Vortrag über Datensammelei und digitale Überwachung

„Jeder wird zum Verdächtigen“

Späterer Datenmissbrauch nicht ausgeschlossen: Der Bundestagsabgeordnete Herbert Behrens hielt beim Loccumer Kreis einen Vortrag über digitale Überwachung und den gläsernen Menschen – mit einem warnenden Unterton.
20.11.2014, 00:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
Von Peter von Döllen
„Jeder wird zum Verdächtigen“

Der Bundestagsabgeordnete Herbert Behrens sprach im Rathaus über den gläsernen Menschen und riet zu einer „datensparsamen Lebensweise“. Der Loccumer Kreis Osterholz-Scharmbeck hatte den Politiker als Vortragsgast gewonnen. VDO·

Peter von Döllen

Späterer Datenmissbrauch nicht ausgeschlossen: Der Bundestagsabgeordnete Herbert Behrens hielt beim Loccumer Kreis einen Vortrag über digitale Überwachung und den gläsernen Menschen – mit einem warnenden Unterton.

Am Ende seines Vortrags gibt der Bundestagsabgeordnete Herbert Behrens (Die Linke) auf Nachfrage doch noch einen Ratschlag. Auf die Frage, wie man sich vor Datenmissbrauch schützen könne, antwortet er: „Durch eine datensparsame Lebensweise. Überlegen Sie immer, was Sie von sich preisgeben.“ Und: „Wir brauchen ein ausreichend großes Misstrauen beim Thema Datensammlungen.“ Besonders junge Menschen, die erfahrungsgemäß häufig in sozialen Netzwerken unterwegs sind, sollten vorsichtig sein, rät Behrens. Bis dahin hat er es sorgsam vermieden, sich so klar festzulegen.

„Ich will Ihnen die Wertung der Sache überlassen“, hat Behrens zunächst bemerkt. Der Abgeordnete baut bei seinem Vortrag im Rathaus von Osterholz-Scharmbeck zum Thema „Der gläserne Mensch“ hauptsächlich auf einem Essay des Bremer Politologen Ralf Bendrath, dessen Aussagen er weitestgehend teile.

Herbert Behrens ist der zweite Referent in der aktuellen Vortragsreihe des Loccumer Kreises. Der 1954 in Osterholz-Scharmbeck geborene Schriftsetzer ist seit 2009 Mitglied des Deutschen Bundestags. Während seines Studiums der Sozialwissenschaften hat er sich mit der Digitalisierung der Gesellschaft befasst – und mit neuen Belastungsformen durch indirekte Steuerung in der Industrie. Unter anderem saß Behrens auch in der Enquete-Kommission Internet und digitale Gesellschaft.

Zu Beginn seiner Ausführungen stellt Behrens fest: Das Thema sei nicht neu. So kam 1779 ein Buch heraus, das als Vorläufer des Telefonbuchs gelten kann. Es enthielt gesammelte Daten über Berliner Bürger, die frei verfügbar waren. Und für ihre Judenverfolgung hätten die Nationalsozialisten später akribische Auswertungen vorhandener Akten genutzt.

1890 begann für den zitierten Autor Bendrath die Geschichte des Rechtes auf Privatheit und Datenschutz. Die Erfindung der ersten Rollfilmkamera und der Schnellpresse seien die Auslöser gewesen. „Die Kamera ermöglichte erstmals so etwas wie Schnappschüsse“, führt Behrens aus. Die konnten dann über Zeitungen relativ schnell verbreitet werden. Es fehlte nur noch die Erfindung des Computers, der die Speicherung großer Datenmengen, deren schnelle Sortierung und Verknüpfung ermöglichte. Bendrath glaubt: Das hat die Sicherheitspolitik verändert. Die Sammlung und Verarbeitung von Daten diene nicht mehr nur der Aufklärung begangener Straftaten oder der Abwehr unmittelbar bevorstehender Gefahren, sondern der Prävention von Risiken wie terroristischen Anschlägen oder Straßenkriminalität.

Behrens zählt auf, was Bendrath als Indizien anführt: „Vorratsdatenspeicherung in der EU mit Telefon- und Mailverkehr, nationale Gen-Datenbank mit 2,5 Millionen DNA-Profilen in Großbritannien oder ein Pilotprojekt am Mainzer Hauptbahnhof bis Juli 2007, bei dem Überwachungskameras mittels biometrischer Verfahren die Gesichter von Passanten erkennen und identifizieren sollten.“ Es gebe Kamerasysteme, die aus Bewegungsmustern aggressives Verhalten ableiten und voraussagen sollen.

Stets gilt: Datensammlungen würden mit Modellen abgeglichen, um Menschen einzustufen – in vielen Lebenslagen. Behrens: „Prinzipiell wird jeder zu einem Verdächtigen.“ Behrens fragt, wer diese Modelle eigentlich erstelle und warum sie nicht offengelegt werden? Es sei eine Frage von Vertrauen und Misstrauen geworden. Bei Werbung könne das eventuell noch in Kauf genommen werden. In anderen Bereichen könnten die gesammelten Daten durchaus missbraucht werden. Selbst wenn einem derzeitigen System vertraut werde, könnten spätere Regierungen die Daten ja auch anders nutzen. Behrens fordert: „Bürger sollten ein Mitspracherecht bei der Erstellung entsprechender Modelle haben.“

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+