Sprecherin von ExxonMobil sieht keine Gefahren fürs Trinkwasser durch das Verpressen von giftigem Abwasser

„Kann verstehen, dass es dazu Fragen gibt“

Rund 3,45 Millionen Kubikmeter Abwasser aus der Erdgasförderung sind bis Dezember 2012 im Landkreis Rotenburg ins Erdreich gepumpt worden. Das Landesbergamt hat am 25. Juli 2011 im Bereich Söhlingen (Bohrstelle SOLG Z2) eine Benzol-Konzentration gemessen, die etwa 13 000 Mal über dem Trinkwassergrenzwert liegt. Auch hochgiftige "polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe" wurden festgestellt. Die Naphthalin-Konzentration liege 16 700 Mal über dem Grenzwert. Johannes Heeg unterhielt sich darüber mit Ritva Westendorf-Lahouse, Pressesprecherin der ExxonMobil Central Europe Holding GmbH.
08.06.2013, 05:00
Lesedauer: 6 Min
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Rund 3,45 Millionen Kubikmeter Abwasser aus der Erdgasförderung sind bis Dezember 2012 im Landkreis Rotenburg ins Erdreich gepumpt worden. Das Landesbergamt hat am 25. Juli 2011 im Bereich Söhlingen (Bohrstelle SOLG Z2) eine Benzol-Konzentration gemessen, die etwa 13 000 Mal über dem Trinkwassergrenzwert liegt. Auch hochgiftige "polycyclische aromatische Kohlenwasserstoffe" wurden festgestellt. Die Naphthalin-Konzentration liege 16 700 Mal über dem Grenzwert. Johannes Heeg unterhielt sich darüber mit Ritva Westendorf-Lahouse, Pressesprecherin der ExxonMobil Central Europe Holding GmbH.

Sind das übliche Werte, die an allen Bohrstellen gemessen werden? Teilen Sie die Sorgen jener Menschen, die fürchten, das Grundwasser könnte vergiftet werden? Ritva Westendorf-Lahouse:

Lagerstättenwasser ist Wasser, das natürlicherweise im tiefen geologischen Untergrund vorhanden ist, mit dem Erdgas zutage gefördert und anschließend rückverpresst wird. Die Zusammensetzung des Lagerstättenwassers unterscheidet sich dabei je nachdem, aus welcher Gesteinsschicht es stammt. Das Einpressen erfolgt nicht in den Boden und auch nicht in Trinkwasser führende Schichten, sondern viele Hunderte bis Tausende Meter tiefer in hierfür geeignete und behördlich zugelassene Gesteinsformationen. Ich kann verstehen, dass es hierzu Fragen gibt, und es liegt auch an der Industrie, hier für Aufklärung zu sorgen und deutlich zu machen, wie der Schutz des Trinkwassers gewährleistet wird.

Wie gewährleisten Sie das?

Zum einen muss dafür Sorge getragen werden, dass auf dem Bohrplatz keine Flüssigkeiten von oben in den Boden eindringen. Dazu wird der gesamte Platz versiegelt. Zudem muss das Bohrloch selbst gegenüber den Trinkwasser führenden Schichten abgedichtet werden. Das Bohrloch wird mehrfach verrohrt. Spezialstahl und Spezialzement sorgen dafür, dass mehrere Sicherheitsbarrieren zwischen Bohrloch und Trinkwasser bestehen. Außerdem werden nur solche Horizonte für das Rückverpressen von Lagerstättenwasser zugelassen, die dafür geologisch geeignet sind und über denen undurchlässige Gesteinsschichten liegen. Das sind mehrere Hunderte bis Tausende Meter.

Beim Landkreis Rotenburg sieht man das Verpressen des Lagerstättenwassers "sehr kritisch". Man wisse nicht genau, wie es sich in diesen Bodenschichten ausbreitet, sagte uns ein Behördensprecher. Das sei wissenschaftlich noch nicht erforscht.

