Bremer Sozialpädagogin berichtet von ihren Begegnungsreisen für Jugendliche aus Israel und Palästina

Klasing: Nur der Dialog ist der Weg

Scharmbeckstotel. Mit ihrem Vortrag über die „Möglichkeiten und Grenzen der Friedensarbeit in Israel und Palästina im Kontext asymmetrischer Machtverhältnisse“ fesselte Anette Klasing ihre Zuhörer, die auf Einladung des Fördervereins Kirche im Dorf ins Gemeindehaus der Friedenskirchengemeinde gekommen waren.
26.09.2015, 00:00
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Von Ilse Okken
Klasing: Nur der Dialog ist der Weg

Eine Mauer trennt Jerusalem und Bethlehem. Im Hintergrund sind jüdische Siedlungen, im Vordergrund vor der Mauer die Barackensiedlungen palästinensischer Beduinen zu sehen. OKI

Ilse Okken

Mit ihrem Vortrag über die „Möglichkeiten und Grenzen der Friedensarbeit in Israel und Palästina im Kontext asymmetrischer Machtverhältnisse“ fesselte Anette Klasing ihre Zuhörer, die auf Einladung des Fördervereins Kirche im Dorf ins Gemeindehaus der Friedenskirchengemeinde gekommen waren.

Die in Bremen zur „Frau des Jahres 2015“ gekürte Sozialpädagogin arbeitet seit über 20 Jahren im Lidice-Haus als Bildungsreferentin. Sie hat mehr als zwei Jahre in Bethlehem und Jerusalem zivile Friedensarbeit geleistet. Heute organisiert sie Begegnungsreisen, bei denen Jugendliche aus Deutschland, Israel und Palästina einander kennenlernen. Diese Seminare sind keine Einbahnstraße. Sie finden sowohl in Deutschland, wie auch in Israel und in Palästina statt. Dabei werden Berührungsängste eingedämmt und eine Annäherung durch gruppendynamische Prozesse oder Gespräche gesucht. Seminarsprache ist Englisch.

Auf politischer Ebene sei die Situation sehr verhärtet; ihr Anliegen sei die Annäherung zwischen Vertretern der jungen Generation, so die Referentin. Nach einem „Erklärvideo“ über die Hintergründe des Nahost-Konfliktes schilderte sie die Probleme, die das Leben der Jugendlichen und jungen Erwachsenen in beiden Ländern überschatten. Eine 750 Kilometer lange Sperranlage, höher als die Berliner Mauer, trennt seit 2003 die palästinensischen Autonomiegebiete in Gaza und im Westjordanland von Israel ab. Hoffnung auf Entspannung, die nach dem Osloer Abkommen von 1993 aufgekommen war, machte die Zweite Intifada zunichte: Militäraktionen und aggressive Siedlungspolitik der Israelis beantwortete die palästinensische Seite mit Autobomben und Selbstmordattentaten. Als Reaktion begann Israel 2002 mit dem Bau des acht Meter hohen Sicherheitszaunes, der auch Jerusalem und Bethlehem trennt. Um die israelischen Siedler in den Westbanks zu schützen, wurden weite Regionen Palästinas komplett abgeriegelt und Gaza blockiert. Personen, aber auch Lieferwagen, die die Mauer passieren wollen, brauchen eine Genehmigung, die nicht selten verweigert wird. Dieser Sicherheitszaun hat nicht nur zu einer Asymmetrie der Macht zwischen den beiden Ländern geführt, sondern auch eine Barriere in den Köpfen vieler Menschen geschaffen.

Teilnehmer unter hohem Druck

Anette Klasing versucht in ihren Seminaren, eine „schmerzliche Annäherung“ zwischen den jungen Leuten aus Israel und Palästina hinzubekommen und lotet dabei die Chancen und Grenzen dieser Dialogarbeit aus. In Israel selbst gebe es nur wenige Schulen, in denen jüdische und arabische Kinder gemeinsam unterrichtet würden. Ultraorthodoxe Juden hätten ihre eigenen Schulen und seien vom Militärdienst befreit. Dagegen würden Drusen und israelische Palästinenser, Beduinen, sephardische (aus dem Orient) und ashkenasische (aus Europa / USA) Juden sowie junge Siedler zum Militär eingezogen. Frauen dienen zwei Jahre, Männer drei Jahre.

Dennoch sei es in den Schulen Israels tabu, über das Militär, die Menschenrechte, Moral, die Diskriminierung dunkelhäutiger Juden oder den Rassismus gegenüber Arabern zu reden. Die in ihrer Mobilität durch die Mauer eingeschränkten Palästinenser haben geringe berufliche Aufstiegsmöglichkeiten. Kinder, die Steine auf israelische Soldaten werfen und ein Leben ohne Mauer gar nicht kennen, erhalten nicht selten lange Haftstrafen, so die Referentin. Andererseits gebe es viele gebildete junge Juden, die die Verhärtung der Fronten zur Abwanderung treibe. In Berlin lebten gegenwärtig 17 000 junge Israelis.

Die Teilnehmer aus Palästina stünden unter hohem Anpassungsdruck. Wer von dort an ihrem Dialogprogramm teilnehme, werde daheim dafür oft diskreditiert und müsse sich Verratsvorwürfe anhören, berichtete Klasing. Dennoch werde leidenschaftlich und heftig diskutiert. Traumatisierte Jugendliche aus Palästina, die Raketenangriffe erlebten, trugen Konflikte aus mit jüdischen Teilnehmern, die als Soldat in ihrer Heimat Dienst taten. Am Ende entschuldigte man sich gegenseitig für die verbalen Angriffe und begegnete sich auf Augenhöhe. Die Bremer Jugendlichen seien dagegen zu Beginn der Seminare eher passiv und scheuten vor der Parteinahme für eine Volksgruppe zurück.

Das ergebnisoffene Dialogprogramm soll bewirken, dass die Jugendlichen lernen, aufeinander zuzugehen und Vorurteile abzubauen. Wieder daheim, werden sie in Netzwerken und Peer-Gruppen aufgefangen. Denn „nur der Dialog ist der Weg“, meint Anette Klasing.

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