Bauern und Naturschützer kooperieren

Kiebitz und Brachvogel sollen überleben

In den Truper Blänken schützen die Landwirte Kiebitznester. Doch sie wehren sich gegen neue Naturschutz-Auflagen der Kreisbehörde. Dann sei es vorbei mit den freiwilligen Aktionen, drohen die Bauern.
18.06.2018, 19:12
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Wilke
Kiebitz und Brachvogel sollen überleben

Eine Kiebitzmutter hockt mit ihren Küken im Gras. Vier Wochen dauert es, bis die Kleinen flügge werden.

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Lilienthal. Früher war der große Brachvogel in den Truper Blänken zu Hause. Der graubraun gefleckte Vogel stakste über Sumpfwiesen und stocherte mit dem langen Schnabel im Boden nach Nahrung. Schwarz-weiß gefiederte Kiebitze brüteten in Scharen in der nassen Niederung, Bekassinen gehörten zum gewohnten Bild. Das war einmal. Nach jahrzehntelanger Entwässerung sind viele Wiesenvögel zu Raritäten geworden. Landwirte und Naturschützer wollen dafür sorgen, dass die vom Aussterben bedrohten Arten in den Truper Blänken überleben.

Ein Brachvogelpaar nistet noch irgendwo im Landschafts- und Naturschutzgebiet, das sich hinter den letzten Bauernhöfen im Ortsteil Trupe vom Wümmedeich in Richtung Frankenburg dehnt. Gunnar Siedenburg, Experte der Biologischen Station Osterholz (Bios), hat in diesem Jahr 20 Kiebitzpaare gezählt. „Kann sein, dass irgendwo auch noch eine Bekassine brütet“, sagt der Umweltwissenschaftler der Redaktion.

Im Hofladen der Hofmolkerei Dehlwes sitzt Siedenschnur mit zwei Truper Landwirten am Tisch und redet über das Projekt zum Schutz der Wiesenvögel, das ins zweite Jahr geht. Was den 37-Jährigen freut, ist, dass die Bauern mitziehen: „Toll, dass wir hier zusammensitzen und vernünftig miteinander reden.“ Wenn die acht beteiligten Landwirte auf Vogelnester stoßen, machen sie einen Bogen um die Gelege und informieren die Bios. „Eine schöne Entwicklung“ sei das, findet Siedenschnur. „Wir sind ja nicht jeden Tag draußen und finden nicht jedes Gelege.“ Naturschützer markieren die Nester mit Bambusstäben. Die Bauern lassen den Streifen wie er ist. Es gibt Prämien als Ausgleich. Julian Ahrens (22) und Thomas Dehlwes (27) sagen, dass sie auf das Geld verzichten. Sie wollen nicht davon abhängig sein.

Die Bauern fahren mit Siedenschnur in die Blänken. Vor einem Maisacker springen sie aus dem Wagen. Auf dem Feld von Julian Ahrens fühlen sich die Kiebitze wohl. Um ihre Nester vor Füchsen oder Mardern zu schützen, haben Landwirte und Naturschützer einen 900 Meter langen Elektrozaun um den Acker gezogen. Nun stehen sie vor dem niedrigen Zaun, der den Fuchs auf Abstand hält. Der Wind pfeift, nebenan grasen Pferde auf einer struppigen Wiese.

„Diese Fläche ist bei den Kiebitzen sehr beliebt“, erklärt Ahrens, der den elterlichen Hof eines Tages übernehmen wird und Jäger ist wie sein Vater. Fünf Nester fand er im vergangenen Jahr. „Wir haben die Fläche nicht bearbeitet, aber nach zwei Wochen waren alle Gelege ausgeräumt.“ Der 22-Jährige vermutet, dass der Fuchs die Eier oder die geschlüpften Jungvögel vernascht hat. In diesem Jahr hat es keine Verluste gegeben. Siedenschnur deutet auf die angrenzende Wiese. „Wenn die Kiebitze auf dem Acker gebrütet haben, gehen sie mit ihren Jungen rüber, weil es da wassergefüllte Senken gibt, wo sie Nahrung und Versteckmöglichkeiten finden.“ In kleinen Nischen wachsen die Gräser kniehoch. Es dauert vier Wochen, bis die Kleinen flügge sind.

