Experten zweifeln an Selbstverstümmelung Van Goghs und bewerten Paul Gauguins Rolle im Streit neu

Kain und Abel der Kunstgeschichte

Die Kunsthistorikerin Dr. Rita Wildegans und des Historikers Dr. Hans Kaufmann sind aus Hamburg angereist, um in der Großen Kunstschau über das Thema: 'Van Goghs Ohr - Paul Gauguin und der Pakt des Schweigens' zu referieren.
17.02.2010, 18:44
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Von Gudrun Scabell
Kain und Abel der Kunstgeschichte

Rita Wildegans und Hans Kaufmann – hier in der Großen Kunstschau – setzen mit ihrem Buch „Van Goghs Oh

Hasselberg

Am Anfang war die Künstlerfreundschaft, am Ende stand der Brudermord. Etwas verkürzt und holzschnittartig ist damit die These der Kunsthistorikerin Dr. Rita Wildegans und des Historikers Dr. Hans Kauf-mann umrissen. Beide Experten waren aus Hamburg angereist, um in der Großen Kunstschau über das Thema: 'Van Goghs Ohr - Paul Gauguin und der Pakt des Schweigens' zu referieren.

Der Vortrag der beiden Wissenschaftler basierte auf Ausführungen ihres gleichnamigen Buches, das im Jahr 2008 erschienen ist.

Es ist ein Drama, das sich in die Kunstgeschichte eingeschrieben hat: die Selbstverstümmelung Vincent van Goghs. In der Nacht des 23. Dezembers 1888 hatte er sich in einem Akt von Wahnsinn das linke Ohr abgeschnitten. Hauptzeuge der Ereignisse war sein Malerkollege und Freund Paul Gauguin. Beide weilten zu diesem Zeitpunkt in Arles, im so genannten Gelben Haus, um eine Künstlergemeinschaft zu leben. Van Gogh war bereits im Februar 1888 in den Süden gereist, des Lichtes wegen, wie er in einem Brief an den Bruder Theo schreibt.

Doch wollte er den Ort, die Landschaft und das Licht mit Malerkollegen teilen, in einer Art Brüderschaft und unter dem Dach eines 'Ateliers des Südens'. Einer derjenigen, der primär für ihn in Frage kam, war Paul Gauguin. Es hätte aber auch der amerikanische Maler MacKnight sein können, der sich zu dem Zeitpunkt in der Nähe von Arles aufhielt.

Trennte Gauguin Van Goghs Ohr ab? Letztendlich aber reiste Paul Gauguin Ende Oktober 1888 nach Arles. Die Kunstgeschichte wird diese Wochen später als Sternstunde der modernen Malerei bezeichnen. Dennoch war das Zusammenleben schwierig, die Charaktere waren zu verschieden, was unweigerlich zu Konflikten führen musste. Gauguin erwog mehrfach, wieder abzureisen. So auch an dem besagten 23. Dezember, als dem Drama ein Streit vorausgegangen war.

Rita Wildegans und Hans Kaufmann aber haben gute Gründe, die in der Kunstgeschichtsschreibung manifestierte Auffassung von der Selbstverstümmelung van Goghs, die ausschließlich auf Aussagen von Gauguin beruhen, anzuzweifeln. Zumal van Gogh selbst nie bestätigt hat, sich das Ohr abgeschnitten zu haben.

Der Vortrag von Wildegans und Kaufmann basierte auf Erkenntnissen jahrelanger Recherchen und Nachforschungen, in denen sie Originalquellen wie Briefe und Skizzenbücher, literarische Zeugnisse und Bilder neu befragten.

Ihre daraus resultierende These lautet: Van Gogh hat sich das Ohr nicht selbst abgeschnitten, sondern es ist ihm von Gauguin, der ein versierter Fechter war, mit einer scharfen Fechtwaffe abgetrennt worden - und beide haben über den Vorfall Stillschweigen vereinbart.

Der Anstoß, sich überhaupt mit dieser Thematik zu beschäftigen, war für beide Kunstkenner die Begegnung mit dem Bild 'Sonnenblumen auf einem Sessel' von Gauguin, das der Symbolist 1901 gemalt hat und das sich im Besitz der Eremitage in Sankt Petersburg befindet. Im Hintergrund der Komposition ist der Kopf einer fahlen Sonnenblume zu sehen, die Wildegans und Kaufmann als den toten Vincent interpretieren und aus deren Mitte ein Auge starrt. Nach Auffassung beider Experten ist es ein 'Kainsauge', das fragend auf den Betrachter, zunächst aber auf den Maler Gaugin gerichtet ist. Es verfolge ihn, ebenso wie das 'Gottesauge' in Victor Hugos Poem 'Das Gewissen' den Brudermörder Kain bis ins Grab verfolge.

Das Buch ist eine spannende und zugleich profunde Lektüre; es wirft gleichsam einen intimen Blick auf die Anfänge der künstlerischen Moderne im ausgehenden 19. Jahrhundert.

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