Worpsweder Musikherbst

Klangtropfen und viel Rhythmus

Beim Finale des Worpsweder Musikherbstes wusste ein Bremer Schlagzeug-Ensemble in der Bötjerschen Scheune zu gefallen.
03.12.2017, 17:59
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Von Gudrun Scabell
Klangtropfen und viel Rhythmus

In der Bötjerschen Scheune war das gesamte Spektrum an Perkussions-Instrumenten und Klangfarben zu erleben.

Hans-Henning Hasselberg

Worpswede. Schlagkräftig, rhythmisch und mit lyrischen Passagen klang am Freitagabend der Worpsweder Musikherbst aus, den Ursula Siefken-Schulte, Vorsitzende des Vereins Podium Worpswede, seit nunmehr fünf Jahren mit viel Engagement organisiert. Das zahlreich erschienene Publikum honorierte die musikalische Reise mit Vibraphonen, Becken, Trommeln und anderen Schlaginstrumenten mit großem Beifall.

Gleich zu Beginn war den Zuhörern angesichts der Vielfalt und Besonderheit dieser Instrumente klar, dass das Konzert ein musikalisches Abenteuer werden würde. Sie wurden nicht enttäuscht, denn mit Bedacht und Begeisterung spielten die vier jungen Musiker von der Hochschule für Künste (HfK) ausnahmslos Stücke des 21. Jahrhunderts, also Kompositionen aus der Jetztzeit, geleitet und dirigiert von Professor Olaf Tzschoppe.

Das erste Stück mit dem sperrigen Titel „Autarke, funktionierende Musik“ von dem in Göttingen lebenden Bernd Schumann (geboren 1979) wurde durch dessen Reisen nach Asien und den dortigen, für einen Westeuropäer schwer zugänglichen religiösen Ritualen inspiriert. Und es wurde inspiriert von Schumanns Aufenthalten im ehemaligen Sowjetreich mit seinen typisch hohlen Propaganda-Zeremonien, vornehmlich in verbal-akustischer Form. So entstand eine Partitur für Geräusche und Klangbilder: mit dem tiefdunklen Gong des Tamtam, mit dem hohen, sirrenden Ton einer gestrichenen Paukenmembran, mit zarten, hell klingenden Klängen vom Vibraphon und mit ebensolchen Klangfarben der kleinen Becken.

Zwischenzeitlich ertönten immer wieder gesprochene Sätze und Satzfragmente aus der Bass-Box, Symbole sinnentleerter Wörter, Symbole von Worthülsen. Das folgende Stück des Iraners Meheran Sherkat Naderi (geboren 1986), ebenfalls Studierender an der HfK, das den Titel „Stiller Traum“ trägt, wurde eigentlich für den Rucksack komponiert. Was nichts anderes heißt, als dass es für kleinste Instrumente geschrieben wurde. Wobei die Komposition als solche nicht minimalistisch daher kam, im Gegenteil. Sie lebte von Klängen und Geräuschen ebenso wie von kleinen Szenen. So war das Klingeln eines Weckers, die hohen Töne einer Vogelpfeife, die Melodie einer Spieluhr oder das Klack Klack eines Uhrwerks zu vernehmen. Und immer wieder auch die feinen, hellen Klangfarben der Becken, nur unterbrochen von menschlichen Stimmen von der Ton-Konserve. In der Summe der Stimmen ein feines, subtiles Klangbild!

Anschließend war der 1977 geborene und in London lebende Japaner Dai Fujikura mit seinem Perkussions-Stück „Be II“ präsent, der Version für eine Viererbesetzung. Lyrisch anmutende Klangbögen des Vibraphons entfalteten sich und durchzogen den weitläufigen Scheunenraum, Trommeln und Becken markierten dynamische Akzente, bis dann die große Gongschale angeschlagen wurde und ihr dunkel vibrierender Ton leiser werdend verklang. Und sich Stille ausbreitete.

Einen fast kammermusikalischen Anstrich hatte „Threads“ von Paul Lansky (geboren 1944), eine Komposition in zehn Sätzen, die als Auftragswerk für zwei Vibraphone entstand. Die Studierenden Moritz Koch, Lukas Kuhn, Sol Yun und Corey Rae spielten dieses Stück in Eigenregie, ohne das Dirigat von Olaf Tzschoppe, immer mit Blickkontakt untereinander und mit feinen, sauberen Einsätzen. Hier entfaltete sich das gesamte Spektrum an Perkussions-Instrumenten und Klangfarben: weitschwingende, lyrische Klangbögen der Vibraphone mit wiederkehrendem Thema, kraftvoller Rhythmus der Pauken und Trommeln, helle und klare Klangtropfen der Flaschenformation sowie obertönige und Akzente setzende Kuhglocken. Mit der Zugabe, einer melodienreichen Komposition für zwei Marimbaphone von dem in Kassel wirkenden Jürgen Pawasser, wurde die Scheune dann endgültig zum Klingen gebracht. Es war ein wunderbarer Schlusspunkt für einen Konzertabend, der die Besucher in faszinierende Klangwelten entführte.

Den Schwerpunkt der Herbst-Konzerte von Podium Worpswede bildet die zeitgenössische Musik, immer aber auch in Gegenüberstellung mit Kompositionen der Klassik und Romantik. Neue und spannende Werke aufzuspüren und sie mit renommierten Ensembles und Musikern aufzuführen, hat sich der Verein zur Aufgabe gemacht. Dass auch die Landesregierung in Hannover an einer neuen, kreativen Musikszene interessiert ist, belegt die Tatsache, dass sie Komponisten aus ganz Deutschland mittels Stipendien fördert. So entstehen innovative Kompositionen, die besonderer Aufführungsorte bedürfen. Worpswede mit der Bötjerschen Scheune ist im Laufe der letzten Jahre, Dank Podium Worpswede, ein solcher Ort geworden – für das Künstlerdorf und sein Projekt „Worpswede zeitgenössisch“ ein nicht hoch genug zu schätzender Beitrag.

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