Lilienthals Einzelhändler bleiben trotz Landesförderung skeptisch / Hoffen auf den neuen Bürgermeister

Kostenlos ins Internet mit Freifunk?

Lilienthal. Es gibt Geld fürs kostenlose Internet in Städten und Gemeinden. 100 000 Euro hat die rot-grüne Landesregierung bereitgestellt.
28.09.2016, 00:00
Lesedauer: 4 Min
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Von Michael Wilke

Lilienthal. Es gibt Geld fürs kostenlose Internet in Städten und Gemeinden. 100 000 Euro hat die rot-grüne Landesregierung bereitgestellt. Doch Lilienthals Geschäftsleute halten sich zurück. Manche fürchten, Preise und Kundendaten könnten übers freie WLAN im Internet landen. Andere argwöhnen, dass sich Kunden im Laden beraten lassen, per Handy Typenschilder oder Barcodes fotografieren und die Ware online ordern. Statt der Kaufleute könnte die Gemeinde aktiv werden und so genannte Hot Spots für den kostenlosen Internetzugang installieren. Es sei höchste Zeit, glaubt der Grüne Gerhard Voss. „Sonst geht uns die Förderung durch die Lappen. Wenn andere Kommunen zugreifen, ist der Topf leer.“

Voss hofft, dass der neue Bürgermeister Kristian Tangermann (CDU) die Initiative ergreift. Eine Entscheidung wäre noch in diesem Jahr möglich, glaubt er: „Über Schwarz-Grün.“ Zusammen hätten CDU und Grüne die Mehrheit im Rat. Der Zug der Zeit sei nicht aufzuhalten, warnt Voss. Bald werde das kostenfreie Internet in Ortskernen selbstverständlich sein.

„Gute Anregung“, findet der CDU-Fraktionschef im Rat, Rainer Sekunde. Die Union hat schon 2015 vorgeschlagen, mit Hot-Spots für ein kostenloses Internet zwischen Ärztehaus und Murkens Hof zu sorgen, um das Netz später Schritt für Schritt auszubauen. Doch die Ratsmehrheit lehnte ab, wegen der Kosten für die verschuldete Gemeinde (wir berichteten). Tangermann trete sein Bürgermeisteramt am 1. November an, sagt Sekunde. Jetzt gelte es, Informationen zu sammeln, „um dann gemeinsam voran zu gehen.“

So einfach ist das für die Grüne Erika Simon nicht. Die Einschätzung ihres Parteifreundes Voss überrascht sie. In diesem Jahr stehe im Etat kein Geld fürs freie WLAN zur Verfügung, sagt sie. Kurz vor Jahresschluss eine außerplanmäßige Ausgabe beschließen? Davon hält die Ratsfrau nichts. Sie fragt sich, warum es der Staat richten soll, wenn es eine Alternative gibt: den Freifunk, der auf bürgerschaftlichem Engagement beruht. Den gibt es tatsächlich.

Die Bewegung (Internetadressen: www.freifunk.net und nord.freifunk.de) will Menschen rund um den Globus animieren, frei zugängliche nicht-kommerzielle Netzwerke zu schaffen. Die würden in Eigenregie aufgebaut, erklären die Freifunker. Jeder Nutzer stelle seinen WLAN-Router im Netz als Knotenpunkt für den Datentransfer anderer Teilnehmer zur Verfügung. Im Gegenzug könne er im Internet surfen, Texte, Musik oder Filme übertragen, chatten, telefonieren oder Onlinegames spielen.

Das Land fördert die Aufbauarbeit der ehrenamtlichen Freifunk-Initiativen, wie Niedersachsens Wirtschaftsminister Olaf Lies betonte. Auf Antrag würden den Gruppen die mit Antennen bestückten Router zur Verfügung gestellt. Außerdem fördere das Land die Planung kommunaler WLAN-Netze mit Zuschüssen. Das bestätigt Wilfried Konnemann, Projektleiter im Breitband-Kompetenzzentrum des Landes in Heilshorn. Die Freifunk-Router liegen nach seinen Worten „auf Halde und warten auf die Antragsteller“. Für Kommunen gebe es keine Geräte, aber pro Gebiet 1500 Euro für die Planung des öffentlichen WLAN, erklärt Konnemann. Es reiche aber nicht den Router im Laden an die Wand zu schrauben. „Man muss mit der Antenne nach draußen“, rät Konnemann. Sonst sei die Reichweite zu gering.

