Im Ersten Weltkrieg litten die Menschen unter extremer Lebensmittelknappheit / Ausstellung im Kreishaus Kartoffeln gab es nur gegen Bezugskarte

Landkreis Osterholz. "Was viele nicht wissen: Aus dem Wasser der abgekochten Kohlrübe oder aus dem ausgepressten Saft derselben lässt sich durch Einkochen ein vorzüglicher Kohlrüben-Fleisch-Extrakt gewinnen". Diesen Tipp zur Zubereitung von Ersatz-Fleisch hielt Ida Keller 1917 in ihrem "Kohlrüben-Kriegskochbuch" fest. Zu dieser Zeit hatte die Ernährungskrise im Deutschen Reich ihren traurigen Höhepunkt erreicht. Nach der Kartoffel-Missernte war die Steckrübe für einen Großteil der Bevölkerung zum Hauptnahrungsmittel geworden - auch wenn sie nur ein Drittel des Nährwerts der Kartoffel hatte. Ida Kellers Rezepte waren gefragt.
19.02.2011, 05:00
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Von Lutz Rode

Landkreis Osterholz. "Was viele nicht wissen: Aus dem Wasser der abgekochten Kohlrübe oder aus dem ausgepressten Saft derselben lässt sich durch Einkochen ein vorzüglicher Kohlrüben-Fleisch-Extrakt gewinnen". Diesen Tipp zur Zubereitung von Ersatz-Fleisch hielt Ida Keller 1917 in ihrem "Kohlrüben-Kriegskochbuch" fest. Zu dieser Zeit hatte die Ernährungskrise im Deutschen Reich ihren traurigen Höhepunkt erreicht. Nach der Kartoffel-Missernte war die Steckrübe für einen Großteil der Bevölkerung zum Hauptnahrungsmittel geworden - auch wenn sie nur ein Drittel des Nährwerts der Kartoffel hatte. Ida Kellers Rezepte waren gefragt.

Welche Ausmaße die Krise damals annahm, daran erinnert eine kleine Ausstellung, die ab dem 21. Februar im Kreishaus in Osterholz-Scharmbeck zu sehen ist. Ihr Titel: "Im Interesse der hungernden Bevölkerung - die Gründung des Landkreistages im Ersten Weltkrieg".

Die Landräte der preußischen Landkreise störte es damals mächtig, dass sie wichtige Aufgaben bei der staatlichen Lebensmittelbewirtschaftung übernahmen, sie aber bei der Verteilung der knappen Lebensmittel durch die Reichsstellen und bei der Ausarbeitung gesetzlicher Regelungen kein Wörtchen mitreden durften. Also schlossen sich die meisten von ihnen am 8. September 1916 zum Verband der preußischen Landkreise zusammen, um sich Gehör zu verschaffen - Lobbyarbeit würde man das wohl heute nennen. Vertreter von 343 preußischen Kreisen waren bei der Gründungsversammlung dabei, mehr als 70 Prozent der preußischen Kreise.

Schon im Sommer 1914 war es im Deutschen Reich zu ersten Engpässen bei der Lebensmittelversorgung gekommen. Die britische Seeblockade hatte mit dazu beigetragen, dass Agrarprodukte nicht mehr wie vor dem Krieg importiert werden konnten. Die deutsche Landwirtschaft war nicht in der Lage, diese Einschnitte auszugleichen. Im Gegenteil: die Agrarproduktion sank während des Krieges um rund ein Drittel. Die Folge: Lebensmittel wurden immer knapper und mussten rationiert werden: erst Brotgetreide, später Kartoffeln, Butter, Eier, Fleisch und Zucker.

Der Erfolg war mäßig: Schleichhandel und Schwarzmarkt blühten. Wer genug Geld hatte, deckte sich dort mit Lebensmitteln ein. Denn von den zugewiesenen Nahrungsmitteln konnte kein Erwachsener wirklich satt werden, wenn es sie denn überhaupt gegen Vorlage der Bezugskarten gab. Eine Postkarte von 1916 spricht genau das Problem in Reimform an: "Für Fleisch, für Brot und Butter, für Milch und Hundefutter, Petroleum und Licht, für Seife, Zucker, Eier, für Wurst und ,Tante Meier', man Karten Dir verspricht, doch Ware kriegst Du nicht."

Auch im Landkreis Osterholz waren die Auswirkungen der Lebensmittelknappheit zu spüren, wie die Eintragungen in die Sandhausener Schulchronik belegen, die Kreisarchivarin Gabriele Jannowitz-Heumann als Ergänzung zur Wanderausstellung bereitgestellt hat: "Groß war auch in diesem Jahr die Teuerung und Knappheit der Lebensmittel", hielt Lehrer Reuter im September 1915 handschriftlich fest. Da es in der Region nicht genügend Kartoffeln gab, hatte die Osterholzer Kreisverwaltung aus dem Osten und der Provinz Sachsen mehrere Waggons anliefern lassen. "Dieselben waren allergeringster Qualität, und doch freute sich jeder, wenn er nur welche bekam", schrieb Lehrer Reuter.

In ihrer Not entdeckten offenbar auch viele Städter ihre Liebe fürs Landleben. Laut Lehrer Reuter "überschwämmten" die Städter sonntags förmlich die Dörfer bis tief ins Moor hinein. "Sie bekamen auch meistens ihre Rucksäcke voll."

