Interview mit Trauerredner Karl-Hermann Lösken: Ritualisierter Abschied geht immer mehr verloren / Gedanken zum Totensonntag „Jeder hat seine eigene Trauer“

Mit Gebeten, Kerzen und geschmückten Gräbern gedenken morgen Angehörige und Freunde ihrer Verstorbenen. König Friedrich Wilhelm der III.
22.11.2014, 00:00
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Mit Gebeten, Kerzen und geschmückten Gräbern gedenken morgen Angehörige und Freunde ihrer Verstorbenen. König Friedrich Wilhelm der III. hatte im Jahr 1816 den letzten Sonntag des Kirchenjahres dazu bestimmt. Totensonntag oder Ewigkeitssonntag heißt er. Undine Zeidler sprach aus diesem Anlass mit dem Trauerredner Karl-Hermann Lösken über Trauer und Trost.

Welche Rolle spielt die Trauerfeier für Hinterbliebene?

Karl-Hermann Lösken: In dem Moment, wo ein Mensch stirbt, macht das was mit mir. Das reißt den Boden unter den Füßen weg, und ich denke, das ist lange von der Kirche und ihren Ritualen aufgefangen worden. Auch eine Trauerfeier hat Rituale. Das sind bestimmte Worte, die gesetzt worden und dazu da sind, dass Menschen in ihrer Trauer nicht alleine stehen, sondern aufgefangen werden. Bis hin zum Kaffee am Schluss.

Hat sich dieser ritualisierte Abschied verändert?

Das geht immer mehr verloren. Wir haben es immer mehr mit Einzelkämpfern zu tun. Jeder ist nur noch für sich. Es darf niemand von außen reingucken. Dieses „ich möchte nicht mehr am Grab stehen“. Man soll nicht mehr kondolieren. Ich möchte sofort weg, und was wir auch in den Traueranzeigen lesen: Bitte keine Beileidsbekundungen am Grab. Obwohl das eine ganz, ganz wichtige Sache ist, die mit zur Trauer gehört. Dass Menschen einfach da sind, die die Hand geben. Jeder gibt anders die Hand. Das bringt auch Trost.

Warum spendet das Trost?

Am Grab die Beileidsbekundung entgegen zu nehmen, hat etwas Entlastendes. Viele, die zur Trauerfeier kommen, demonstrieren: Uns war der Verstorbene wichtig. Ihr Hinterbliebenen seid uns wichtig. In den beiden Worten „herzliches Beileid“ schwingt ja so viel mit, da steckt wirklich alles drin.

Wie ist es mit Formulierungen wie: „Das wird schon wieder“?

Damit drückt man mehr die eigene Unsicherheit aus und versucht, eine Harmonie reinzukriegen, die es nicht gibt. Es wird nämlich nicht mehr so. Der Tod beendet.

Was ist der größte Fehler, den ich im Umgang mit einem Trauernden machen kann?

Falsch ist, auf die andere Straßenseite zu gehen und sich abzuwenden. Was gut ist, ist einfach auch „guten Tag“ zu sagen und zu hören, ob mein Gegenüber es möchte oder nicht. Die Gefahr besteht ja, wenn jemand sagt, am Grab möchte er kein Beileidsgespräch haben, dass er am nächsten Tag beim Kaufmann sofort angesprochen wird, und beim Bäcker kommt der nächste. Dann fängt alles wieder von vorne an.

Gibt es eine Zeitspanne für Trauer?

Jeder hat seine eigene Trauer, und das ist nicht nach drei Wochen vorbei. Trauer hat Wellen. Es gibt Höhen und Tiefen. Und sie ist kein abgeschlossener Prozess, sondern es kann sein, dass man sich danach in die Arbeit stürzt und vergessen will und macht und tut und die Trauer auf kleiner Flamme mitschwingt. Aber zwei, drei Jahre später wird man durch irgendeine Sache an den verlorenen Menschen erinnert – und dann kommt alles wieder.

Wie kann die Umgebung helfen?

Das Angebot zu machen: Ruf mich an. Komm rüber. Ich bin da. Aber nicht bedrängen.

Warum macht uns die Trauer der Anderen unsicher?

Wenn der Tod plötzlich ins Leben eingreift, ist jeder verunsichert. Da ist keiner von uns eine Ausnahme.

Was geben Sie Trauernden mit auf den Weg?

Ich habe nicht den Anspruch, dass ich hingehe und Lebensweisheiten von mir gebe. Für mich wesentlich ist das Vorgespräch. Da unterhalte ich mich zwei bis drei Stunden, und es gibt Situationen, wo es noch länger wird. Das ist Trauerarbeit.

Wo bleiben Hinterbliebene nach der Beerdigung mit ihrer Trauer?

Nach der Trauerfeier mache ich das Angebot, dass sie mich weiter anrufen können. Was immer wieder mal passiert, aber das ist nicht die Regel.

Bieten Trauerredner auch Trauergruppen an?

In den 90er-Jahren hat es angefangen, dass Kollegen von mir Trauergruppen angeboten haben. Aber ich denke, wir mit unseren unterschiedlichen Ausbildungen dürfen das nur bis zu einem bestimmten Punkt.

Braucht es dann vielleicht auch andere Stellen?

Das Trauercafé in Osterholz-Scharmbeck oder die evangelische Familien- und Lebensberatung in Bremen sind Anlaufstellen. Dort gibt es Menschen, die auffangen können und Menschen in ähnlichen Situationen.

Endet Trauer jemals?

Es ist nicht so, dass man sagen kann, es ist etwas, was mich loslässt. Früher gab es Traditionen. Sechs Wochen oder ein Jahr in Schwarz rumlaufen. Das Zeigen nach außen hin, aber weiter leben. Ich denke, das ist sicher eine Möglichkeit, sich diesen Schutzraum zu geben. Aber das sind Äußerlichkeiten. Trauer ist damit nicht zu ende. Wenn ich Menschen verloren habe, gibt es immer wieder Zeiten, da denke ich dran zurück.

Zur Person: Karl-Hermann Lösken arbeitet seit rund 20 Jahren als Trauerredner. Geboren und aufgewachsen ist der Diplom-Theologe in Gelsenkirchen. Er lebt mit seiner Familie in Lilienthal.

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