Raphael Bonelli hält Vortrag über Schuldgefühle / Volles Haus und viele Denkanstöße beim Loccumer Kreis

„Keiner sagt, ich bin Täter“

Schuldfragen verschiedenster Art scheinen im Kreisgebiet viele Menschen zu bewegen. Entsprechend gut besucht war am Donnerstagabend ein Vortrag des Wiener Psychiaters Raphael Bonelli. VON KIM WENGOBORSKIOsterholz-Scharmbeck.
16.03.2013, 05:00
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Von Kim Wengoborski
„Keiner sagt, ich bin Täter“

Gemeindehaus St. Willehadi Loccumer Kreis Vortrag Dr. Raphael M. Bonelli Die Schuldfrage in der Psychotherapie

Schuldfragen verschiedenster Art scheinen im Kreisgebiet viele Menschen zu bewegen. Entsprechend gut besucht war am Donnerstagabend ein Vortrag des Wiener Psychiaters Raphael Bonelli. VON KIM WENGOBORSKIOsterholz-Scharmbeck.

Über die Besucherzahl bei der letzten Veranstaltung des Loccumer Kreises im laufenden diesem Winterhalbjahr, waren die Gastgeber vollkommen überrascht. Mehr als doppelt so viele Stühle wie sonst mussten im Gemeindehaus der St.-Willehadi-Kirche hinzugezogen werden. Mitveranstalter Erhard Mackenberg führte den Ansturm auch auf den Vorbericht unserer Zeitung zurück.

Die Schuldfrage in der Psychotherapie interessierte viele Kreisstädter, die allerdings – von uns befragt – fast durchweg nicht mit Namen genannt werden wollten. Schon im Vorfeld hatten sich viele Sitznachbarn zu Gesprächen über Schuld und Unschuld zusammengefunden. Da berichtete ein Kreisstädter über seinen Sohn, der ihm die Schuld für seine missliche Lebenslage in die Schuhe schiebe. "Und die Psychotherapeuten unterstützen ihn auch noch in dieser Meinung", bedauerte er.

Beispiele aus der Praxis

Genau das, so erzählte Bonelli, solle nicht die Aufgabe einen Psychotherapeuten sein. Bonelli, der an diesem Abend sein Buch "Selber Schuld: Ratgeber aus seelischen Sackgassen" vorstellte, berichtete von Fällen aus seiner eigenen Praxis. So etwa von Ehemännern und Ehefrauen, die nach einigen gemeinsamen Jahren nichts Gutes mehr aneinander finden können, und die Schuld immer beim Anderen suchen. "Bei mir auf der Couch sitzen immer nur Opfer, keiner kommt von selbst und sagt: ,Ich bin Täter’", berichtete Bonelli.

Ziel seiner Therapie sei es, den Menschen bewusst zu machen, dass auch sie Fehler haben. "Die werden allerdings häufig verdrängt, und Verdrängung macht unfrei und unflexibel für Entwicklung", so der Wiener Psychiater. "Der Schmerz, den Schuldgefühle hervorrufen, ist ein wichtiges Warnsignal: Wer ihn nicht beachtet, verletzt sich immer weiter", sagte Bonelli.

Erhard Mackenberg meint, insgesamt eine gesellschaftliche Tendenz zu weniger Schuldgefühlen zu beobachten. "Früher konnte man noch über eigene oder die Fehler des anderen reden, heute erlebe ich das kaum noch. Nie ist jemand selbst schuld", erzählte Mackenberg. Die Vortragsgäste zeigten sich besorgt angesichts dieser Entwicklung: "Ist das nicht unheimlich schlecht für die Gesellschaft? Das macht mir Angst!", bekannte eine Besucherin.

Auf Schuld- und Verantwortungsfragen aus der deutschen Geschichte wollte Bonelli nicht eingehen. Sehr zum Leidwesen einiger Gäste, denen der Aspekt offenkundig sehr wichtig war. Anderen aber schien das Thema eher unangenehm und sie waren froh, als Bonelli es schnell beendete.

Auch der Umgang mit schwerwiegenden Schuldfragen in Bezug auf Tod, zum Beispiel bei einem Autounfall mit einem Familienmitglied, gestaltete sich als schwierig. "Hier können wir Therapeuten kaum noch helfen, da muss ein Seelsorger her", räumte Bonelli ein. In diesem Punkt – und auch bei einigen Praxis-Anekdoten über notorische Lügner und Fremdgeher – waren jedoch nicht alle Zuhörer seiner Meinung. "Wer, wenn nicht wir, kümmert sich um die Menschen, die wirklich schwere Schuld auf sich geladen haben?", fragte eine Psychotherapeutin. "Es ist unsere Aufgabe, diese Schuld mit den Menschen auszuhalten und ihnen den Umgang damit zu erleichtern."

Andere Fachkollegen ärgerten sich, der Psychiater nehme ihre Arbeit auf die Schippe. Sie hätten sich nach eigenem Bekunden "inhaltlich differenziertere" Aussagen gewünscht. Mackenberg jedoch betonte, der Sinn dieses Vortrags liege vor allem darin, "ein eigentlich sperriges Thema" so zu gestalten, dass sich viele darin wieder erkennen. Der eingangs erwähnte Vater konnte Bonellis Ausführungen, wie er sagte, einiges abgewinnen: "Viele Gedanken wurden angeregt und es hat mich bestätigt, dass man nicht immer anderen die Schuld zuschieben kann, sondern an sich selbst arbeiten muss."

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