Kleiner Stein des Anstoßes

Der erste April liegt schon weit zurück, aber irgendwie fühlt sich so mancher Bramstedter in diesen Tagen leicht auf den Arm genommen. Hinrich der Erste, Bewahrer der heiligen Bramstedter Scholle und – inzwischen vielleicht doch etwas zur Vernunft gekommener – Retter vor der Leibeigenschaft unter der Knute der Einheitsgemeinde ist nicht zurückgetreten und auch nicht gestorben. Ja er lebt noch, er lebt noch!
28.06.2012, 18:54
Lesedauer: 3 Min
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Von Luise Bär

Der erste April liegt schon weit zurück, aber irgendwie fühlt sich so mancher Bramstedter in diesen Tagen leicht auf den Arm genommen. Hinrich der Erste, Bewahrer der heiligen Bramstedter Scholle und – inzwischen vielleicht doch etwas zur Vernunft gekommener – Retter vor der Leibeigenschaft unter der Knute der Einheitsgemeinde ist nicht zurückgetreten und auch nicht gestorben. Ja er lebt noch, er lebt noch!

Doch in der frisch renovierten Bramstedter Kampstraße steht seit einigen Wochen sein Gedenkstein. Der erste Bürgermeistergedenkstein, seit Menschen das Bramstedter Schwarzerdegebiet besiedelt haben! Eine Ehrung, die Lust auf mehr macht: Wird an seinem Geburtstag bald die Fahne hochgezogen? Oder vielleicht an Himmelfahrt? Wann beginnen die Prozessionen von Kampstraßenbewohnern um die Bramstedter Kirche, die erst ganz besonders von der kostenlosen "Renovierung" ihrer Straße profitiert haben und jetzt seine Seligsprechung fordern? Oder fordern sie doch gleich seine Scheinheiligsprechung? Wann werden wir den St. Hinnitag feiern? Und wofür würde dieser neue Heilige eigentlich zuständig sein? Wird die Bramstedter Jacobikirche umbenannt in Hinnidom – und was geschieht mit dem alten Altarbild? Ach, was gäbe ich nicht alles für die Antwort auf meine Fragen."

Dieser Leserbrief von Horst Riedel erreichte die Redaktion. Die machte sich auf den Weg, dem Stein des Anstoßes auf die Spur zu kommen.

Wer ein Monument am Straßenrand erwartet, wird enttäuscht. Der kleine, grün gestrichene Findling fällt kaum auf, die Plakette in Richtung Straßenfront erschließt sich mehr den Radfahrern und Fußgängern: "Bürgermeister Gedächtnisstein H. Bühring 2012".

Dorfnachrichten lassen sich bekanntlich von zurückgelassenen Duftmarken ablesen, zumindest gilt das für Hunde als sicher. Also lässt die Redaktion Edelschnüfflerin Putzi ran. Volltreffer: Da hat schon wer was hinterlassen, doch etwas Spektakuläres scheint es für die Hundenase nicht zu sein – sie wendet sich ab. Verführerischer riecht es da aus dem ebenfalls grün angestrichenen Kanalschacht, auf dem der Stein steht... – Terrier Putzi ist bekannt dafür, dass sie Ratten auf hundert Meter aufspüren kann.

Fragen wir den hier Geehrten selber. Hinrich Bühring lacht, er könne nichts dazu sagen. Da müssten die Anlieger gefragt werden, die den Stein dort aufstellten. Zu einer feierlichen Enthüllung mit Sekt, Musik und Party oder ähnlichem sei er jedenfalls nicht eingeladen worden. "Ein Umtrunk kann ja noch kommen", erklärt Anlieger Wilfried Klaus. Seine Nachbarn im betroffenen Bauabschnitt zwischen der Straße Am Vordel und Ortsausgang Richtung Harrendorf und er wollten mit dem Stein ein Danke an den Bürgermeister und dem Gemeinderat ausdrücken. Der Stein kam bei den Baumaßnahmen ans Tageslicht und spontan sei dann die Idee entstanden. "Wir haben gesammelt, alle Haushalte haben zwei Euro für die Plakette gespendet", sagte Klaus, der diese anfertigen ließ und vor dessen Grundstück der Stein nun steht.

Der besondere Dank gilt der Ratsentscheidung, die Straßensanierung als Reparatur für rund 120000 Euro umzusetzen, denn dafür werden keine Anliegerbeiträge fällig. Für einen Straßenneubau erhebt die Gemeinde 90 Prozent Anliegerbeiträge. Die seinerzeit eingeholte Kostenschätzung für den 450 Meter lange Straßenabschnitt lag bei 300000 Euro.

Der Gemeinderat und die Anlieger favorisierten die güngstigere Reparaturmaßnahme, die in zwei Abschnitte aufgeteilt wurde. Dazu erreichte uns ein weiterer Leserbrief von Udo Richter, der sich zum Gedenkstein auch seine Gedanken macht: "… jetzt werden schon lebende Bürgermeister von Bramstedt geehrt. Ich frage mich zu welchem Gedenken? Da fällt mir ein, dieser Abschnitt der Kampstrasse war bis kurz vor der Kommunalwahl in einem schlechten und jetzt in gutem asphaltierten Zustand, was ich als Radler spürte. Ich hoffe nur, dass das nichts mit der damaligen anstehenden Kommunalwahl zu tun hatte." Bei der hatte Hinrich Bühring ein überwältigendes Ergebnis erzielt – im Ort Bramstedt.

Zuvor war die Erneuerung beziehungsweise Reparatur der mit Asphalt überzogenen Kopfsteinpflasterstraße mit geordneter Ableitung des Regenwassers fast zehn Jahre lang im Gespräch, bis der Straßenabschnitt nun instandgesetzt wurde. Davor war der andere Teil der Kampstraße, in dem Bühring wohnt, saniert worden – damals übrigens mit Anliegerbeiträgen...

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