Eltern fordern integrativen Unterricht an der Oste-Hamme-Schule Initiative streitet für Kooperationsklassen

Gnarrenburg. Eltern aus der Einheitsgemeinde Gnarrenburg kämpfen für ein Integrationsmodell an der Oste-Hamme-Schule. Wenn die Schüler nach den Sommerferien die Schule wechseln, sollen sie vom in Karlshöfen bewährten Modell der Kooperationsklassen weiter profitieren.
31.07.2014, 17:00
Lesedauer: 4 Min
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Von INGRID MAHNKEN

Eltern aus der Einheitsgemeinde Gnarrenburg kämpfen für ein Integrationsmodell an der Oste-Hamme-Schule. Wenn die Schüler nach den Sommerferien die Schule wechseln, sollen sie vom in Karlshöfen bewährten Modell der Kooperationsklassen weiter profitieren.

Eines der erklärten Ziele der Bildungspolitik in unserem Lande ist, dass möglichst viele behinderte Kinder nicht in Förderschulen, sondern in allgemeinen Schulen, auch in sogenannten Kooperationsklassen (Koop), unterrichtet werden. In der Grundschule in Karlshöfen gibt es so ein Integrationsmodell. Es gilt als anerkannte Form der Inklusion. Hier gehen Regelschüler und Schüler mit Beeinträchtigungen vier Jahre lang gemeinsam durch den Schulalltag. Es haben sich Freundschaften gebildet und soziale Strukturen sind gewachsen, wie Lehrer betonen. Nun droht dieser Eintracht das Aus, da für die Schüler nach den Sommerferien der Wechsel zur weiterführenden Gnarrenburger Oste-Hamme-Schule ansteht. Dort stehen für die benötigten Koop-Klassen keine Räume zur Verfügung.

Die Kinder sind traurig und die Eltern verzweifelt. Sie haben sich an den Behindertenbeirat des Landkreises Rotenburg gewendet, um Unterstützung zu bekommen. Gemeinsam wollen sie sich alle Beteiligte mit der Verwaltung an einen runden Tisch setzen, um eine Lösung zu finden. Doch Bürgermeister Axel Renken winkte ab. Um Bewegung in die festgefahrere Situation zu bringen, wurde eine Initiative ins Leben gerufen. Zurzeit laufen mehrere Aktionen, auch eine Unterschriftenaktion.

Nun trafen sich etwa 100 Eltern und vier Vertreter des Behindertenbeirates im Hotel Matthias, um doch noch eine Lösung zu finden. Die allgemeine Ziel des Behindertenbeirates seien, so dessen Vorsitzender Helmut Wilshusen, Menschen mit und ohne Behinderung durch gemeinsames Leben, Lernen, Arbeiten und gemeinsame Freizeitgestaltung mitten in unserer Gesellschaft einander immer näher zu bringen. Wilshusen bedauerte, dass es mit Blick auf die verfahrene Situation leider zu keinem Zeitpunkt gemeinsame Gespräche gegeben habe, an denen tatsächlich alle Beteiligten gleichzeitig dabei gewesen waren. Das habe ganz offensichtlich zu Missverständnissen und unterschiedlichen Interpretationen geführt, ist Wilshusen überzeugt.

Eine betroffene Mutter ist Katja Buck. Als sie die Nachricht bekam, dass für ihr Kind eine weitere gemeinsame Beschulung mit anderen Schülern ausgeschlossen wurde, musste sie mit den Tränen kämpfen, erläuterte sie. „Es macht mich wütend, traurig, aber auch fassungslos, welche Steine behinderten Menschen und ihren Angehörigen immer noch in den Weg gelegt werden.“ Ihr sehnlichster Wunsch sei es, dass für sie auch mal etwas „normal“ laufe. Der Zuspruch aus der Bevölkerung habe ihr jedoch Mut gemacht, nicht aufzugeben.