Der Naturschützer Gunnar Siedenschnur und die Landwirte sind sich einig: „Es geht nur so, auf freiwilliger Basis.“ Doch Dehlwes und Ahrens fürchten strengere Auflagen der unteren Naturschutzbehörde im Kreishaus. Die ist mit Hochdruck dabei, die Vorgaben der EU zum europaweiten Schutz der natürlichen Lebensräume umzusetzen. Der Kreis ist spät dran, was nicht seine Schuld ist. Bund und Land haben die Direktiven aus Brüssel auf die lange Bank geschoben. Nun drohen Strafgelder.

„Naturschutz funktioniert nur freiwillig, nicht durch Auflagen“, sagt Julian Ahrens. Die Landwirte sind bereit, Nester und Biotope zu schützen, Randstreifen stehen zu lassen oder hier und da fünf Meter breite Flutmulden, das sind Gräben mit flachen Ufern, anzulegen. „Wichtig ist für uns, dass der größte Teil der Flächen zu bearbeiten ist“, betonen Ahrens und Dehlwes. Ihre Familien leben von dem, was in den Truper Blänken wächst. Die Kühe brauchen den Mais und das junge Gras. Bei Ahrens stehen 200 Rinder im Stall, bei Dehlwes 250. Die Kredite für die Boxenlaufställe sind noch nicht abgezahlt. So ein Stall kostet je nach Größe eine halbe Million Euro, eine Million oder mehr.

50 Prozent der Flächen in den Truper Blänken würden ökologisch bewirtschaftet, wirft Dehlwes ein. „Da kann der Landkreis stolz drauf sein.“ Keine Pflanzenschutzmittel, kein Mineraldünger, keine Chemie, das sind Bioland-Kriterien. Der wunde Punkt liegt woanders. Um im gnadenlosen Wettbewerb mithalten zu können, sind die Landwirte gezwungen, ihre Wiesen vier- bis fünfmal im Jahr zu mähen. „Was wir nicht in den Griff bekommen, ist die intensive Nutzung“, weiß Siedenschnur. Für die Wiesenvögel wäre es am besten, wenn erst im Juni gemäht würde. Doch die Truper Bauern rücken mit ihren Treckern Ende April/Anfang Mai an. Einen Monat später mähen sie zum zweiten Mal. „Für uns ist wichtig, dass wir das junge Gras früh ernten“, erklärt Ahrens. „Die Inhaltsstoffe müssen ins Futter.“

Die Bauern fürchten sich vor dem, was im Kreishaus ausgebrütet wird. Die Truper Blänken gehören zu den Flora-Fauna-Habitat-Gebieten, die die EU schützen will. „Die Sicherung dieses Bereiches ist über die bisher gültigen Schutzregelungen hinaus erforderlich“, erklärt die Landkreis-Sprecherin Jana Lindemann. „Hierzu wird die Kreisverwaltung Ende des Jahres einen Vorschlag unterbreiten.“ Im Klartext: Es wird neue Auflagen geben. Dagegen wollen sich die Truper Bauern mit Händen und Füßen wehren. „Sollte es so kommen, dass uns sowas übergestülpt wird, dann wird es solche freiwilligen Projekte nicht mehr geben“, grollt Julian Ahrens. „Der Kreisverwaltung ist bewusst, dass es in diesem Bereich intensiv bewirtschaftete landwirtschaftliche Flächen gibt“, betont Lindemann. „Daher wird sie die Fragestellung sorgfältig beleuchten, wie Landwirte von dem Schutzgebiet betroffen sein könnten.“

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