Deutschland hat viel Erfahrung damit, denn in Deutschland wird seit vielen Jahrzehnten Erdgas gefördert und Lagerstättenwasser verpresst. Auch die Geologie vor Ort ist bekannt, gerade auch aufgrund der Erdgasförderung. Auch zur Ausbreitung liegen detaillierte Berechnungen vor, die wir auch in der Vergangenheit schon kommuniziert haben.

Können Sie denn definitiv ausschließen, dass Krebs erregendes Benzol ins Trinkwasser gelangt?

Die letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass der Trinkwasserschutz gewährleistet ist und die hohen Anforderungen, die in Deutschland zurecht gelten, sich bewährt haben.

Ist die Einleitung dieser Gifte tatsächlich erlaubt?

Im Gegensatz zu anderen Industrien, die Abwässer in Gewässer einleiten, wird Lagerstättenwasser, das seinen Ursprung im geologischen Untergrund hat, wieder in den Untergrund verbracht. Dafür gelten strenge Anforderungen, die durch die zuständigen Behörden geprüft und überwacht werden.

Welche Mengen an Giftstoffen dürfen Sie verpressen? Steht das in der Genehmigung?

Im Rahmen der Zulassung wird anhand geologischer Fachexpertise für jede Bohrung separat ermittelt, welcher Druck maximal zugelassen ist, welche Stoffe in welcher Menge eingebracht werden dürfen. Das Aufnahmevermögen des Einpresshorizonts wird durch Drucküberwachung an der Bohrung kontrolliert.

Wie oft werden Proben an den Versenkbohrstellen genommen? Ist die Genehmigung befristet?

Die Aufsichtsbehörden können jederzeit Proben nehmen oder sonstige Überwachungsmaßnahmen treffen. Sobald die in der Zulassung genannten Werte erreicht sind, entfällt die Berechtigung zum Einpressen.

Der Kreistagsabgeordnete Manfred Damberg hat Ihr Unternehmen angezeigt. Er wirft Ihnen eine schwere Umweltstraftat durch Einleitung von hochtoxischen Abwässern ins Grundwasser vor. Was sagen Sie dazu?

ExxonMobil weist den Vorwurf strafbarer Handlungen entschieden zurück. Es ist schade, dass die Erdgasproduktion durch substanziierte Behauptungen wie Illegalität in Misskredit gebracht wird. Deutschland braucht Erdgas. Gerade für die Energiewende gewinnt der Energieträger zunehmend an Bedeutung. Heimisches Erdgas hat gerade aus ökologischer Sicht gegenüber Importen viele Vorteile.

Laut Damberg wäre eine Reinigung des Lagerstättenwassers auf Trinkwasserqualität technisch möglich. Dann wäre dieses Wasser unbedenklich. Warum reinigen Sie das Abwasser nicht?

Zurzeit wird industrieweit an alternativen Konzepten gearbeitet. Dabei wird ergebnisoffen untersucht, ob es Behandlungsmethoden gibt, die am Ende tatsächlich aus Umweltsicht sinnvoller sein können.

Gibt es tatsächlich keine Kläranlagen für Lagerstättenwasser? Oder ist Ihnen das einfach zu teuer?

Die Frage unterstellt, wir würden Risiken für die Umwelt aus Kostengründen leichtfertig in Kauf nehmen wollen. Das ist falsch. Die Aufbereitung von Lagerstättenwasser hat nicht zur Folge, dass am Ende lediglich Wasser übrig bleibt, sondern dass die abgeschiedenen Stoffe ihrerseits entsorgt werden müssen. Man muss sich den gesamten Prozess anschauen und dann entscheiden, welcher Weg gangbar ist.

Wer kommt für die Schäden auf, die im Grundwasser durch Lagerstättenwasser entstehen können? Sind Sie versichert?

