Reise durch 28 Jahre als Bornreiher Vereinsvorsitzender

Jan Flathmann: Boss a. D.

Auf den Tag genau 28 Jahre lang war Jan Flathmann der erste Vorsitzende des SV Blau-Weiß Bornreihe, ehe er am 30. Januar dieses Jahres den Vorsitz abgab. Er blickt zurück auf Zeit als oberster "Moorteufel".
30.12.2015, 00:00
Lesedauer: 7 Min
Zur Merkliste
Jan Flathmann: Boss a. D.
Von Werner Maaß

Der SV Blau-Weiß Bornreihe schreibt viele Geschichten. Spannende und nachdenkliche, lustige und verrückte Geschichten. Der Status als Kult-Klub kommt nicht von ungefähr. Vor allem Jan Flathmann weiß viel zu erzählen.

Auf den Tag genau 28 Jahre lang war er der erste Vorsitzende, ehe er am 30. Januar dieses Jahres den Vorsitz an Michael Rehberg übergab. Jan Flathmann gibt einen tiefen Einblick in ein bewegtes Leben in Beruf und Familie, vor allem aber in viele Erlebnisse als oberster "Moorteufel".

Bornreihe und die Bundesliga

Viermal Werder Bremen, dazu Borussia Mönchengladbach, Dukla Prag, Ismaelia Kairo oder FC St. Pauli – der SV Blau-Weiß Bornreihe hat viel Prominenz zu Gast. Die Spiele gegen Werder sind sehr bewegend. Besonders die Partie im Juli 2004: Werder kommt als frischgebackener Deutscher Meister, mit Torschützenkönig Ailton, mit Johan Micoud und Ivan Klasnic. Und mit Victor Skripnik. Mehr als 4000 Zuschauer sind gekommen. Ausnahmezustand in Bornreihe. Die Bornreiher Straße ist gesperrt. Aber der ganze Aufwand lohnt sich.

Auch das Gastspiel von Borussia Mönchengladbach hinterlässt Eindruck. Mit Jupp Heynckes auf der Trainerbank. Und mit Lothar Matthäus im Mittelfeld. Matthäus lässt sich irgendwann auswechseln, geht zunächst zur Bank, wird dann aber kurze Zeit später an der Wurstbude von Ralf Brase gesichtet. Mit einer Bratwurst und einem Bierchen. Noch während des Spiels. Am Ende hinterlässt "Loddar" auf dem Tresen sein Autogramm. Die Unterschrift wird gehegt und gepflegt. Bis ein Malheur passiert: Der Wagen wird zur Reinigung in eine fremde Firma gegeben. Dumm gelaufen, die geliebte Krickelei auf dem Tresen ist futsch.

Bornreihe und die Ägypter

1971 hat Bornreihe internationalen Besuch: Der Afrikameister Ismaelia Kairo ist zu Gast. Flathmann erinnert sich noch bestens: "Sportlich waren das ganz flotte Typen, die haben 8:3 oder 9:3 gewonnen. Aber die Jungs haben noch nie so richtig Schnaps getrunken." Nach Spielschluss wird Hochprozentiges gereicht. Flathmann will keine Details nennen, nur soviel: "Ja, die Jungs haben gut verzehrt." Am folgenden Tag hat Ismaelia Kairo bei Werder Bremen anzutreten. Das Resultat dieser Partie ist übrigens nicht bekannt.

Bornreihe und die Huning-Ära

Kein Trainer prägt den Verein wie Karsten Huning. Bornreihe ist gerade in die Bezirksliga abgestiegen, die Lage ist kritisch. "Ich hatte Angst, dass der Verein strandet", sagt Flathmann. Aber dann gibt Bernd Grundmann einen Tipp: "Habt ihr schon mal was von Carsten Huning gehört?" Gesagt, getan, kurz darauf weilen Flathmann und Kollegen beim Spiel der A-Junioren des TSV OT Bremen im Schevemoor. Gegner ist Hannover 96, mit Trainer Mirko Slomka und Gerald Asamoah auf dem Feld. Kurz darauf sind sich Huning und der SV Blau-Weiß einig. Und der neue Trainer bringt gleich ein wahres Juwel mit: Gregor Schoepe. "Gregor war ein Ausnahmekönner vor dem Herrn, obwohl er erst 18 Jahre alt war", schwärmt Flathmann.