Winfried Rokita weiß das. Der Lilienthaler ist Freifunker aus Passion. Er informiert Bürger und Geschäftsleute über das neue Netz, das mit jedem angeschlossenen Router einen Knotenpunkt mehr bekommt. Rokita installiert die mit einer speziellen Linux-Software versehenen Geräte auch zum Selbstkostenpreis, 15 bis 50 Euro. Das mache er ehrenamtlich, erklärt er. In Flüchtlingsunterkünften und Geschäften war er schon aktiv. Im Laden des IT-Experten Torsten Rohlfs an der Hauptstraße hat er den Freifunk-Router mit Saugnäpfen innen an die Schaufensterscheibe gepresst. So reicht das WLAN aber nur vom Laden bis zu Amendsson und Buch und Papier Winter schräg gegenüber. Unbefriedigend für einen wie Rokita. Am besten funktioniere Freifunk mit Outdoor-Geräten, sagt er. Wenn der Router draußen an einem Mast hänge, komme man bei größeren Sichtweiten auf 300 Meter Reichweite oder mehr.

Für Interessierte ist Rokita per Handy unter 0 175 / 49 97 493 und per E-Mail an winfried@rokita.de erreichbar. Der Freifunker kennt die Sorgen der Geschäftsleute. Die Angst, sie könnten für verbotene Internetnutzungen haftbar gemacht werden, sei seit dem jüngsten Urteil des Europäischen Gerichtshofs unbegründet, sagt er. Gegen Gefahren eines freien Netzes könnten sich Läden wappnen: „Man kann ein Gastnetz einrichten, um seine Geschäftsdaten zu schützen.“ Der Freifunk sei gut für Touristen: „So fallen keine Roaminggebühren an.“ Auch die Jugendlichen wollten „unbedingt WLAN“.

Gerhard Voss hatte die Idee, in Lilienthal eine Freifunk-Zone zu etablieren. „Es muss ein Verein oder eine andere Institution sein, die den Förderantrag stellt“, erklärt der Grüne. Dafür kämen der Wirtschaftsinteressenring (WIR) oder die Genossenschaft Lilienthal Live (Lili) in Frage. Doch Lili winkt ab. Die einmalige Förderung sei nicht ausschlaggebend, sagt der IT-Experte Torsten Rohlfs. Folgekosten und Sicherheitsmaßnahmen würden nicht gefördert. Ein zweiter Router im Laden koste monatlich 20 Euro. Rokita rechnet anders. Wenn man den vorhandenen Router mit dem Freifunk-Router verbinde, fielen nur Stromkosten von einem Euro im Monat an. Doch Rohlfs rät von der Routerverbindung ab; er fürchtet um die Sicherheit der Geschäftsdaten. Für den Einzelhandel sei der Freifunk ein zweischneidiges Schwert, glaubt er. Zwar steigere er die Attraktivität des Zentrums, erleichtere aber auch den „Beratungsklau“.

Die WIR-Vorsitzende Gabriele Kunze wusste bisher nichts vom Freifunk-Angebot: „Das höre ich zum ersten Mal.“ Sie hält den Wirtschafts-Interessenring mit knapp 90 Mitgliedern im gesamten Gemeindegebiet nicht für den geeigneten Ansprechpartner: „Wir können das nicht organisieren.“ Grundsätzlich findet die Geschäftsfrau das kostenlose WLAN gut, „damit sich unser Zentrum belebt und mehr junge Leute kommen.“ Der neue Bürgermeister solle die Sache in die Hand nehmen, findet Kunze.

Michael Timm bedauert die Stagnation in Lilienthal. In Holland sei das kostenlose WLAN Standard, in vielen deutschen Städten auch. „Freies WLAN wird kommen. Das ist für mich so sicher wie das Amen in der Kirche.“

„Das freie WLAN wird kommen. Das ist für mich so sicher wie das Amen in der Kirche." Michael Timm, Friseur
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