Der stellvertretende Vorsitzende des Behindertenbeirates, Uwe Lorenz, stellte noch einmal die Entwicklung der letzten Wochen vor. Viele Gespräche und Bemühungen zwischen Eltern und Verwaltung hätten sich als schwieriger herauskristallisiert, als angenommen. Ulrich Dettling, für die niedersächsischen Landesschulbehörde im Landkreis Rotenburg tätig, ging auf die rechtliche Situation der Koop-Klassen ein. Danach hätten die Eltern und Erziehungsberechtigten ein Wahlrecht und den Anspruch auf eine Inklusionsklasse. Das bedeute für die Gnarrenburger einen fließenden Übergang von der Grundschule in die Oberschule.Parallel dazu hätten Eltern behinderter Kinder die Möglichkeit, ihre Kinder auf eine Förderschule zu schicken.

Karlshöfens Schulleiter Volker Kullik, Ratsmitglied in der Gemeinde Gnarrenburg, stellte das Koop-Modell seiner Schule vor. Für die Kinder mit Handicap habe der gemeinsame Unterricht große Vorteile, doch auch die nicht beeinträchtigten Kinder profitierten davon. Für alle Kinder sei es eine Bereicherung und normal, dass sie zusammen lebten und lernten. Dass der Weg für die Kinder der Koop-Klassen zurzeit gesperrt sei, mache ihn betroffen. Dennoch mahnte er zur Besonnenheit. Schuldzuweisungen würden nicht weiter bringen.

Auch Dietrich Neubauer von der Lebenshilfe Bremervörde-Zeven zeigte sich enttäuscht über die derzeitige Situation. „Wir waren auf einem guten und vertrauensvollen Weg.“ Umso überraschter sei er, dass sich der Bürgermeister nicht mit dem Betroffenen an den runden Tisch setzen wolle. Die Lebenshilfe sei bereit, sich mit 150 000 Euro an den Unterhaltungskosten als Starthilfe zu beteiligen.

Neubauer zeigte sich optimistisch, dass die Kooperation Zukunft hat. Doch die Zeit renne, da bereits Anfang September das neue Schuljahr beginne. Vorstellen konnten sich die Beteiligten eine Containerlösung, auch wenn es nicht der Idealfall sei. Die Kosten hierfür würden komplett von der Lebenshilfe übernommen werden.

Für dieses Modell warb auch die Kreistagsabgeordnete Marianne Knappe von Bündnis 90 / Die Grünen. Die mobilen Räumlichkeiten böten heutzutage gute Qualität. Angesichts sinkender Schülerzahlen sei es für sie eine Lösung. Auch die „50Plus“-Handwerkergruppe signalisierte Unterstützung bei der Umsetzung der mobilen Einheiten.

Die Eltern wünschen sich unter anderem Planungssicherheit. Sie wollen wissen, ob und wie ihre Kinder weiterhin beschult werden. Dietrich Neubauer: „Der Schulausschuss der Gemeinde wird nicht herumkommen, eine schnelle Lösung zu finden.“ Ulrich Dettling, Dezernent an der niedersächsischen Landesschulbehörde und ehemaliger Leiter einer Förderschule, hat durchweg positive Erfahrungen mit den mobilen Containerklassen gemacht. „Ich habe keine Probleme mit Containerlösungen.“

Zum Abschluss sagte Wilshusen: „Eine Gesellschaft, eine Gemeinde, ist nur so viel wert, wie sie auch das schwächste Glied in das alltägliche Leben mit einbezieht und Teilhabe für alle Menschen gleichermaßen gilt.“ Der Abend habe gezeigt, dass es immer ein Gewinn sei, miteinander zu reden. Viele Argumente und Hinweise würden deutlich für eine Fortführung und Wiederaufnahme der Gespräche mit Rat, Politik und Verwaltung sprechen. Am Mittwoch, 5. August, tagt ab 18.30 Uhr der Schulausschuss im Gnarrenburger Rathaus.

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