lernen und erklären anders, als wir Erwachsene'.

Hilfreiche Ganztagsschule

Ehrhardt-Froese ist der Ansicht, 'dass die frühzeitige Förderung und Unterstützung in der Schule vorsorgen kann' - und deshalb bietet die Grundschule Ritterhude eine Hausaufgabenhilfe an, die von der Gemeinde finanziert wird. Die Kinder können außerdem an einem Förderunterricht, insbesondere für Mathematik und Deutsch, teilnehmen. Hilfreich sei auch der Ganztagsschulbetrieb seit diesem Jahr, so die Leiterin: 'Das entlastet ganz besonders berufstätige Eltern. Hausaufgaben sind häufig Reibungspunkte in Familien.'

Das Nachmittagsprogramm an der Grundschule Ritterhude ist in zwei Blöcke unterteilt. Der erste Block sieht das gemeinsame Mittagessen und die Erledigung der Hausaufgaben vor. Nach einer Ruhepause, bietet die Schule im zweiten Block dann mehrere Kurse an: Entsprechend ihren Vorlieben, Talenten und Begabungen können die Schüler hier frei wählen und sich zum Beispiel mit dem Klimawandel beschäftigen, erläutert Ehrhardt-Froese.

Lücke schließen

Die Schulleitung erhofft sich dadurch, die Schüler besser fördern zu können. Wenn die Kleinen nach der Schule nach Hause gehen, seien weder Eltern noch der Nachwuchs mit Hausaufgaben oder schulischer Förderung belastet.

Ehrhardt-Froese appelliert: 'Wir müssen die Lücke zwischen Grundschule und weiterführender Schule schließen. Dabei sollten wir eine Brücke für die Schüler bauen, damit ein problemloser Übergang möglich ist.' Die Zusammenarbeit mit den weiterführenden Schulen hält die Grundschulleiterin für noch verbesserungswürdig. An der Idee der späteren Selektion der Grundschüler hält die Rektorin dabei fest.

In der anderen Richtung funktioniert die Zusammenarbeit offenbar bereits sehr gut - sowohl die Findorffschule, als auch die Ritterhuder und Pennigbütteler Grundschule sprechen von einer erfolgreichen Kooperation mit Kindergärten.

Ehrhardt-Froese engagiert sich als Grundschulvertreterin für das Landkreis-Netzwerk 'Beste Bildung', welches die Bildungperspektiven der Schüler im Landkreis Osterholz verbessern soll. Gemeinsame Zielvereinbarungen unter Schulen, sollen eine Verbesserung ergeben. Die Quote hochwertiger Abschlüsse soll verbessert werden.

Doch diese Verbesserung ist noch Zukunftsmusik. Und so sehen immer mehr Eltern offenbar frühzeitig Handlungsbedarf und melden ihre Grundschul-Kinder bei der Nachhilfe an. Die Nachhilfeinstitute haben darauf reagiert: Sie bieten ein breites Angebot für Grundschüler an.

Selbstsicherheit trainieren

'Hauptsächlich geht es bei den jüngeren Schülern darum, ihre Selbstsicherheit zu trainieren', erklärt die Bezirksleiterin Monika Denker vom Nachhilfeinstitut Schülerhilfe in Osterholz-Scharmbeck. 'Die Kinder kommen zudem nicht immer mit schlechten Noten zu uns, sondern mit Dreien, die sie verbessern oder Zweien, die sie stabilisieren wollen', so Denker.

Es gäbe aber auch Kinder, für die die Förderung nötig sei. Besonders tragisch sei es, wenn diese aus Verhältnissen stammen, in denen kein Geld für Nachhilfe vorhanden ist. Für Kinder aus sozialschwachen Familien vergab die Schülerhilfe bei einer Aktion im vergangenen Jahr Stipendien. 'Gerade diese Schützlinge haben es besonders schwer. Sie müssten speziell gefördert und die Eltern mit Zuschüssen unterstützt werden', fordert Monika Denker.

Fünf Tage die Woche sind die Nachhilfelehrer für ihre Schüler da. Es wird in kleinen Gruppen unterrichtet, damit die Kinder sehen, dass sie nicht die Einzigen sind, die Hilfe benötigen. Außerdem können sie dabei voneinander lernen und soziale Kontakte knüpfen. Die Schülerhilfe bietet ebenfalls Ferienkurse an, die aus Konzentrationsübungen und Übungen zur Kommunikationsförderung bestehen.

Kühler und nüchterner

'Wichtig ist, dass die Chemie zwischen Nachhilfelehrer und Schüler stimmt', erklärt Denker. 'Wir kennen unsere Lehrer und Schüler so gut, dass wir einschätzen können, wer mit wem harmoniert.' Neben der Rechtschreibung und Mathematik, wird den Kindern Textverständnis und selbstständiges Lernen vermittelt. ' Nicht allein der Unterrichtsstoff kann Kinder in der weiterführenden Schule überfordern. Wurden sie vorher in einer Klasse mit 20 Kindern unterrichtet, finden sie sich plötzlich in einem Raum mit zehn weiteren Schülern wieder. Auch das kann die Leistung der Kleinen beeinflussen, so Denker:

'Während sich die Kinder in der Grundschule noch in einer familiären Umgebung bewegen, ist diese in den weiterführenden Schulen kühler und nüchterner.' Im Gegensatz zur Schülerhilfe bekommen die Schüler beim Studienkreis in Osterholz-Scharmbeck Einzelunterricht. 'Wir haben die Erfahrungen gemacht, dass sich die Schüler im Gruppenunterricht gegenseitig ablenken', erklärt die Leiterin des Studienkreises in Osterholz-Scharmbeck, Petra Wendelken.

Am Ende zählen die Noten

Wendelken ist wie Denker von der Schülerhilfe der Meinung, dass die Individualität der Kinder nach der Grundschulzeit verloren geht. 'In der Grundschule gehen die Lehrer speziell auf die Leistungen der einzelnen Kinder ein, in den weiterführenden Schulen bleibt für so etwas keine Zeit', sagt Wendelken. Im Fokus stehe dann viel mehr die Gesamtleistung, als die individuelle Entwicklung des Schülers.

Für Eltern zählen am Ende die Schulnoten, die der Nachwuchs mit nach Hause bringt. Auch wenn sie dabei nur das Beste für ihre Sprösslinge wollen, sollten Mama und Papa nicht verdrängen, dass Kinder diesen Alters Raum und Zeit zur Entwicklung brauchen, rät Wendelken. Die Pädagogin spricht aus vielen Erfahrungen: 'Manche Kinder sind sehr schüchtern, wenn sie das erste Mal zu uns kommen. Es ist dann nicht nicht einfach, sie für das Nachmittagsprogramm zu begeistern.'

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