Für die Landwirte war der Verkauf der Lebensmittel offenbar ein einträgliches Geschäft: Wer mehr als den staatlich festgesetzten Preis zahlte, für den fand sich immer noch etwas in den Vorratskammern der Bauern. Die schwierige Lage hatte auch ihre positiven Seiten: So mancher Stadtmensch änderte nämlich seine Meinung über die Landbevölkerung. Statt geringschätzend auf den Bauern und Landmann herabzusehen, erkenne der Städter nun auch, dass der "Klutenpedder" auch ein Mensch sei, ja sogar ein guter, heißt es in der Schulchronik.

Die Not der Menschen in der Region war so groß, dass Kinder zum Bucheckern-Sammeln geschickt wurden. Wer mit dem Zug in die Wälder fuhr, erhielt von den staatlichen Stellen eine Fahrpreisermäßigung. "Schüler nebst Aufsichtspersonen fahren zum halben Preis", hieß es zum Beispiel in einer Anzeige, die 1918 im Kreisblatt für den Landkreis Osterholz veröffentlicht wurde.

Auch in den Fabriken von Scharmbeck war die Lebensmittelknappheit zu spüren. So wird berichtet, dass die Reiswerke während des Ersten Weltkrieges keinen Reis zur Herstellung von Reisstärke verarbeiten durften. Die damaligen Leiter der Fabrik veranlassten daraufhin als Notmaßnahme, aus Kastanien einen Stärkeersatz herzustellen.

Besonders hart von der Ernährungs- und Lebensmittelkrise betroffen waren die ärmeren Bevölkerungsschichten, die nicht genügend Geld und Wertsachen hatten, um sich auf dem boomenden Schwarzmarkt mit dem Fehlenden einzudecken. Mit der Einrichtung von öffentlichen Suppenküchen versuchten die Kommunen die Not der hungernden Bevölkerung zu lindern. Auch in Scharmbeck wurde 1917 eine Kriegsküche eingerichtet, wie das Kreisblatt für den Kreis Osterholz am 28. April berichtete. 3,85 Mark kosteten die Karten für eine einwöchige Mittagsverpflegung. Mit einiger Wahrscheinlichkeit befand sich die Kriegsküche im Schützenhof.

Die Osterholzer Kreisverwaltung kümmerte sich um die Verteilung von Lebensmitteln, wie weitere Zeitungsinserate belegen. So teilte das damalige Wirtschaftsamt per Annonce immer wieder den Verkauf von Lebensmitteln an. Im Juli 1918 waren es zum Beispiel 125 Gramm getrocknete Erbsen zu 40 Pfennig das Pfund, die gegen Vorlage einer Brotkarte erworben werden konnten. An anderer Stelle wurden Magergänse zum Preis von 19 Mark angeboten, und auch Marmelade gelangte zum Verkauf - 125 Gramm für eine Mark.

Trotz dieser Bemühungen, den Hunger der Menschen zu lindern, gelang es nicht, die Ernährungskrise in den Griff zu bekommen. Ab dem dritten Kriegsjahr ließen sich die Folgen der Mangelernährung auch statistisch nachweisen. Die Sterblichkeitsrate bei Kindern, insbesondere bei Säuglingen, nahm seit 1916 in den Ballungsgebieten deutlich zu. Rachitis, Tuberkulose und Blutarmut breiteten sich aus. Insgesamt rund 750000 Menschen starben während des Krieges im Deutschen Reich an Unterernährung und deren Folgen.

Für die Bewirtschaftung der einzelnen Nahrungsmittel wurden Kriegsgesellschaften und Reichsstellen wie die Kriegs-Getreidegesellschaft und die Reichskartoffelstelle gegründet. Sie waren für die Verteilung der Bestände zwischen Bedarfs- und Überschussbezirken zuständig.

Im Frühjahr 1916 endete die Phase des improvisierten Aufbaus mit der Gründung des Kriegsernährungsamtes. Den regionalen Unterbau dieses Systems der staatlichen Nahrungsmittelbewirtschaftung bildeten in Preußen die Stadt- und Landkreise. Mit Kriegsbeginn wurden alle Landräte für "unabkömmlich" erklärt. Begleitend zur Mobilisierung sollten sie sich um die Fürsorge für die Familien der Kriegsteilnehmer, um die Organisation von Spendensammlungen und vor allem um die Sicherung der Ernährung der Bevölkerung kümmern. Die Landkreise sollten Getreide, Kartoffeln, Vieh, Gemüse aufbringen und den Bedarfsverbänden zuführen. Um den Ankauf der Nahrungsmittel bei den Erzeugern und die Verteilung an die Endverbraucher zu organisieren, gründeten die Landkreise spezielle Kriegswirtschafts-Gesellschaften, die in den üblichen handelsrechtlichen Formen arbeiteten.

Der Erste Weltkrieg forderte insgesamt zehn Millionen Menschenleben. Hinzu kamen 20 Millionen Verwundete. In der Liste, die Johann Segelken in seinem Heimatbuch für Osterholz-Scharmbeck veröffentlicht hat, finden sich die Namen von 231 gestorbenen Soldaten. Wer im Kreisblatt aus jenen Jahren blättert, findet dort die Todesanzeigen der Männer, die, wie es dort oft hieß, "den Heldentod fürs Vaterland" starben.

Die Ausstellung "Im Interesse der hungernden Bevölkerung - die Gründung des Landkreistages im Ersten Weltkrieg" ist noch bis zum 15. April im Foyer des Kreishauses in Osterholz-Scharmbeck zu den üblichen Öffnungszeiten der Kreisverwaltung zu sehen. Ursula Villwock von der Kreisverwaltung ist noch auf der Suche nach Original-Lebensmittelkarten aus der Zeit. Sie ist unter Telefon 04791/303245 zu erreichen.

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