Das Haftungsrecht sieht zum Beispiel eine verschuldensunabhängige Haftung für Personen- oder Sachschäden vor. Wer die Beschaffenheit eines Gewässers durch Einbringen oder Einleiten verändert, haftet ebenfalls verschuldensunabhängig nach Wasserrecht. Bevor ein Unternehmen überhaupt die Zulassung erhält, in Deutschland Erdgas zu fördern, muss es nachweisen, dass es im Fall der Fälle zur Leistung von Schadensersatz in ausreichender Höhe fähig wäre. Die ExxonMobil Central Europe Holding verfügt allein über ein Stammkapital von 680 Millionen Euro.

Musste Ihr Unternehmen schon mal Schadenersatz wegen Umweltgefährdung als Folge der Erdgasgewinnung in Niedersachsen leisten?

Ich gehe davon aus, dass Sie eine Umweltstraftat meinen. Die Antwort lautet: Nein.

Sie glauben, 680 Millionen Euro reichen, um im Ernstfall die Rotenburger Rinne, ein uraltes Trinkwasserreservoir für Hunderttausende von Menschen, entgiften zu können?

Unsere Verpressbohrungen liegen außerhalb des Wasserschutzgebiets. Im theoretischen Fall eines Schadens würden unter anderem anhand der Grundwasserfließrichtung frühzeitig ermittelt werden können, welche Entnahmebrunnen weiterhin unbedenklich genutzt werden können. Ungeachtet dessen ist die Rotenburger Rinne keine isolierte Struktur, sondern Bestandteil eines vernetzten Rinnensystems, das vom Nordrand der niedersächsischen Mittelgebirge bis unter die Nordsee reicht.

Was ist, wenn das Erdgasunternehmen pleitegeht oder nicht mehr existiert, wenn ein Schaden festgestellt wird?

Auch dafür ist im deutschen Haftungsrecht Sorge getragen: Es gibt eine Bergschadensausfallkasse.

Der Landkreis Rotenburg als Untere Wasserbehörde würde dem Verpressen von Lagerstättenwasser nur zustimmen, wenn die Unternehmen nachweisen, dass sie auf lange Sicht das Grundwasser nicht gefährden. Ein solcher Nachweis sei nicht möglich. Es bleibe immer ein Restrisiko. Was sagen sie dazu?

Es wird seit vielen Jahrzehnten Lagerstättenwasser verpresst, ohne das Trinkwasser zu gefährden, auch im Landkreis Rotenburg. Die Erfahrung zeigt: Der Trinkwasserschutz ist zu gewährleisten.

Bleibt ein Restrisiko fürs Trinkwasser? Unlängst wurde bei einer Lagerstättenleitung in Völkersen festgestellt, dass Benzol durch Plastikrohre hindurch in die Umwelt gelangen kann. Das haben bis dahin die Fachleute nicht für möglich gehalten.

Ich kann mich zu Vorgängen anderer Unternehmen nicht äußern. Bei allen mir bekannten Vorfällen hat es allerdings in keinem Fall eine Gefährdung des Trinkwassers gegeben.

Exxon pumpt Millionen Kubikmeter giftige Abwasser aus der Erdgasförderung ins Erdreich. Privatleute, die ihre Autowäsche auf dem eigenen Grundstück machen, können sich gewaltigen Ärger mit den Behörden einfangen – schließlich könnte ja das Grundwasser gefährdet werden. Wie sehen sie das?

Trinkwasserschutz hat immer Priorität, daher wird der Bohrplatz versiegelt, ähnlich wie Tankstellen, auf denen Autowäschen stattfinden. Die Bohrung ist zudem mehrfach verrohrt und zementiert.

Es scheint so, als seien die Vorgaben fürs Autowaschen strenger als fürs Versenken von giftigem Lagerstättenwasser.

Das ist schlicht falsch. Beim Autowaschen geht es darum, dass es nicht zu einer Verunreinigung von oben kommt. Daher ist es nur auf versiegelten Flächen zugelassen. Bei der Verpressung von Lagerstättenwasser kommt zu der Versiegelung noch der Schutz im Untergrund hinzu.

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