Intensivunterricht für junge Migranten: IGS richtet in Grasberg eine Sprachlernklasse ein

Kein Kind soll auf der Strecke bleiben

Die Palästinenserkinder Amani und Ella malen mit Bleistiften Schlaufen aufs Papier: Schwungübungen für die deutsche Schreibschrift. Die Thailänderin Fern lernt die Worte Tasche, Stift und Tafel. Weil immer mehr Flüchtlingskinder kommen, die kein Wort Deutsch sprechen, hat die Integrierte Gesamtschule (IGS) eine Sprachlernklasse eingerichtet.
10.03.2015, 00:00
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Kein Kind soll auf der Strecke bleiben
Von Undine Zeidler
Kein Kind soll auf der Strecke bleiben

Lehrerin Ute Rossol lobt und unterstützt die Kinder beim Lernen. Deutsch ist für die Jungen und Mädchen eine Fremdsprache.

Hans-Henning Hasselberg

Die Palästinenserkinder Amani und Ella malen mit Bleistiften Schlaufen aufs Papier: Schwungübungen für die deutsche Schreibschrift. Die Thailänderin Fern lernt die Worte Tasche, Stift und Tafel. Weil immer mehr Flüchtlingskinder kommen, die kein Wort Deutsch sprechen, hat die Integrierte Gesamtschule (IGS) eine Sprachlernklasse eingerichtet.

„Brennen, brannte, gebrannt“, liest Weronika aus ihrer Mappe vor. „Dürfen“, gibt sie Daniils als Nächstes vor. „Keine Ahnung“, sagt der Junge aus Lettland. Die Klassenkameradin aus Polen hilft: „Durfte, gedurft.“ Die beiden fragen sich im Flur der Grasberger Außenstelle der IGS unregelmäßige Verben ab. Im Klassenraum nebenan herrscht arbeitsame Stille. Amani und Ella aus Palästina ziehen mit ihren Bleistiften Schlaufen über das Papier: Schwungübungen für die deutsche Schreibschrift. Neben ihnen schreibt Fern die thailändische Übersetzung zu „Tasche“, „Stift“ und „Tafel“ in ihr Heft. Dazu klappern Plastikplättchen von Lernspielen. Die Brüder Mohan und Tomica aus Serbien üben Vokabeln in der neuen Sprachlernklasse der IGS Lilienthal, von der Schule auch „Willkommensklasse“ genannt.

„Weil wir Kinder hatten, die kaum ein Wort Deutsch konnten“, erklärt die Schulleiterin Karina Kögel-Renken, habe die IGS die neue Klasse eingerichtet. Erst kam ein Flüchtlingskind, dann das zweite und das dritte; es wurden noch mehr. Kögel-Renken weiß: „Es ist davon auszugehen, dass immer wieder Kinder kommen.“ Ende Januar beantragte die IGS bei der Landesschulbehörde eine Sprachlernklasse. Im Februar lag die unbefristete Genehmigung auf Kögel-Renkens Schreibtisch. Dazu beigetragen hat die IGS-Lehrerin Ute Rossol. Über zehn Jahre hat sie schon Kinder und Erwachsene in Deutsch als Fremdsprache (DAF) unterrichtet. Diese Qualifikation sei Voraussetzung für die Sprachklasse gewesen, sagt Kögel-Renken. Eine zusätzliche Lehrkraft bekam die IGS nicht.

Polin will perfekt Deutsch sprechen

Dienstags, donnerstags und freitags treffen sich nun im Leseraum der IGS-Außenstelle in Grasberg Schüler aus fünften bis siebten Klassen. Acht sind es an diesem Morgen; einige von ihnen leben erst seit ein paar Wochen in Deutschland. Ute Rossol holt jeden da ab, wo er gerade steht. Fern spricht sie vor: „Groß, klein, krank.“ Die Thailänderin murmelt nach, „dick, dünn, leicht“. Das „ch“ scheint so gar nicht für ihre Zunge gemacht. Rossol wiederholt es, lässt es die Schülerin immer wieder sprechen, bis sie zufrieden nickt. Dann lobt die Lehrerin die Schwestern Amani und Ella für ihre Schriftübungen. Das brauchen sie. „Sie müssen das lesen können und wissen, wie es funktioniert“, begründet Rossol die Arbeit an der Schreibschrift. Sie ist zuversichtlich: „In zwei Wochen können sie das.“

Weronika lebt schon länger in Deutschland. Am Anfang, als die Schüler übten: „Ich heiße...“ und „Wie heißt du?“ seufzte sie: „Für mich ist das ein bisschen langweilig.“ Aber spätestens bei den unregelmäßigen Verben jammert sie: „Ich kann das nicht.“ Ute Rossol weiß eben, was der 14-Jährigen noch fehlt auf dem Weg zu ihrem Ziel: „Ich will perfekt Deutsch sprechen.“ Vielleicht will sie später einmal Ärztin werden. Weronika erzählt, bei Ute Rossol habe sie schon viel gelernt. Bisher in Einzelstunden. Jetzt in der Sprachlernklasse. Wie lange Weronika, Daniils, Amani, Ella, Fern und die anderen Mitschüler bei Ute Rossol in dieser Klasse lernen werden, hängt auch von ihnen selbst ab. „Es ist nicht gedacht, dass die Schüler zwei Jahre hier bleiben“, sagt Rossol. „Die Förderzeit soll geringer werden.“ Wie schnell, das können die Schüler selbst beeinflussen. Wer offener sei und viel mit den deutschen Klassenkameraden spreche, der lerne schneller Deutsch. Wie Weronika. Sie hat viele Freundinnen und sie treffen sich fast jeden Tag, das erzählt sie fröhlich. Damit sie und ihre Mitschüler diese Kontakte nicht verlieren, lernen sie montags und mittwochs in ihren Regelklassen.

Nicht nur Schüler der IGS profitieren von der neuen Sprachklasse. Ute Rossol unterrichtet auch Schüler der Haupt- und Realschule Worpswede und des Gymnasiums Lilienthal. Etwa Maja. Fein säuberlich schreibt sie zu einer Bildergeschichte Sätze auf. „Es geht so“, seufzt sie über diese Aufgabe. Kurz darauf werden Weronika und Daniils sich gegenseitig unregelmäßige Verben im Perfekt diktieren.

Ute Rossol erwartet in den kommenden Wochen und Monaten noch mehr Schüler. Sie geht davon aus, dass unter den angekündigten Flüchtlingen für Lilienthal, Grasberg und Worpswede Kinder im schulpflichtigen Alter sein werden. Für sie genauso wie für jedes Kind, das schon da ist, sagt die IGS-Schulleiterin Karina Kögel-Renken: „Jugendliche schulisch, und beruflich abzuhängen können wir uns gesellschaftlich nicht leisten.“ Die Sprachklasse hilft auf verschiedene Weise, in den anderen Klassen könne ruhiger gearbeitet werden und: „Wir tragen dazu bei, dass diese Kinder nicht auf der Strecke bleiben.“

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