Die erfolgreichsten Jahre des Vereins sind eingeläutet. Im ersten Versuch wird der Wiederaufstieg knapp verfehlt. "Carsten sagte zu mir, Jan, das ist gar nicht so schlimm, wir bauen die Mannschaft jetzt auf. Und zwar richtig!" Diese Worte hinterlassen Eindruck. Bornreihe steigt 1997/98 in die Landesliga auf und marschiert dann gleich durch in die Niedersachsenliga. Spiele vor zumeist 400 bis 500 Zuschauern bei Postels auf sehr gutem Niveau – Bornreihe hat sich längst einen Namen gemacht bis weit über den Landkreis Osterholz hinaus. Derzeit spielen die "Moorteufel" in der Landesliga. Und Jan Flathman betont voller Stolz: "Der Verein hat immer auf Bezirksebene gespielt, uns ist der Absturz in die Gefilde des Landkreises immer erspart geblieben. Gottseidank."

Der Trainer Jan Flathmann

10 Jahre lang ist Jan Flathmann für die A-Junioren des SV Blau-Weiß zuständig. Mit viel Herzblut. Und mit beachtlichem Erfolg. Mehrere Meistertitel stehen zu Buche. Noch länger ist die Liste jener Akteure, die es in die 1. Herren schaffen. Doch dieser Schritt wird immer schwerer. "Früher sind die Jungs mit dem Fahrrad zum Training gekommen. Heute muss der Verein die Fühler weiter ausstrecken", so Flathmann.

Großprojekt Vereinsheim

Der Traum wird schon lange geträumt. Vom eigenen Vereinsheim in Bornreihe. Im Jahr 2002 wird das Projekt in Angriff genommen. "Der Bau war für den Verein und mich eine riesengroße Herausforderung. Damit hat sich Blau-Weiß auf eigene Beine gestellt." Jan Flathmann ist unermesslich stolz, einen ganz erheblich Anteil beigetragen zu haben. Zusammen mit Bauunternehmer Helmut Kück. Der ist ebenfalls ein echter Moorjunge und wird ebenfalls in Verlüßmoor geboren. Helmut Kück macht keine halben Sachen. "30 mal 15 Meter – ich dachte nur, muss das Ding so groß werden? Aber Helmut hatte gesagt, wenn schon, dann was Richtiges", sagt Flathmann.

Zunächst müssen 58 Stempel gesetzt werden. Durchmesser jeweils ein Meter, sechs Meter lang. Durch den 4,5 Meter dicken Moorboden und dann in den Sand darunter. Dann wird das Haus hochgezogen. In grandios organisierter Eigenarbeit. Jeder packt mit an, das schweißt die Gemeinschaft noch mehr zusammen. Nils Kühtmann mauert, Rüdiger Klein kümmert sich um die Steuer. Erste bis vierte Herren sowie Alte Herren, eines der fünf Teams hat immer eine Woche lang Baudienst. Steine schleppen statt Training. Unter der Leitung von Polier Hinni Ehrichs. Alles klappt wie am Schnürchen. Nach knapp 14.000 Stunden Eigenarbeit ist das Schmuckkästchen 2003 fertig. Der SV Blau-Weiß wird um dieses Vereinsheim von anderen Vereinen beneidet. Ein Prunkbau, der mit einem Verkehrswert von 750.000 Mark in die Bücher eingetragen wird. Jan Flathmanns Traum ist in Erfüllung gegangen.

