Aktiver Naturschutz Klimadebatte geht an Vereinen vorbei

Seit Monaten gehen Schüler und Erwachsene auf die Straße, um für mehr Klimaschutz zu demonstrieren. Auf Landesebene melden die Naturschutzverbände auch mehr Mitglieder. Doch die Basis spürt bisher wenig davon.
20.10.2019, 17:41
Lesedauer: 4 Min
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Klimadebatte geht an Vereinen vorbei
Von Brigitte Lange

Landkreis Osterholz. Die Sorge um ihre Zukunft auf einem Planeten, dessen Natur vom Klimawandel gebeutelt und bedroht wird, treibt seit Monaten weltweit die Menschen auf die Straßen. Auch im Landkreis Osterholz. Nicht nur Schüler und junge Leute machen der Politik Dampf, wollen Taten sehen statt Worte hören. Bei so viel Engagement könnte man meinen, dass die Naturschutzvereine und -verbände über einen Aufnahmestopp für neue Mitglieder nachdenken müssten.

Tatsächlich zählt der niedersächsische Landesverband des Naturschutzbundes (Nabu) aktuell mehr als 105 000 Mitglieder. Denn: „2018 sind 8000 neu dazu gekommen“, berichtet Pressesprecher Matthias Freter. Auch der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) registriert „kontinuierlich steigende“ Mitgliederzahlen. So zähle der Landesverband zurzeit etwa 36 500 Mitglieder, teilt Tonja Mannstedt (BUND) mit. 1800 davon seien 2018 in Niedersachsen beigetreten. Beide Verbände führen diese Entwicklung darauf zurück, dass – so Freter – „Klimakrise und Biodiversitätsverlust als Themen zunehmend wichtig für die Gesellschaft werden und eine Sensibilisierung diesbezüglich stattfindet“. Gleichzeitig muss BUND-Sprecherin Mannstedt aber auch feststellen: „Ein stärkeres Engagement vor Ort geht damit nicht einher.“ Freter bestätigt: Von den 105 000 Nabu-Mitgliedern in Niedersachsen werden nur 8000 als „aktiv“ geführt.

Diese Beobachtung machen auch die Naturschützer im Landkreis Osterholz. „Ich habe das Gefühl, wir rennen bei den Leuten offene Türen ein“, sagt etwa Hans-Gerhard Kulp. Würden sie die Menschen direkt ansprechen, würden diese dem BUND beitreten oder ihn mit Spenden unterstützen, hat der Vorsitzende des Osterholzer BUND-Kreisverbandes beobachtet. Die Zustimmung wachse. „Dass von ihnen aber welche mit anpacken, ist die Ausnahme.“ Plane der Kreisverband Aktionen, nehme er immer zu den Kreis-Mitgliedern Kontakt auf. „Resonanz bekomme ich darauf fast gar keine“, so Kulp. Trotzdem hat er den Eindruck, dass sich die Menschen – wenn sie lokal betroffen sind – vermehrt an Veranstaltungen beteiligten. Völlig unabhängig davon, ob sie in dem jeweiligen Verein Mitglied sind. „Kontinuierliche Mitarbeit, das ist das Problem“, ist Kulp überzeugt.

Nur zu gern würde auch Ortwin Vogel vom Ritterhuder Nabu neue und vor allem aktive Mitglieder begrüßen. Denn der Verein engagiert sich in vielen Projekten. Die überschaubare Zahl der aktiven Mitstreiter und deren durchschnittlich hohes Alter setzen dem Einsatz aber Grenzen. „Wir sind überaltert“, sagt Vogel. Das wachsende Interesse in der Bevölkerung für die Klimaproblematik, die Artenvielfalt, den Naturschutz ist ihm daher positiv aufgefallen. „Es rührt sich was“, sagt er und berichtet von Aufbruchstimmung in den einzelnen Ortsteilen von Ritterhude. So sei in Platjenwerbe etwa ein Arbeitskreis aus dem Stammtisch des Heimatvereins hervorgegangen, der sich für Insekten und Natur stark mache. Genau wie dieser Arbeitskreis hätten sich Bürger aus Ihlpohl und Stendorf mit Fragen zum Naturschutz an ihn gewandt. „Da bin ich auf ganz echtes, starkes Interesse gestoßen; das sollten wir ausbauen.“ Vogel wäre froh, wenn alle, die „da gerade mit den Hufen scharrten“, auch im Nabu mitarbeiten würden. „Was sie machen wollen, sollen sie natürlich selbst entscheiden.“ Er wolle sie dabei aber gern beraten. „Jeder soll aktiv mitmachen.“ Nur: Daran hapere es noch.

So meldet auch Peter Heyer Ähnliches für den Nabu in Osterholz-Scharmbeck: „Eigentlich müsste man meinen, dass uns die jungen Leute die Türen einrennen.“ Dem sei aber nicht so. Dass die Leute für mehr Klimaschutz auf die Straße gingen und demonstrierten, befürwortet Heyer. Einige der jungen „Fridays-for-Future“-Aktivisten aus dem Landkreis seien auch Mitglied im Nabu Osterholz-Scharmbeck, weiß er. Bei Veranstaltungen und Aktionen der Ortsgruppe habe er sie aber leider noch nicht gesehen.

Zugleich merkt die Nabu-Ortsgruppe durch ihr Projekt „Parzelle 115“, wie stark das Interesse am Naturschutz gestiegen ist. Wenn sie ihren „Naturgarten“ im Kleingartenverein für Besucher öffne, um ihnen das Zusammenspiel von Pflanzen, Insekten, Vögeln und anderen Tieren in einem naturnah gestalteten Garten zu zeigen, dann „haben wir viel Zulauf“, bestätigt Heyer. 60 bis 70 Personen seien zur jüngsten Veranstaltung gekommen und hätten sich Tipps für daheim geholt. „Sie sind wirklich sehr interessiert.“ Aber neue Mitglieder, vor allem aktive, hätten sie dadurch leider noch nicht gewonnen. Heyers Bilanz: „In diesem Jahr haben wir bis jetzt drei Mitglieder dazu gewonnen.“

Nicht drei, sondern etwa zehn neue Mitglieder sind im vergangenen Jahr zum Nabu Hambergen gestoßen. „Bei insgesamt etwa 300 Mitgliedern ist das natürlich nicht sehr viel“, räumt Vorstandsmitglied Frank Martin ein. Einen direkten Bezug zur „Fridays-for-Future“-Bewegung sieht er bei den 35- bis 50-jährigen Neuzugängen ebenfalls nicht. Dabei würde Martin es sehr begrüßen, wenn sich die jungen Leute aktiv „mit der Hand am Arm“ für den Klimaschutz engagierten: „Die wahre Naturschutzarbeit ist nicht nur im Protest allein zu sehen, sondern im aktiven Engagement.“ Genau das will zumindest ein Neuzugang in Hambergen. Ein junger Mann aus Lübberstedt. Auf Nachfrage von Nabu-Mitglied Jürgen Röper erklärte er, durch die Klimaschutzdebatte zum Naturschutz zu kommen. Und er ist nicht nur zahlendes Mitglied. Er will, so erklärte er gegenüber den Hamberger Naturschützern, aktiv mitarbeiten.

Vielleicht ist er nur der erste von vielen, die noch zum Nabu und zum BUND stoßen werden. Der Matthias Freter vom Nabu Niedersachsen meint zumindest: „Die noch immer wachsende Bewegung wird sicherlich auch zu höherem Interesse an und zu mehr Teilnahme in diversen Umweltverbänden beitragen.“

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