Die Derbys

Fällt das Stichwort Derbys, dann muss Jan Flathmann durchatmen. Er müht sich und spricht von Normalität. Doch das ist nur Fassade. Er schwärmt von den Duellen in den 70er Jahren mit dem 1. FC Osterholz-Scharmbeck und dessen Trainer Arno Reiche. Das Team wärmt sich in Bornreihe auf, dann geht es in den Bus und auf in die Kreisstadt. Mit an Bord ist ein Pastor, der dem Team auf der Fahrt den Segen gibt. Und das klappt. Der Abstiegskandidat Blau-Weiß erkämpft bei der Spitzenmannschaft des FCO ein 0:0. Flathmanns trockener Kommentar: "Jo, das hat gut geklappt." So auch das Derby beim VSK: Ähnliche Ausgangssituation, in Bornreihe aufgewärmt, dann in den Bus, eine Minute vor dem Anpfiff ins Stadion eingelaufen und 2:1 gewonnen. Und das in Unterzahl. Vor 1800 Zuschauern. Diesmal ohne Hilfe von oben.

Das Leben als Vereinsboss

Auf den Tag genau 28 Jahre führt Jan Flathmann den Verein als Vorsitzender durch dick und dünn. "Ich kann mich glücklich schätzen, dass ich so gute Leute an meiner Seite hatte. Da hat es keine großen Querelen gegeben", sagt Flathmann. Jeder Kultclub braucht an der Spitze einen Charakterkopf. So einer ist Jan Flathmann. Wie auch dessen Nachfolger Michael Rehberg. Der langjährige Basketballer und Edelfan des SV Blau-Weiß ist nicht zuletzt wegen seiner stattlichen Größe von 2,10 Meter kaum zu übersehen. Jan Flathmann hält sich hingegen eher im Hintergrund. Von dort aus führt er aber ein strenges Regiment. Mit großer Akzeptanz. Zurückhaltend und bescheiden, wohl aber selbstbewusst und bestimmt – so sehen viele im Verein ihren Vereinsboss. Unter anderem auch Klaus Pofahl, Trainer der damaligen 1. Herren, in der Flathmann mehrere Jahre lang spiel. "Herr Pofahl hat immer zu mir gesagt, Jan, Sie sind so unproblematisch, so unkompliziert. Wenn Sie freie Schussbahn haben, dann wird draufgehalten."

Der Übergang in das neue Leben als Vorstandspensionär verläuft nicht ganz einfach, das räumt Jan Flathmann ein: "Früher hat das Telefon oft geklingelt, auf einmal ist gar nichts mehr los. Die ersten Wochen waren schon schwer. Aber das hat sich mittlerweile relativiert." Der Kontakt zum Freundeskreis ist weiterhin sehr intensiv. Zusammen mit Gerd Stelljes und Jan Böttjer geht es nach Norderney oder Mallorca. Oder nach Düsseldorf in die Partymeile Bolkerweg. Eine Bornreiher Hochburg. In einer Kneipe hängen sogar Bornreiher Bilder. Und Jan Flathmann erzählt: "Die kennen dort alle Bornreiher. Die kennen Marco Rebien und Torsten Welk. Und mich auch."

Verflixte Technik

"Ich muss ganz ehrlich sagen, die heutige Technik – das ist nicht mehr meine Welt. Auf diese Art zu leben wird man immer mehr zum Alleingänger", sagt Flathmann. Er greift lieber zum Telefonhörer. Und macht handschriftliche Notizen. Völlig analog. "Meine Frau, die Birgit, die guckt ab und zu ins Internet. Ich habe hier bei uns zuhause noch nie ins Internet geschaut." Flathmann fühlt sich von der Entwicklung nicht getrieben. Sohnemann Julian Flathmann (22) dürfte einen anderen Umgang mit den digitalen Medien pflegen.

Das Leben auf dem Bau

Jan Flathmann hat Steinsetzer gelernt und ist dann als Polier im Straßenbau tätig. Er leitet unter anderem als Polier in Bremen den Bau der Straßenbahn-Linie 4 zwischen der Spittaallee und der Kirchbachstraße. 2,8 Kilometer. Und völlig komplikationslos, wie er stolz anmerkt – ganz im Gegensatz zu anderen Abschnitten der Linie 4. Jan Flathmann befindet sich in der Altersteilzeit. Langeweile ist dennoch ein Fremdwort, er hat mittlerweile ein Kleingewerbe angemeldet. Und wenn beim SV Blau-Weiß Bornreihe irgendwann einmal Not am Mann sein sollte, da bräuchte nur Im Fehr geklingelt werden. Aber nicht per WhattsApp oder Email.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+